Eberhardt Gering

Zu meinem Artikel  “Sachverhaltsinformationen im Fachinformationsprozeß - Begriffe und Termini”

 
Der Artikel ist erschienen in: nfd Information - Wissenschaft und Praxis, Heft 3 / 2001
Das Manuskript des Artikels kann auch auf dieser Website nachgelesen werden.

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Zunächst sei darauf aufmerksam gemacht, daß der oben genannte Artikel auf Grundaussagen der Erkenntnistheorie beruht. Der terminologische Wirrwarr auf dem angesprochenen Teilgebiet der Informations- und Dokumentationswissenschaft veranlaßte mich zum wiederholten Male zu dem Bemühen, Klarheit und Übersichtlichkeit in die betreffende Fachterminologie zu bringen.  Das Resümé der Untersuchungen ist im  Abschnitt 8  ( Definition von Sachverhaltsinformation ) des genannten Artikels enthalten. Dazu gehört auch Tabelle 3 ( Genesis von Sachverhaltsinformationen ).
Mit den hier vorliegenden zusätzlichen Erläuterungen möchte ich einige praxisbezogene Zusammenhänge aufzeigen und damit die aktuelle Bedeutung der Problematik von Sachverhaltsinformationen unterstreichen.

Worum geht es? Es geht um die Zuverlässigkeit, Genauigkeit und Nachprüfbarkeit von Aussagen, wie sie uns in Wissenschaft, Politik und weiteren Gebieten der Gesellschaft begegnen. Ein Thema, dem sich übrigens schon vor Jahren der Deutsche Presserat in einer sehr fundierten Erklärung verschrieben hatte (siehe Zitat). Es gibt eine ganze Palette von Qualitätskriterien für Aussagen zu den Gegenständen von Wissenschaft und Politik, die oben genannten drei Kriterien scheinen mir die wichtigsten zu sein.

Sachverhaltsinformationen beruhen auf solchen wissenschaftlichen, politischen und anderen Aussagen. Worauf beruhen ihrerseits diese Aussagen?  Sie geben sowohl den Erkenntnisstand  über die betrachteten Gegenstände und Prozesse der Wirklichkeit als auch die Absichten derjenigen Menschen wieder, die solche Aussagen formulieren und in Gestalt von Informationen weitervermitteln.
Nun sollte man meinen, daß sich jeder, der wissenschaftliche oder politische Aussagen trifft, auf die Fakten und nur auf die Fakten stützt. Was sind Fakten?  Es sind nicht etwa die Aussagen selbst (die können wahr, “halbwahr” oder völlig falsch sein). Fakten sind diejenigen Sachverhalte, das heißt Objekte mit ihren Eigenschaften und wechselseitigen Beziehungen, welche in den Seinsbereichen Natur, Gesellschaft und Denken wirklich existieren. Es ist notwendig, an dieser Stelle zwischen “Wirklichkeit” und “Möglichkeit” zu unterscheiden. Was aus der Sicht des Menschen "möglicherweise existiert", darf auf keinen Fall schon als "Fakt" bezeichnet werden.  Siehe hierzu den Abschnitt 3 (Sachverhalt und Fakt).

Genügt es zu sagen: “Ich mache eine Aussage über einen Fakt”, und damit hat es sich?  Hier will ich ein Beispiel einbringen. Es ist aus dem Bereich der Politik.  Also, ein hochrangiger Politiker hält auf diversen Pressekonferenzen Fotos in die Höhe und erklärt: “Das sind die Fakten!”. Was meint er? Er meint nicht in erster Linie die Existenz der Fotos – diese Existenz ist Fakt, genauer gesagt materieller Fakt, d.h. diese Fotos sind wirklich vorhanden (man kann sie sehen, evtl. anfassen usw.).  Tatsächlich meint der genannte Politiker  jedoch die Aussagen, die er über die Fotos trifft. Später stellt sich heraus, daß viele dieser Aussagen nicht dem wirklichen Geschehen entsprechen, sondern falsch oder unwahr sind. Das aber interessiert den Politiker gar nicht mehr, er hat seinen Teil, einen sehr wesentlichen Teil, zur öffentlichen Meinungsbildung beigetragen. In die Köpfe der Fernsehzuschauer wurden “Fakten” eingehämmert.

Wenn die betreffenden Aussagen aber nicht auf Fakten, das heißt nicht auf der Wirklichkeit beruhen und demnach keine Faktenaussagen sind, was sind sie dann? Hier greifen sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik zwei Begriffe: Vermutung und Fiktion.  Eine Vermutung ist kein Fakt, sondern eine Aussage darüber, daß ein entsprechender Fakt möglicherweise wirklich existiert. Jeder Wissenschaftler oder Politiker muß, wenn er verantwortlich handeln will, an dieser Stelle sagen: Ich vermute, daß dem oder jenem Objekt (z.B. abgebildet auf dem Foto) diese oder jene Geschehnisse zugrunde liegen. So etwas ist in der Wissenschaft legitim und zwingend. Man kennt hier unter anderem solche Termini wie “Behauptung”, "Hypothese”, “Prognose”. Für die Medien schreibt der von mir schon genannte Pressekodex vor : “Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen.
Was ist "Fiktion"?  Es ist weder Fakt noch Vermutung über die Existenz eines Fakts, sondern ein im menschlichen Bewußtsein willkürlich konstruiertes Objekt, ein Objekt, das es außerhalb des menschlichen Bewußtseins nicht gibt. Wenn wir die Wirklichkeit als Gesamtheit und Wechselbeziehung aller Objekte der Natur, der Gesellschaft und des Denkens auffassen,  müssen wir natürlich die hier gemeinten Objekte des Denkens (man bezeichnet sie als “ideelle Fakten”) aus der Menge der Fiktionen ausschließen. Eine Fiktion ist etwas Erdachtes, nur in der Vorstellung von Menschen Existierendes.
Idealisierungen, Utopien, Phantastereien, aber auch Irrtümer sowie Verfälschungen und Lügen sind Beispiele für Aussagen, denen fiktive Objekte bzw. Sachverhalte zu Grunde liegen. Demgegenüber sind die  “ideellen Fakten” eine Alternative zu den materiellen Fakten.  Es sind, ebenso wie die materiellen Fakten, wirklich existierende Sachverhalte, wie sie beispielsweise in der Physik und der Mathematik gegeben sind.
Fakten und Fiktionen sind beides Sachverhalte, das heißt materielle, ideelle oder erdachte Objekte, die über bestimmte Eigenschaften verfügen und in bestimmten Wechselbeziehungen miteinander stehen. Der Begriff der “Sachverhaltsinformation” schließt demzufolge die Gruppe der Informationen über Fakten und ebenso die Gruppe der Informationen über Fiktionen ein. “Sachverhaltsinformation” beinhaltet als große dritte Gruppe aber auch die Information über Vermutungen bzw. vermutete Sachverhalte.
Das alles macht nur Sinn, wenn die genannten drei Gruppen (es gibt keine weiteren) in der Praxis auch deutlich voneinander unterschieden werden. Ich verweise hier wieder auf die beispielhaften Festlegungen im Deutschen Pressekodex.
Die Notwendigkeit von Informationen über Fakten und Vermutungen bedarf kaum einer  weiteren Diskussion. Brauchen wir aber auch Informationen über Fiktives, nur Ausgedachtes?  Natürlich, wir müssen die Informationen hierüber aber unbedingt entsprechend kennzeichnen. In meinem Artikel bringe ich als klassisches Beispiel eines komplexen fiktiven Sachverhalts das Modell des ptolemäischen Weltsystems, welches bis zu den Entdeckungen von Kopernikus, Kepler und Galilei das Denken der meisten Menschen bestimmte, . Sicherlich ist nicht zu bezweifeln, daß über diese Fiktion auch lange nach ihrer Ablösung durch das kopernikanische Modell immer wieder, gegebenenfalls unter Nutzung neuer Erkenntnisse, informiert werden muß.
Aber woher wissen wir, ob etwas Fakt, Vermutung oder Fiktion ist? Prüfstein sind hier im weitesten Sinn die Denkgesetze, welche die logische Widerspruchsfreiheit der Aussagen, die Gesetze der Natur und die Gesetze der Gesellschaft betreffen. Nur wenn sie zu keinem dieser  Gesetze im Widerspruch steht, kann eine Aussage als Faktenaussage betrachtet werden. “Ein bißchen Fakt und ein bißchen Nichtfakt” – das geht ebensowenig wie die berühmte Frau  die “nur ein bißchen schwanger” ist.
Selbstverständlich unterliegen die Erkenntnisse der Menschen darüber, ob etwas Fakt, Vermutung oder Fiktion ist, beständigen Korrekturen. Wir sprechen von möglichen Verschiebungen der Objektaussagen von einer Klasse (z.B. der Klasse der Fakten) in eine andere Klasse (z.B. die  Klasse der Fiktionen). Am Beispiel der beiden großen Weltmodelle des Ptolemäus und des Kopernikus läßt sich das sehr gut verdeutlichen.
Wer heute das Modell des Ptolemäus ( Ptolemäisches Weltbild ) als falsch und dasjenige des Kopernikus als in den Grundlagen richtig einstuft, wird nur noch bei Dummköpfen auf Widerspruch stoßen. Hier darf man sagen: “Fakt ist Fakt”. Ganz anders sieht es bei solchen Sachverhalten aus, die wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Tabus unterliegen. Das hat seinerzeit Giordano Bruno als schreckliche Konsequenz seiner Faktenaussagen und begründeten Vermutungen mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bezahlen müssen.
Auch in unserer Zeit ist festzustellen, daß auf der Grundlage "wissenschaftlich" verbrämter Religiosität nicht selten wissenschaftliche Erkenntnisse mit religiösen Deutungsmustern gekoppelt werden. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Verbindung der Hypothese vom "Urknall" mit dem Gedanken von der göttlichen Schöpfung des Universums. 
Abgesichert wird diese gigantische Fiktion durch die gesellschaftliche Tabuisierung einer Hinterfragung der Urknall-Hypothese. Das erfährt jeder, der Zweifel am  “Urknall”  anmeldet, denn Fragen nach dem “vorher” und dem “drumherum” gelten nicht nur als tabu, sie werden von Vertretern der Urknall-Hypothese nicht selten als Ausweis eines beschränkten Denkens des Fragestellers diffamiert. Mit dieser Tabuisierung werden die Grenzen zwischen vorerst nur zu vermutenden und wirklich existierenden Sachverhalten ignoriert und Vermutungen ohne hinreichend gesicherte Beweise in den Rang von Fakten erhoben.
Doch wer weiß, vielleicht erleben wir bald, daß die aus astrophysikalischen Tatsachen und Vermutungen abgeleitete Hypothese einer mit einem Urknall begonnenen "Schöpfung" des Weltalls als fiktiv verworfen und durch ein der objektiven Realität entsprechendes Modell ersetzt wird. Dann hätten wir es abermals, wie beim bereits genannten Weltbild des Ptolemäus, mit einer umfassenden und folgenreichen Verschiebung von Objektaussagen aus der Klasse der Fakten bzw. der Vermutungen in die Klasse der Fiktionen zu tun!
Was Tabuisierungen betrifft, geht es in der Politik besonders schlimm zu. Wer "wagt es", zu bezweifeln, daß die USA mit ihren unverhohlenen Vorbereitungen immer neuer und größerer Kriege ( die schnell zum dritten Weltkrieg werden können ) ihre Entschlüsse aus "unwiderlegbaren Fakten" ableiten?
Tabuisierungen in Wissenschaft und Politik sind nicht nur aus erkenntnistheoretischer Sicht, sondern insbesondere wegen ihrer unabsehbaren gesellschaftlichen Folgen  strikt abzulehnen.  Statt dessen gilt es auf den betreffenden Gebieten, dem erreichten Erkenntnisstand entsprechend, eindeutig zwischen Fakten und Fiktionen zu differenzieren und überall dort, wo Entscheidungen nicht möglich sind, die entsprechenden Aussagen deutlich als Vermutungen zu deklarieren. Der Mensch kann feststellen oder vermuten, ob etwas Fakt ist oder nicht, er kann es jedoch niemals festlegen, auch nicht mit einer angemaßten "Autorität".

Hier möchte ich diesen Exkurs beenden, wohl wissend, daß der  behandelte Stoff  weiter zu diskutieren ist.

 
Der vom Deutschen Presserat verabschiedete “Pressekodex” besagt:

Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse
(Ziffer 1 des Pressekodex).

Zur Veröffentlichung bestimmte Nachrichten und Informationen in Wort und Bild sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Dokumente müssen sinngetreu wiedergegeben werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen.
Symbolfotos müssen als solche kenntlich sein oder erkennbar gemacht werden.
(Ziffer 2 des Pressekodex).     /1/

/1/  Internet-Homepage des Deutschen Presserates, Web-Adresse “www.presserat.de/kodex.html”
(Stand 2001)


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