Eberhardt Gering, Berlin

Sachverhaltsinformationen im Fachinformationsprozeß
Begriffe und Termini
 
 

 
Gliederung
   
 1. Begründung des Themas
 2. Sachverhaltsinformationen und Dokumenteninformationen
 3. Sachverhalt und Fakt
 4. Definition von Sachverhalt
 5. Sachverhaltsaussage und Faktenaussage
 6. Formalisierung von Sachverhaltsaussagen
 7. Sachverhaltsinformation und Fakteninformation
 8. Definition von Sachverhaltsinformation
 9.  Arbeit mit Sachverhaltsinformationen
   
. Fußnoten
  Tabellen
  Literaturverzeichnisse
  Angaben zum Autor

Zum Beitrag über Sachverhaltsinformationen in der gesellschaftlichen Praxis

Zum Verzeichnis Informationswissenschaft


 
1. Begründung des Themas
   
Wie jede Fachdisziplin steht die Wissenschaft von der IuD  ( Information und Dokumentation ) ständig  vor der Notwendigkeit, ihren Gegenstandsbereich zu überprüfen, die Arbeitsgegenstände auf wissenschaftlicher Grundlage genau zu definieren und daraus die richtigen Aufgabenstellungen für die Informationspraxis abzuleiten. Erst das klare Begreifen und Bezeichnen der fachlichen Gegenstände ermöglicht es, die Unterschiede zu anderen, verwandten Berufsgruppen hinreichend genau aufzuzeigen und darauf  fußend die Wege effektiven Zusammenwirkens mit Nachbardisziplinen und  -bereichen abzustecken. 
Unklare, mehrdeutige oder sogar falsche Begriffsbildung und Anwendung entsprechender, unzulänglich oder falsch definierter Termini führen in die Irre und können letztendlich die Daseinsberechtigung eines eigenen Fachbereiches IuD in Frage stellen.

Die nachstehenden Darlegungen sollen auf  dem Gebiet der  Sachverhaltsinformation und  seinem Teilgebiet, der Fakteninformation, zur eindeutigen Bestimmung der Arbeitsgegenstände beitragen. Priorität hat im vorliegenden Beitrag das Präzisieren des Begriffsfeldes und der Fachtermini, die diesem Begriffsfeld zuzuordnen sind.

Die Dringlichkeit entsprechender fachmethodischer Maßnahmen  ergibt sich vor allem aus der neuen  Situation, welche durch das rasche Vordringen des Internetdienstes World Wide Web entstanden ist.  Das Web als ein sich ständig erweiterndes und veränderndes Medium hält in bisher unbekanntem Maße Fakteninformationen und andere Arten von Sachverhaltsinformationen für die Nutzung in allen Fachinformationsprozessen bereit. Es versetzt damit immer größere Teile der bisherigen IuD - Nutzer in die Lage, sich in scheinbar ausreichendem Umfang selbst mit Fachinformationen zu versorgen. 
Allerdings können bei einem unbedenklichen Übernehmen der im Web auffindbaren Informationen wesentliche Merkmale optimaler Informationsversorgung wie wissenschaftliche Zuverlässigkeit, Genauigkeit, Nachprüfbarkeit und Aktualität der Fachinformationen (siehe auch Fußnote 13) ernsthaft beeinträchtigt werden. 
In dieser Entwicklung liegen sowohl Gefahren als auch Chancen für die IuD.  Der Gefahr  möglichen Verzichts vieler Nutzer auf  spezifische Leistungen der IuD  steht die Chance gegenüber,  durch eine unter dem Aspekt des Internet erfolgende Weiterentwicklung der  IuD-Methodik  und  entsprechender  Qualifizierung der IuD-Leistungen  von den Informationsnutzern auch zukünftig als eigenständige, im gesellschaftlichen Kontext unverzichtbare  Disziplin akzeptiert zu werden. 

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2.  Sachverhaltsinformationen und Dokumenteninformationen
   
Fachinformationen werden den Nutzern sowohl auf direktem als auch auf indirektem Wege verfügbar gemacht. 
Auf dem direkten Wege werden Informationen vermittelt, die direkt aus den Erkenntnisprozessen von Wissenschaft und Praxis resultieren. Diese Informationen beruhen auf den wissenschaftlichen Aussagen, die  über die Erkenntnisobjekte selbst gemacht werden. Wegen ihres direkten Bezuges zu den Erkenntnisobjekten werden diese Aussagen als  Objektaussagen1 bezeichnet. Sie sind die Grundlage der Sachverhaltsinformation über das jeweilige Objekt.

Indirekte Informationsvermittlung liefert Meta-Aussagen. Durch Meta-Aussagen wird nicht unmittelbar über das Erkenntnisobjekt informiert. Es sind Aussagen, die Angaben zu den Informationsquellen machen,  aus denen interessierende Objektaussagen entnommen werden können. Informationsquellen der genannten Art sind in der Regel wissenschaftliche Dokumente (beispielsweise Fachbücher oder Zeitschriftenartikel), in denen Objektaussagen zusammengefaßt vorliegen.  (vgl.Tabelle 1)
Informationen, deren Gegenstand Meta-Aussagen zu wissenschaftlichen Dokumenten sind, bezeichnen wir als Dokumenteninformationen. Hierunter werden die bibliographischen, formalen und inhaltscharakterisierenden Angaben zu diesen Dokumenten verstanden.

Informationen, deren  Gegenstand  die Objektaussagen selbst sind, werden meistens als „Fakteninformationen“ (oder auch nur als „Fakten“) bezeichnet. Diese Generalisierung ist unrichtig. Betrachten wir, ausgehend von der Ebene der Objekte, die Ebene der Aussagen über Objekte, so finden wir drei Kategorien von Aussagen:
 
  • erstens die als wahr bzw. richtig  erkannten Ausagen;
  • zweitens diejenigen Aussagen, die sich als falsch bzw. unrichtig erweisen;
  • drittens solche Aussagen, die eine Vermutung zum Ausdruck bringen.
Beispiele für entsprechende Objektaussagen sind in der Reihenfolge der drei Kategorien:
  • das heliozentrische (kopernikanische) Weltsystem; 
  • das geozentrische (ptolemäische) Weltsystem;
  • die Hypothese von der Entstehung des Universums durch einen Urknall.

Fakteninformationen sind nur diejenigen Informationen, die auf Aussagen der ersten Kategorie beruhen (wahre bzw. richtige Aussagen). Aussagen der zweiten und dritten Kategorie sind keine Faktenaussagen und stellen auf der Ebene der Informationen keine Fakteninformationen dar. (siehe Abschnitt 5)

Gemeinsam ist den Aussagen aller drei Kategorien, daß sie Aussagen zu Sachverhalten sind. Ein Sachverhalt ist ein Objekt  ( aus einem der drei Objektbereiche Natur, Gesellschaft und Denken ) zusammen mit seinen Eigenschaften und seinen Beziehungen zu anderen Objekten (siehe Abschnitt 4)
Der Begriff der Objektaussage (siehe oben) muß unter diesem Aspekt auf  Sachverhaltsaussage  ausgeweitet werden. Der Unterschied zur Dokumenteninformation wird davon nicht betroffen. „Sachverhaltsaussage“ ist Oberbegriff für alle drei oben genannten Kategorien von Aussagen, Faktenaussagen eingeschlossen.  Diese Feststellung führt zu dem Schluß, daß alle Informationen, die auf direktem Wege aus Sachverhaltsaussagen  (das heißt aus Objektaussagen im weitergefaßten Sinn) gewonnen werden, unter dem Oberbegriff Sachverhaltsinformationen  zusammengefaßt werden können. Fakteninformationen sind ein Teil der Gesamtmenge aller Sachverhaltsinformationen.
 
Sachverhaltsinformationen und Dokumenteninformationen sind die beiden Grundtypen von Informationen, mit denen wir es in den Fachinformationsprozessen zu tun haben.

Für das Vermitteln von Fachinformationen sind sowohl Sachverhaltsinformationen als auch Dokumenteninformationen erforderlich. Vielfach enthalten Informationsleistungen beide Typen von Informationen. 
Eine breite Zwischenzone bilden die verschiedenen Arten von Informationen, die in  synthetischen Informationsmittelnzusammengefaßt sind. Sie beruhen auf der schöpferischen Verarbeitung  von  Objektaussagen, die aus Informationsquellen oder  direkt aus dem Erkenntnisprozeß gewonnen wurden. Häufig besitzen synthetische Informationsmittel  wieder den Charakter selbstständiger Informationsquellen, aus denen der Nutzer die ihn interessierenden Sachverhaltsinformationen erneut erschließen muß.

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3.  Sachverhalt und Fakt
   
Unter erkenntnistheoretischem Aspekt muß der Begriff des Fakts vom Begriff des Sachverhalts unterschieden werden. Fakten sind bestimmte Sachverhalte, und zwar diejenigen, die in der objektiven Realität oder im menschlichen Bewußtsein wirklich existieren. Daneben gibt es jedoch Sachverhalte, die keine Fakten sind, da ihnen keine wirkliche Existenz zukommt. [vgl. 2, S.44]

Der vorangehende Satz läuft  scheinbar auf  einen logischen Widerspruch hinaus, nämlich daß es etwas gibt, was nicht existiert. Jedoch geht es nicht schlechthin um "existieren", sondern um "wirklich existieren", d.h. die Wirklichkeit ist hierbei - entsprechend dem in der Philosophie gegebenem Kategorienpaar "Wirklichkeit und Möglichkeit" - als Gegensatz zur Möglichkeit aufzufassen [vgl. 1, S.164 und 261].  Die Möglichkeit der Existenz von Sachverhalten ist so vielfältig, wie der Umfang des Begriffes "Möglichkeit" selbst.

Bei den nicht wirklich existierenden Sachverhalten können hinsichtlich des Möglichen vier Arten unterschieden werden: [vgl. 4, S.819]

   
Sachverhalte, die unmöglich sind, da sie sowohl den Denkgesetzen widersprechen (logisch widersprüchlich sind) als auch im Widerspruch zu den Gesetzen der Natur und der Gesellschaft stehen. Das "Unmögliche" ist hier als einer der beiden Pole des "Möglichen" ( der andere Pol ist die Wirklichkeit selbst ) aufzufassen.
    Dazu gehört beispielsweise der Sachverhalt, daß ein Quadrat rund ist.
Sachverhalte, die nur formal möglich sind, da sie zwar den logischen Denkgesetzen nicht widersprechen, jedoch mit den Gesetzen von Natur und Gesellschaft unvereinbar sind.
    Zum Beispiel enthält der Sachverhalt von der Arbeit eines perpetuum mobile keinen logischen Widerspruch, er widerspricht aber dem Gesetz der Erhaltung der Energie.
Sachverhalte, die abstrakt möglich sind, da sie weder den Gesetzen des Denkens noch denen von Natur und Gesellschaft widersprechen, für deren Verwirklichung aber die notwendigen konkreten Bedingungen noch nicht vorliegen.
    Ein derartiger Sachverhalt wäre die Durchführung einer Wochenendreise zum Mars.
Sachverhalte, die real möglich sind, da ihre wirkliche Existenz keinen logischen Widerspruch und keinen Widerspruch zu Gesetzen von Natur und Gesellschaft bedeuten würde, für deren Verwirklichung aber nur ein Teil und nicht die hinreichende Gesamtheit der notwendigen Voraussetzungen gegeben ist.
    Ein solcher real möglicher Sachverhalt wäre eine Touristenwanderung auf dem Mond.
   
Ein nur imBereich des Möglichen liegender Sachverhalt (das "Unmögliche" immer mit eingeschlossen) darf nicht mit einem wirklich existierenden Sachverhalt, das heißt mit einem Fakt, gleichgesetzt werden. Termini wie "mögliche Fakten", "potentielle Fakten" oder "hypothetische Fakten", wie sie gelegentlich in der Fachliteratur auftauchen [vgl.2, S.38,45], sind unzulässig. Sie vermengen entweder Wirkliches und Mögliches oder bringen nur eine Vermutung über die wirkliche Existenz eines bestimmten Sachverhaltes zum Ausdruck. Vermutungen können sich aber im weiteren Erkenntnisprozeß ebensogut als zutreffend wie als nicht zutreffend erweisen.
 
Zur eindeutigen Unterscheidung von den Fakten werden diejenigen Sachverhalte, die nur im Bereich des Möglichen angesiedelt sind, als  fiktive Sachverhalte  bezeichnet.

Fiktive Sachverhalte werden im Bewußtsein des Menschen konstruiert, sie sind daher  ausschließlich der ideellen Sphäre zuzurechnen. Die Ursachen für das Entstehen solcher Konstruktionen sind vielschichtig (vgl. Tabelle 3).  Im Unterschied zu den fiktiven Sachverhalten existieren hingegen Fakten sowohl im Bereich des Materiellen als auch des Ideellen (vgl. Tabelle 2).

In Theorie und Praxis der Information und Dokumentation bestehen hinsichtlich der Existenzbereiche von Fakten uneinheitliche Auffassungen. Häufig wird die Meinung vertreten, Fakten seien ausschließlich etwas Materielles ("harte Fakten“). Die Existenz von Fakten im ideellen Bereich (vgl. Tabelle 2) wird damit ignoriert. 

Noch stärker wird der Begriff des Fakts eingeschränkt, wenn man unter einem Fakt nur "eine gewisse Erscheinung der objektiven Realität, über die es eine Information gibt", versteht [vgl.3, S.3].  Das würde bedeuten, einen Fakt erst dann als solchen anzuerkennen,  wenn eine Information über ihn vorliegt. Die vielen unentdeckten Seiten unserer Erkenntnisgegenstände und die unendlich große Zahl noch unerkannter, wirklich existierender Sachverhalte werden mit dieser Einschränkung des Faktenbegriffs von vornherein aus der Menge der Fakten ausgeschlossen. 

 
Es mutet merkwürdig an, wenn man sich die Konsequenzen dieser Auffassung verdeutlicht. Beispielsweise wäre so gesehen das "heliozentrische Sonne- Planeten- System" erst mit  den klassischen  astronomischen Entdeckungen des 16. und 17. Jahrhunderts  zum "Fakt" geworden, während es zuvor, da nicht bekannt, nicht "Fakt" sein   konnte. 
Die Frage bleibt offen, was unser Sonnensystem, wie wir es heute kennen, bis zur Entdeckung seiner tatsächlichen Struktur nach Meinung der Vertreter oben genannter Auffassung gewesen sein soll.

Auch sogenannte „vergessene Fakten“, das heißt Sachverhalte, die in der Vergangenheit wirklich existierten und zu denen uns gegenwärtig keine Informationen vorliegen, würden bei Befolgung der oben genannten These aus dem Faktenbegriff ausgeklammert.
   
Der Archäologe würde demnach nicht  "Fakten zutage fördern" - eine Aussage, der wir uns anschließen können, wenn man diesen bildhaften Ausdruck richtig einordnet - er würde vielmehr die "Fakten erst erzeugen", so wie er die Information über bisher nicht Bekanntes erzeugt.

Derartige Einengungen des Faktenbegriffs sind ungerechtfertigt. Zweifellos muß sich die Informationstätigkeit immer auf die realen Gegenstände des Erkenntnisprozesses stützen und damit diejenigen Fakten in den Vordergrund stellen, zu denen es Informationen gibt. Das kann aber nicht bedeuten, daß alle anderen in der Wirklichkeit vorhandenen oder vorhanden gewesenen, jedoch vom Menschen noch nicht wahrgenommenen oder von ihm wieder vergessenen Objekte bzw. Sachverhalte keinen Faktencharakter besitzen.
Das Umgangssprachliche "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß", welches sich unausgesprochen hinter einer derartig engen Auffassung von "Fakt" verbirgt, ist schon aus allgemeingesellschaftlicher Sicht eine höchst fragwürdige Aussage. In  wissenschaftlicher Hinsicht und damit auch unter dem Aspekt wissenschaftlicher Informationstätigkeit ist die adäquate These: "Nur diejenigen objektiv-realen Erscheinungen, über die es Informationen gibt, sind Fakten", völlig unvertretbar.

Für die Methodik der Informations- und Dokumentationsarbeit ist es hingegen nützlich und notwendig, zwischen materiellen und ideellen Fakten zu unterscheiden. Letztere dürfen nicht mit den fiktiven Sachverhalten verwechselt werden. Ideelle Fakten oder „Fakten des Wissens“ gehören zum Objektbereich des menschlichen Denkens, der neben den Objektbereichen der Natur und der Gesellschaft den dritten großen Objektbereich der  Realität bildet. Ideelle Fakten sind demzufolge als Objekte, genauer als Sachverhalte,  und nicht als Aussagen über Objekte bzw. Sachverhalte zu verstehen. 

   
Beispiele für ideelle Fakten sind Sachverhalte auf den Gebieten der Moral, des Rechts, der Kunst;  der Ökonomie (Wert einer Ware); der Physik (ideales Gas), der Mathematik (mathematische Modelle) und auf vielen anderen Gebieten.
 
Zwischenbilanz

Es ist erforderlich, in der Methodik der Information und Dokumentation die Sachverhalte als das Ganze und die Fakten als Teil vom Ganzen zu verstehen und die Begriffe demgemäß zu verwenden. Sachverhalt und Fakt zählen beide zu den Grundkategorien der Informationswissenschaft.

Vom richtigen Verständnis dieser Kategorien wird die Praxis der Information und Dokumentation wesentlich beeinflußt. Die benötigte einheitliche Ausgangsposition besteht in der  erkenntnistheoretisch begründeten These, daß Fakten die in der objektiven Realität oder im Bewußtsein wirklich existierenden Sachverhalte sind, von denen die nicht wirklich existierenden, fiktiven  Sachverhalte unterschieden werden müssen.

 
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4.  Definition von Sachverhalt
   
In [1, S. 209] wird als Sachverhalt  „die Beziehung zwischen einem Gegenstand und einer typischen Eigenschaft oder Beschaffenheit“  definiert. Diese Definition ist unzulänglich, da sie den in der Realität stets vorhandenen Zusammenhang mit anderen Gegenständen (Objekten) bzw. Sachverhalten außer acht läßt. Für die Methodik und Praxis der IuD ist es angemessener, von der nachstehenden vereinfachten  Arbeitsdefinition auszugehen: „Ein Sachverhalt ist ein Objekt mit seinen Eigenschaften und seinen Beziehungen zu anderen Objekten.

Um die grundlegenden  Strukturen von Sachverhalten herauszuarbeiten, ist allerdings ein noch detaillierteres Herangehen notwendig.  Die Methode dafür liefert die Erkenntnistheorie. Unter erkenntnistheoretischem Aspekt lassen sich für Sachverhalte sechs unterschiedliche Grundstrukturen bestimmen, von denen weitere Strukturformen ableitbar sind. Gemäß diesem Schema liegt ein Sachverhalt vor, wenn alternativ

(1) einem Objekt eine bestimmte Eigenschaft zukommt;
(2) einer Objekteigenschaft eine Eigenschaft zukommt;
(3) zwischen Objekten eine Beziehung besteht;
(4) zwischen Eigenschaften eines Objektes eine Beziehung besteht;
(5) zwischen Objektbeziehungen eine Beziehung besteht;
(6) einer zwischen Objekten bestehenden  Beziehung eine Eigenschaft zukommt.
[vgl. 4, S.1082] und[5, S.25-26]
Beispielsachverhalte
zu (1) Das Elektron (O)  ist elektrisch negativ  (E).
zu (2) Die Erde (O) hat einen kugelförmigen Kern (E) mit einem Radius von 3500 km (E von E).
zu (3) Zwischen Erde (O1) und Mond  (O2)  besteht eine Massenanziehung (B).
zu (4) Die Eigenschaften der Trägheit (E1) und der Schwere (E2) einer physikalischen Masse (O)  sind einander äquivalent (B zwischen E1 und E2).
zu (5) Das wechselseitige sich Bedingen (B1) und einander Ausschließen (B2) der Pole eines Magnetfeldes (O) ist eine Widerspruchsbeziehung (B zwischen B1 und B2)
zu (6) Die Massenanziehung (B) zwischen Erde (O1) und Mond (O2)  ist meßbar (E von B).
Es bedeuten:  O – Objekt;  E – Eigenschaft;  B – Beziehung

Erläuterungen

  • Der Objektbegriff wird in den oben genannten sechs Grundstrukturen eines Sachverhalts  mehrschichtig aufgefaßt. Er  kann sich beziehen auf:
     
    ein einzelnes Objekt z.B. ein Proton.
    eine Objektklasse z.B. die Objektklasse der Atombausteine  mit den Objekten Proton, Neutron und Elektron.
    eine Klasse von Objektklassen z.B. die Klasse der Elementarteilchen mit den  Objektklassen Atombausteine, Feldquanten u.a.
    
    
  • Eigenschaften von Objekten und Beziehungen zwischen Objekten können selbst zum Erkenntnisgegenstand werden. Um logische Widersprüchlichkeit zu vermeiden, betrachtet man sie jedoch nicht als Objekt im oben genannten Sinne.

  •  
  • Der Begriff des Objekts schließt alle Objekte (synonym Dinge, Gegenstände) der Bereiche Natur, Gesellschaft und Denken ein.
Zusammengefaßt:
Objekte, deren Eigenschaften und Beziehungen sind die Strukturelemente von Sachverhalten. Diese Strukturelemente widerspiegeln sich im Bewußtsein als Begriffe, während die Sachverhalte als Ganzes im Bewußtsein als Aussagen wiedergegeben werden.   (siehe Abschnitt 5).

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5.   Sachverhaltsaussage und Faktenaussage
   
Die in der Natur, der Gesellschaft und im Denken wirklich existierenden Sachverhalte (Fakten) sowie Zusammenhänge von Sachverhalten werden im Bewußtsein als Aussagen   (Sachverhalts- oder Faktenaussagen) abgebildet.  Das gesamte, auf empirischem oder theoretischem Wege gewonnene Wissen existiert in Form entsprechend systematisch geordneter Aussagen und Aussagensysteme. Je nachdem ob die Fakten, welche der Gegenstand des Erkenntnisprozesses sind, richtig oder nicht richtig erkannt wurden, sind die gewonnenen Aussagen wahr oder falsch. Die als wahr bzw. richtig bestätigten Aussagen bezeichnen wir als Faktenaussagen

Für das Erkennen der Wahrheit  bzw. Richtigkeit oder der Falschheit bzw. Unrichtigkeit von Aussagen sind, neben der Überprüfung der Aussagen an der Praxis, noch zwei abgeleitete theoretische Kriterien von Bedeutung:
  • das Übereinstimmen der Aussage mit den Gesetzen der formalen Logik;
  • das Übereinstimmen der Aussage mit den fundamentalen Naturgesetzen

  • und Naturkonstanten.
[vgl. 4, S. 679]

 Die infolge von Irrtümern, mangelnden Kenntnissen usw. entstandenen und als falsch bzw. unrichtig erkannten Aussagen bilden zusammen mit den Aussagen, die auf bewußt konstruierten  fiktiven Sachverhalten beruhen, die Gruppe der Aussagen über fiktive Sachverhalte.
    
Für die Wissenschaft ist noch eine dritte Gruppe von Aussagen bedeutsam. Es sind Aussagen über vermutete Sachverhalte, das heißt Aussagen, deren Übereinstimmung mit den Erkenntnis- objekten bzw. Fakten noch nicht erwiesen ist, die aber im Forschungsprozeß als Behauptungen, Hypothesen oder Prognosen eine große Rolle spielen.  6 

Die materielle sprachliche Existenzform einer Aussage ist der Aussagesatz.  Ein und dieselbe Aussage kann durch unterschiedliche, aber synonyme Sätze wiedergegeben werden.

Da eine Aussage immer auf einem Sachverhalt oder auf einer Vermutung über die Existenz eines Sachverhalts beruht,  wäre der Terminus "Sachverhaltsaussagesatz" eine Tautologie. Hingegen kann es zum eindeutigen Kennzeichnen der Sachlage zweckmäßig sein, den Terminus "Faktenaussagesatz" anzuwenden.

Aussagesätze sind in der Regel grammatisch vollständige Sätze. Von Aussagesätzen abgeleitete, verkürzte grammatische Gebilde können bei entsprechender Vereinbarung als Äquivalente von Aussagesätzen anerkannt werden.  (siehe Abschnitt 6)
 

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6.  Formalisierung von Sachverhaltsaussagen
   
Die Objekt- bzw. Sachverhaltsaussagen, welche den Sachverhaltsinformationen zugrunde liegen, lassen sich nach dem Grad ihrer sprachlichen Formalisierung  drei großen Gruppen zuordnen:
 
(1) Formalisierte, fest strukturierte Aussagesätze mit einem numerischen Aussagenteil. Aussagen dieser Art sind häufig auf das Tripel „Objekt / Merkmalsname / Merkmalsaussage“, das auf jeglichen Satzkontext verzichtet, reduziert.
 
Beispiel:       USA 1988  /   Koksverbrauch  /   29,44 Mio. t
(2) Schwach formalisierte, weniger fest strukturierte Aussagesätze mit nur fallweise auftretendem oder auch fehlendem numerischen Aussagenteil. Sie geben häufig das unter (1) genannte Tripel in einem verkürzten Kontextrahmen wieder.
 
Beispiel:       Koksverbrauch der USA im Jahr 1988:  29,44 Millionen Tonnen
(3) Nichtformalisierte, frei strukturierte Aussagen  und Aussagenmengen in Form grammatisch vollständiger Sätze, mit denen einzelne Sachverhalte oder Sachverhaltszusammenhänge wiedergegeben werden. 
 
Beispiel:  Der Koksverbrauch in den USA betrug im Jahr 1988 29,44 Millionen Tonnen.

Weitere typische Beispiele nichtformalisierter Aussagesätze liefern Zusammenstellungen von Zitaten aus Reden und Veröffentlichungen von Politikern oder die in informativen Referaten zu wissenschaftlichen Publikationen enthaltenen Aussagen.

Während  die auf naturwissenschaftlichem oder technischem Gebiet  zu erfassenden Objektaussagen häufig in der Tripelform "Objekt - Merkmalsname - Merkmalsaussage" wiedergegeben werden (vgl. obiges erstes und zweites Beispiel), kommen auf sozial- und Geisteswissenschaftlichen Gebieten meist umfassendere Darstellungsweisen zur Anwendung, bei denen das o.g. Tripel nur eine spezielle Form ist. Dabei muß durch die Art und Weise der Darstellung zugleich gesichert werden, daß neben den Aussagen zu den in der Realität existierenden Fakten auch der Charakter der  nicht auf Fakten beruhenden Aussagen erkennbar wird. (siehe Abschnitt 8)

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7. Sachverhaltsinformation und Fakteninformation
   
Aussagesätze, welche als Gegenstand des Informations- und Dokumentationsprozesses aus Informationsquellen erschlossen oder aus empirisch gewonnenen Angaben gebildet, gespeichert, bearbeitet und als Informationen auf direktem Wege vermittelt werden, sind Sachverhaltsinformationen  Sofern die so behandelten Aussagesätze Faktenaussagen wiedergeben, handelt es sich um Fakteninformationen. Die Fakteninformationen sind also eine bestimmte Gruppe oder Teilmenge der Sachverhaltsinformationen (siehe Abschnitt 2).

Der Terminus "Sachverhaltsinformation" ist  nicht neu [vgl. 5, S.26][6, S.127]und [7, S.61]. In der Fachsprache der Information und Dokumentation wird er jedoch bisher nur selten verwendet. 14 
In dem im Verlag Dokumentation 1975 in München herausgegebenen Terminologiehandbuch der Information und Dokumentation wird „Sachverhaltsinformation“ nicht aufgeführt und „Sachverhalt“ lediglich  im Zusammenhang mit „Sachverhaltsauskunft“ genannt. Auch  „Fakt“ und „Fakteninformation“ fehlen, aufgeführt  werden unter diesem Aspekt nur die Termini „Faktendokumentation“ und „Faktenretrieval“. [12, S.52, 167 und 229]

In der  IuD  bisher unternommene Versuche einer Vereinheitlichung der Terminologie zur Fakteninformation  sind unzulänglich und  tragen eher zur weiteren Begriffsverwirrung bei.  So wird in dem 1977 in Leipzig erschienenen Handbuch der Information und Dokumentation  von  "Information über Fakten und Sachverhalte" gesprochen  und als Bezeichnung dafür der Terminus  "Sachinformation" verwendet. [8, S.180]  "Sache" ist aber in der philosophischen Terminologie ein Synonym für "Gegenstand", "Ding" oder "Objekt".  Deshalb kann man "Sachinformation" nur dort akzeptieren, wo auschließlich über bestimmte, als Begriffe und nicht als Aussagen abgebildete, in Einzelwörtern oder durch Wortgruppen wiedergegebene Objekte informiert wird. Das ist beispielsweise bei Sachregistern und Sachwortsammlungen der Fall. Der Terminus ist hingegen irreführend, wenn damit Informationen gemeint sind, die Objekte mit ihren Eigenschaften und Relationen, also Sachverhalte, zum Gegenstand haben.

An anderer Stelle derselben Quelle werden Informationen zu "Fakten und Sachverhalten" in "faktographische"  und "ideographische" Informationen unterteilt. Während die "faktographische Information" als faktenbeschreibende, auf die Fakten bezogene Information bezeichnet wird, sollen mit "ideographischer Information" die den "sonstigen Sachverhalten" zuzuordnenden Informationen terminologisch erfaßt werden.
10   Diese vom Wesen her richtige, wenn auch sprachlich anfechtbare Unterteilung  werfen die Autoren des Handbuches jedoch wieder über den Haufen, indem sie wegen der Dominanz des Faktographischen den Terminus "faktographische Information" kurzerhand auch zum Oberbegriff für  „ideographische Information“ erheben. Diese Begriffserweiterung ist unakzeptabel. "Faktographische Information" ist wegen seiner semantischen Nähe zu "Fakt" nur als Synonym für "Fakteninformation", jedoch keinesfalls als Äquivalent für den begrifflich viel weiter gefaßten Terminus  "Sachverhaltsinformation" geeignet.

Eine ähnliche terminologische Problematik zeichnet sich in den achtziger Jahren in der russischen Fachsprache der Information und Dokumentation ab. Der Autor Kristal´nyi vom Moskauer VINITI (Allunionsinstitut für wissenschaftliche und technische Information) benutzt ebenfalls die Wortgruppe "faktographische Information" (russ.: faktografic^eskaja informacija) als Oberbegriff und führt weiter aus: "Man kann die faktographische Information in faktische und nichtfaktische klassifizieren, indem die letztere ihrerseits zum Beispiel in hypothetische, prognostische usw aufgeteilt wird" [3, S.5 Unterstreichungen  im russischen Originaltext].

Diese Unterteilung ist sprachlich und logisch anfechtbar. Auch im Russischen hat "faktographisch" (russ.: faktografic^eskyj) die Bedeutung von "faktenbeschreibend"[siehe 10]. 11   Eine faktographische Information ist also auch hier stets eine faktenbeschreibende Information (russisches Synonym: faktic^eskaja informacija, das heißt Fakteninformation). Eine Fakteninformation kann aber nicht zugleich eine Nichtfakten- Information (russ. "nefaktic^eskaja informacija" oder "informacija o nefaktah") sein. Die von Kristal´nyi vorgenommene Unterteilung  ist ein Verstoß gegen das formallogische Gesetz vom ausgeschlossenen Widerspruch, demzufolge zwei zueinander kontradiktorische Aussagen ( in diesem Fall: Sachverhalt A ist ein Fakt und Sachverhalt A ist ein Nichtfakt ) nicht zusammen wahr sein können.

Es ist interessant, daß in dem 1971 erschienenen russisch -englischen Fachwörterbuch zur Information und Dokumentation der Terminus "faktografic^eskaja informacija" noch ausschließlich im Sinne von "Fakteninformation" verwendet wird [9, S.31]. Die von Kristal´nyi  später vorgenommene Begriffserweiterung trägt vermutlich bestimmten Bedingungen der russischen Sprache Rechnung. Insbesondere läßt sich das Wort "Sachverhaltsinformation" im Russischen nur durch eine Wortgruppe ausdrücken, wodurch seine Verwendung in der wissenschaftlichen Terminologie etwas schwerfällig wird. Natürlich ist das kein Grund, in der deutschen Fachsprache ebenso zu verfahren und auch dann von "faktographischen Informationen" zu sprechen, wenn der deutschsprachige Terminus "Sachverhaltsinformation" den tatsächlichen Begriffsinhalt richtiger und eindeutiger zum Ausdruck bringt.

 
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8.    Definition von Sachverhaltsinformation
   
Zusammenfassend  werden Gegenstand, Umfang und Inhalt des Begriffes "Sachverhaltsinformation" wie folgt definiert :
     
(1)  Begriffsgegenstand     (Einordnung und Abgrenzung)
Sachverhaltsinformationen ( SVI ) sind wissenschaftliche Informationen, mit denen die auf empirischem oder theoretischem Wege gewonnenen Erkenntnisse über Sachverhalte, die in den Objektbereichen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens existieren, als Objektaussagen ( direkte Aussagen zu den Erkenntnisobjekten ) vermittelt werden.
Als eine der beiden Hauptgruppen wissenschaftlicher Informationen unterscheiden sie sich eindeutig von der zweiten Hauptgruppe, den Dokumenteninformationen, welche zu  den vorliegenden Erkenntnissen Metaaussagen ( Aussagen über Dokumente und andere Informationsquellen, in denen Mengen von Objektaussagen zusammengefaßt sind ) vermitteln.
      
(2)  Begriffsinhalt    (detaillierte Bestimmung)
Der Inhalt des Begriffes "Sachverhaltsinformation" wird durch folgende Merkmale charakterisiert:
 
  • Sachverhaltsinformationen sind wissenschaftliche Informationen, die im Unterschied zu den Dokumenteninformationen unmittelbar im Erkenntnisprozeß gewonnen oder aus wissenschaftlichen Dokumenten extrahiert werden und die in Form von Objektaussagen direkt für die weitere Erkenntnisgewinnung genutzt werden können;.
  • Sachverhaltsinformationen sind wissenschaftliche Informationen zu Aussagen über Sachverhalte und Sachverhaltszusammenhänge in den Objektbereichen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens sowie in der materiellen Welt als Ganzheit, die in Form einer geordneten Menge von Aussagen, welche zu bestimmten Ausschnitten aus den Sachverhaltsgefügen dieser Objektbereiche erfolgen, zusammengefaßt werden können oder die sich in eine bereits vorhandene geordnete Menge derartiger Aussagen logisch einordnen lassen;.
  • Sachverhaltsinformationen sind Informationen, die im Prinzip als grammatisch vollständige Aussagesätze ( Einzelsätze oder Mengen zusammengehöriger Sätze, die jedoch kein abgeschlossenes Dokument bilden ) vorliegen. Sie können aber auch als grammatisch verkürzte, formalisierte sprachliche Gebilde ( in Form des Tripels "Objektbezeichnung - Merkmalsname - Merkmalsaussage" oder auf ähnliche Weise ) gegeben sein;.
  • Sachverhaltsinformationen sind Informationen, bei denen aus dem Inhalt der Aussage bzw. der Aussagenmenge oder aus metasprachigen Zusätzen zur Aussage bzw. Aussagenmenge hervorgeht, um welche der im Begriffsumfang eingeschlossenen Klassen von SVI es sich handelt.
 
(3)  Begriffsumfang    (detaillierte Bestimmung)
Der Umfang des Begriffes "Sachverhaltsinformation" schließt folgende Klassen von SVI ein:
  • Informationen zu wahren Aussagen über Fakten (kurz: Fakteninformationen), wobei unter Fakten alle in den Objektbereichen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens wirklich existierenden materiellen und ideellen Sachverhalte verstanden werden;

  • .
  • Informationen zu Aussagen über fiktive Sachverhalte ( Aussagen, die mit keinem der wirklich existierenden Sachverhalte übereinstimmen ), sofern diese Informationen für den weiteren Erkenntnisprozeß von Bedeutung sind;

  • .
  • Informationen zu Aussagen über vermutete Sachverhalte ( Aussagen, deren Übereinstimmung mit wirklich existierenden Sachverhalten angenommen wird, jedoch noch nicht bestätigt ist ).
 
(4)  Zusätzliche Bemerkungen
A. Die Zuordnung einer gegebenen Sachverhaltsinformation zu einer der drei Klassen wird davon bestimmt, ob zum jeweiligen Zeitpunkt der Wahrheitsgehalt der Aussage, zu der informiert wird, feststellbar ist (bei Aussagen zu vermuteten Sachverhalten läßt sich der Wahrheitsgehalt nicht oder noch nicht feststellen)  und ob es sich um eine wahre Aussage  (Faktenaussage) oder um eine falsche Aussage  (Aussage, die auf einem fiktiven Sachverhalt beruht)  handelt.
     
Beispiele
Aussage Aussagenklasse
"Das Weltall befindet sich gegenwärtig im Zustand der Expansion" wahre Aussage (mit Meßinstrumenten nachweisbar).
"Das Weltall ist 7500 Jahre alt" falsche Aussage (moderne Meßmethoden lassen ein um ein Vielfaches höheres Alter des Weltalls erkennen).
"Die Reise von Menschen zu anderen Planeten steht  kurz bevor" Aussage zu vermutetem Sachverhalt 
(die Wahrheit oder Falschheit dieser 
Aussage läßt sich gegenwärtig nicht ermitteln).
B. In allen drei Klassen von Sachverhaltsinformationen  können die Aussagen, zu denen informiert wird, Meta-Aussagen sein ( Meta-Aussage gilt hier im Sinne von Aussagen über Aussagen, aber nicht im Sinne von Dokumenteninformationen ). Dabei kann die Aussage, über die ausgesagt wird, selbst wieder auf einem Fakt, einem vermuteten oder einem fiktiven Sachverhalt beruhen.
       
Beispiel
"Wissenschaftler X ist der Ansicht, daß die vom Wissenschaftler Y aufgestellte These, derzufolge die Reise von Menschen zu anderen Planeten kurz bevorsteht, falsch ist."

Die Aussage über die Ansicht von X ist zugleich eine Meta-Aussage über die Objektaussage von Y. Es gilt:
a) die Objektaussage von X  ("Die Reise von Menschen zu anderen Planeten steht kurz bevor") kann 

aa)  richtig sein (wahr sein), 
ab)  unrichtig sein  (falsch sein), 
ac)  eine Vermutung darstellen.
b) die Meta-Aussage  von Y, daß die  Objektaussage von  X  ("Die Reise von Menschen zu anderen Planeten steht kurz bevor")  falsch ist, kann
ba)    richtig sein (wahr sein), 
bb)    unrichtig sein ( falsch sein),
bc)    eine Vermutung darstellen.
C. DieZuordnung einer Sachverhaltsinformation zu einer der drei möglichen Klassen ist in vielen Fällen keine einmalige, unveränderliche Entscheidung. Mit fortschreitender Erkenntnis auf dem jeweiligen Fachgebiet können sich Verschiebungen von Objektaussagen in eine andere Klasse ergeben. 
     
Beispiele
Art der neuen Erkenntnis Art der Verschiebung
Bestätigung einer Vermutung Vermuteter Sachverhalt ==> Fakt
Erkennen der Unrichtigkeit einer aufgestellten Hypothese Vermuteter Sachverhalt ==> Fiktiver Sachverhalt
Neue Aussagen stellen eine scheinbar gesicherte Erkenntnis wieder in Frage Fakt ==> Vermuteter Sachverhalt
Die Genesis von Sachverhaltsinformationen, wie sie in den Abschnitten 2 bis 8 dieser Arbeit beschrieben ist, wird in Tabelle 3  zusammenfassend dargestellt.
 
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9.    Arbeit mit Sachverhaltsinformationen
   
Zu den wesentlichsten methodischen und technologischen Problemen der praktischen Arbeit mit Sachverhaltsinformationen gehört :
   
  • wie  SVI  auf rationelle Weise aus   Informationsquellen erschlossen werden können;
  • welche Formen der Speicherung von SVI  in automatisierten Prozessen am geeignetsten sind;
  • wie das schnelle Wiederauffinden einzelner SVI aus einem großen elektronischen Informationsfonds gewährleistet werden kann;
  • welche sprachlichen Mittel für das Erschließen, Speichern und Wiederauffinden von SVI herangezogen werden können;
  • welche Formen der Darbietung von SVI  für die Nutzer am effektivsten sind.w
   
Alle aufgeworfenen Fragen sind eng mit der Problemstellung verknüpft, wie der Charakter von Sachverhaltsinformationen(vgl. Tabelle 3)  eindeutig und mit möglichst wenig Aufwand dargestellt werden kann. Die Aufgabe besteht darin, die betreffenden Objektaussagen mit einer Meta-Aussage zu verbinden, aus der hervorgeht, ob der Aussage ein Fakt, ein fiktiver Sachverhalt oder ein vermuteter Sachverhalt zugrunde liegt. Diese Metainformationen müssen als integrierender Bestandteil der Sachverhaltsinformation gesehen werden. Sie haben vor allem die Funktion, den Informationsverlust zu kompensieren, der beim Herauslösen der informationswürdigen Aussagesätze aus dem Kontext der Informationsquelle häufig unvermeidbar ist. 12 
Durch Vereinbarung fester Termini oder sprachlicher Wendungen ist die intellektuell anspruchsvolle Aufgabe der Festlegung dieser Meta-Informationen bis zu einem gewissen Grade formalisierbar. 
Einigt man sich darauf, die Faktenaussage als den Normalfall zu betrachten, so reduziert sich die genannte Aufgabe auf das Kennzeichnen der Fiktionen und der Vermutungen. 

In jedem Fall unverzichtbar (auch für Fakteninformationen) sind metasprachige Angaben, welche die Quelle der Sachverhaltsinformation eindeutig fixieren  (bibliographische Daten oder andere Orts- und Zeitangaben).

Neben diesen, vor allem den methodischen Aspekt betreffenden Fragen wirft das Arbeiten mit Sachverhaltsinformationen für die Informationseinrichtungen auch arbeitsorganisatorische Probleme auf. Das sind insbesondere Fragen

   
  • der personellen Kapazität für das Erschließen und Aufbereiten   von Sachverhaltsinformationen;
  • der Verfügung über geeignete, formelle und informelle  Informationsquellen, die es ermöglichen, die vorgesehenen Nutzer zu den festgelegten Gebieten optimal  13  mit Sachverhaltsinformationen zu versorgen.
   
Die Untersuchung dieser Fragen und das Entwerfen geeigneter Problemlösungen muß Gegenstand weiterer Arbeiten auf dem Gebiet der Sachverhaltsinformation sein.
 
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Literaturverzeichnisse

 
A.  Zitierte Publikationen
[1] Zit.1 Wörterbuch der Philosophie / Rainer Hegenbart. – München 1984. – 270 S. zurück zu HT 3
[1] Zit.2 Wörterbuch der Philosophie / Rainer Hegenbart. – München 1984. – 270 S. (S.209) zurück zu HT 4
[1] Zit.3 Wörterbuch der Philosophie / Rainer Hegenbart. – München 1984. – 270 S. (S.79) zurück zu FN 2
[1] Zit.4 Wörterbuch der Philosophie / Rainer Hegenbart. – München 1984. – 270 S. (S.36,112) zurück zu FN 6
[2] Zit.1 Bearbeitung und Verarbeitung von Fachinformationen / Josef  Koblitz. - Leipzig 1982 - 304 S. (S.44) zurück zu HT 3
[2] Zit.2 Bearbeitung und Verarbeitung von Fachinformationen / Josef  Koblitz. - Leipzig 1982 - 304 S. (S.38,45) zurück zu HT 3
[3] Zit.1 Faktenrecherche in automatisierten Systemen der wissenschaftlich-technischen Information / B.V.Kristal‘nyj. – Berlin 1984. - 32 S. (S.3) zurück zu HT 3
[3] Zit.2 Faktenrecherche in automatisierten Systemen der wissenschaftlich-technischen Information / B.V.Kristal‘nyj. – Berlin 1984. - 32 S. (S.5) zurück zu HT 7
[4] Zit.1 Philosophisches Wörterbuch in 2 Bänden. - Leipzig 1976. - 1396 S. (S.819) zurück zu HT 3
[4] Zit.2 Philosophisches Wörterbuch in 2 Bänden. - Leipzig 1976. - 1396 S. (S.1082) zurück zu HT 4
[4] Zit.3 Philosophisches Wörterbuch in 2 Bänden. - Leipzig 1976. - 1396 S. (S.679) zurück zu HT 5
[4] Zit.4 Philosophisches Wörterbuch in 2 Bänden. - Leipzig 1976. - 1396 S. (S.209,535,978) zurück zu FN 6
[5] Zit.1 Die syntaktisch-semantische Textanalyse und automatisierte Indexierung / Rolf Steiger. - Leipzig 1982. - 144 S. (S.25-26) zurück zu HT 4
[5] Zit.2 Die syntaktisch-semantische Textanalyse und automatisierte Indexierung / Rolf Steiger. - Leipzig 1982. - 144 S. (S.26) zurück zu HT 7
[5] Zit.3 Die syntaktisch-semantische Textanalyse und automatisierte Indexierung / Rolf Steiger. - Leipzig 1982. - 144 S. (S.26-30) zurück zu FN 4
[6] Informatik und Automatisierung / Klaus Fuchs-Kittowski u.a. - Band 1. - Berlin 1976. - 429 S. zurück zu HT 7
[7] Paradigmatische und syntagmatische Beziehungen einer Informationssprache / Rolf Steiger. - Leipzig 1977. - 126 S. zurück zu HT 7
[8] Handbuch der Information und Dokumentation. - Leipzig 1977. - 342 S. zurück zu HT 7
[9] Slovar terminov po informatike na russkom i anglijskom jazykah (Russisch-Englisches Wörterbuch Informatik). - Moskva 1971. - 359 S. zurück zu HT 7
[10] Zit.1 Slovar russkogo jazyka (Wörterbuch der russischen Sprache) / S.I.Oz^egov. - Moskva 1973 .- 846 S. zurück zu HT 7
[10] Zit.2 Slovar russkogo jazyka (Wörterbuch der russischen Sprache) / S.I.Oz^egov. - Moskva 1973 .- 846 S. (S.779) zurückzu FN 11
[11]  Duden. Das Fremdwörterbuch. – Mannheim; Wien; Zürich 1990. – 832 S. zurück zu FN 3
[12] Terminologie der Information und Dokumentation ( DGD-Schriftenreihe Band 4). – Verlag Dokumentation München 1975. – 307 S. zurück zu HT 7
    Erläuterungen
  1. zu Spalte 1

  2. Um den gezielten Rücksprung zur zitierenden Stelle zu ermöglichen, ist jede Quelle so oft aufgeführt, wie sie im Haupttext und in den Fußnoten zitiert wird. Jeder Mehrfacheintrag hat zu seiner eindeutigen  Identifizierung außer der Quellennummer (z.B. [1] ) noch die fortlaufende Zitiernummer (z.B. Zit.1, Zit.2, Zit.3, Zit.4).  Quellen, die nur einmal zitiert wurden, haben keine Zitiernummer.
     
  3. zu Spalte 3

  4. Zurück = Rücksprung zur zitierenden Stelle im Haupttext (HT) oder in der Fußnote (FN). Die Zahl bezeichnet den Abschnitt im Haupttext oder die Nummer der Fußnote  (z.B. verweist HT 3 auf den Abschnitt 3 im Haupttext und FN 4 auf Fußnote 4). 
    Die zu wählende Rücksprungstelle kann dem jeweils am oberen Bildschirmrand angezeigten Quelleneintrag entnommen werden.
 
 
B.   Eigene Arbeiten
1977
Gesellschaftliche Notwendigkeit, Möglichkeiten und Bedingungen für den Einsatz automatisierter Sachverhaltsinformationssysteme / Eberhardt Gering. - Berlin 1977. - maschinenschriftliches Manuskript, 29 S.
1982
Probleme der Bereitstellung von Sachverhaltsinformationen zur Leitung gesellschaftswissenschaftlicher Forschungsprozesse und Möglichkeiten des Einsatzes eines Frage-Antwort-Systems / Eberhardt Gering. -
Humboldt-Universität zu Berlin, 1982. - Dissertation A, 153 Seiten, Anlagen
1985
Sachverhaltsinformationen in den Gesellschaftswissenschaften - terminologische Ausgangspositionen / Eberhardt Gering. - In: Informatik. - Berlin 32 (1985) 3, S. 20-24
1984/85
Sachverhaltsinformationen in den Gesellschaftswissenschaften / Eberhardt Gering. - In: Erfahrungen, Forschungsergebnisse, Probleme der gesellschaftswissenschaftlichen Information und Dokumentation, Heft 10, S. 6-35. - Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin 1985
1985
Formalisierung des Erschließens von Sachverhaltsinformationen aus gesellschaftswissenschaftlichen Texten / Eberhardt Gering. - Vortrag auf dem 14. Kolloquium über Information und Dokumentation im November 1985 in Oberhof . - In: Dokumentation / Information, Schriftenreihe der Technischen Hochschule Ilmenau, Heft 65 . - Ilmenau 1985, S.26-34
1987
Der Einsatz des Personalcomputers "robotron 1715" für das Erschließen von Sachverhaltsinformationen aus Fachtexten / Eberhardt Gering; Robert Thürmer . - In: Informatik. - Berlin 34 (1987) 5 . - S. 173-175
1987/88
Zur sachverhaltsorientierten Informationstätigkeit in den Geschichtswissenschaften / Eberhardt Gering. - In: Information in den Geschichtswissenschaften Heft 17 : Kolloquium des Zentralinstitus für Geschichte der AdW der DDR zum 65 Geburtstag von Peter Wick am 31. August 1985 . - Berlin 1988 . - S. 74-86
2001
Sachverhaltsinformationen im Fachinformationsprozeß - Begriffe und Termini / Eberhardt Gering. - In: nfd : Information - Wissenschaft und Praxis . - Frankfurt am Main 52 (2001) 3 . - S. 133-142
 
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Angaben zum Autor
Dr.phil. Eberhardt Gering,  Informationswissenschaftler

E-Mail-Adresse:
Eberhardt.Gering@web.de

Der Beitrag auf dieser Webseite entspricht bis auf wenige Präzisierungen und Ergänzungen dem Artikel "Sachverhaltsinformationen im Fachinformationsprozeß - Begriffe und Termini", erschienen im Heft 3 / 2001 der Zeitschrift nfd : Information - Wissenschaft und Praxis, Seiten 133-142.
Im Abschnitt 7 wurden auf der Webseite die Ausführungen zur russischsprachigen Terminologie hinzugefügt. 

Bearbeitung: Januar 2003
Bearbeitung des Designs: Juni 2009

 
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