Zur  sachverhaltsorientierten Informationstätigkeit  in den Geschichtswissenschaften

Oktober 1987, Berlin
Formale Änderungen im Mai 2009

Gliederung
   
Einführung Kurzübersicht
These 1 Quellen von historischen Sachverhaltsinformationen
These 2 Historische Tatsachen
These 3 Struktur- und Entwicklungszusammenhang
These 4 Metaaussagen zu Sachverhaltsinformationen
These 5 Komplexität und Isolation von historischen Tatsachen
These 6 Idealbild eines Sacherhaltsinformationssystems
These 7 Nutzung des Mikrorechners
These 8 Forderungen an Informationseinrichtung und Historiker
Fußnoten Bemerkungen und Literaturhinweise
Autorenangaben Anlaß und Autor des Beitrages
Zum Verzeichnis informationswissenschaftlicher Beiträge



 
 

Einführung

Dem richtigen Erfassen und Vermitteln von Aussagen über die zu den Erkenntnisgegenständen gehörenden Fakten bzw. Sachverhalte kommt im wissenschaftlichen Arbeitsprozeß außerordentliche Bedeutung zu. Von DDR-Historikern gibt es zu diesem Problemkreis zahlreiche Beiträge, zum Beispiel von Ernst Engelberg auf fachmethodologischem oder von Peter Wick  und anderen auf  informationsmethodischem Gebiet. 1

In jüngster Zeit entstehen für die praktische Arbeit mit Fakteninformationen bzw. wie es im umfassenderen Sinne richtiger heißt, mit Sachverhaltsinformationen, durch die Verfügbarkeit von Mikrorechnern besonders  günstige Voraussetzungen. Diese neuen technisch-technologischen  Bedingungen ermöglichen zugleich neue Problemsichten und ermuntern dazu, existierende methodische Erkenntnisse und organisatorische Lösungen mit der modernen Technologie in Einklang zu bringen.

Einige Gedanken hierzu sollen in diesem Beitrag in Thesenform vorgetragen werden, wobei aus informationswissenschaftlicher Sicht direkter Bezug auf die Geschichtswissenschaften  genommen wird.

Zurück zur Gliederung


These 1
Quellen von historischen Sachverhaltsinformationen
Kurzfassung der These 1

Quellen von  Informationen zu geschichtswissenschaftlichen Sachverhalten ( historische 
Sachverhaltsinformationen ) sind neben gedruckten bzw. geschriebenen Zeitdokumenten auch die aus der Vergangenheit überkommenen nichtliterarischen Gegenstände wie zum Beispiel Bauwerke. Moderne Kommunikationsmittel ( Film, Fernsehen u.ä. ) führen zum Entstehen weiterer Quellenarten.
Ihrer Struktur nach sind Sachverhaltsinformationen ( abgekürzt SVI ) Aussagesätze, die in verschiedenen Formen, einzeln oder als Komplex, auftreten können.

Erläuterung der These 1
Sachverhaltsinformationen sind Informationen zu den in wissenschaftlichen Quellen enthaltenen oder mit solchen Quellen dargestellten Aussagen über wissenschaftlich relevante Sachverhalte und Komplexe von Sachverhalten. Unter methodischem Aspekt sind Sachverhaltsinformationen  das Gegenstück zu den Quellen- oder Dokumenteninformationen, mit denen über die Tatsache der Existenz von Quellen ( siehe unten ),  jedoch nicht unmittelbar zu den in diesen Quellen vorliegenden Aussagen berichtet wird.

Zu den durch die historische Praxis geschaffenen Quellen, aus welchen die konkreten, den Interessen der Forschung entsprechenden Sachverhaltsinformationen abgeleitet werden können, gehören nicht nur die gedruckten bzw. geschriebenen Zeitdokumente. Quellen historischer Informationen sind auch alle aus der Vergangenheit überkommenen nichtliterarischen Gegenstände, Bauwerke usw.  Die ständige Verbesserung der Methoden und Verfahren des Auffindens immer neuer Zeugen der Vergangenheit (verwiesen sei hier auf die Unterwasserarchäologie) läßt die Zahl dieser Quellen unablässig weiter anwachsen. Moderne Kommunikationsmittel wie Film und Fernsehen führen zum Entstehen weiterer Quellenarten, die für das Gewinnen von SVI großen Wert besitzen können. 2

Ihrer Struktur nach sind Sachverhaltsinformationen Aussagesätze, welche als Komplex von zusammengehörenden Sätzen oder als Einzelsatz auftreten, ohne ein abgeschlossenes literarisches Dokument zu bilden. Die Aussagesätze können auch sprachlich verkürzt sein ( z.B. in Form des Tripels "Objektbezeichnung - Merkmalsname - Merkmalsaussage" )  oder implizit in Tabellen, graphischen Darstellungen usw. vorliegen.  Wesentlich ist, daß die betreffenden Aussagen eine geordnete Menge bilden oder sich in eine solche Menge, die einen theoretisch begrenzten Ausschnitt  3  aus dem Sachverhaltsgefüge des untersuchten Objektbereiches widerspiegelt, einordnen lassen. 
Integrierender Bestandteil der Sachverhaltsinformationen sind metasprachige Formulierungen, die beim Erschließen der Informationen hinzugefügt werden müssen, um die Informationsquelle jederzeit wieder eindeutig bestimmen zu können, Zusammenhänge mit anderen Sachverhalten kenntlich zu machen und andere notwendige Zusatzinformationen über die Quelle zu geben. 

Zurück zur Gliederung


These 2
Historische Tatsachen
 
Kurzfassung der These 2

Zur Basis historischer Sachverhaltsinformationen gehören:

  • alle gesicherten Aussagen über Erscheinungen des materiellen und geistigen Lebens der Gesellschaft, die in der Vergangenheit Tatsache ( Fakt ) waren; 
  • Aussagen zu Sachverhalten der Vergangenheit, über deren Tatsachencharakter noch keine Gewißheit besteht.
Scheinbar wahre, im weiteren Erkenntnisprozeß jedoch als falsch erkannte Aussagen über Vergangenes bilden die dritte Gruppe von Sachverhaltsinformationen.
   
Erläuterung der These 2
Basis geschichtswissenschaftlicher Sachverhaltsinformationen sind die historischen Tatsachen, das sind Sachverhalte, die in der Vergangenheit als Erscheinungen des materiellen und geistigen Lebens der Gesellschaft wirklich existiert haben. 4  Die Beifügung "wirklich" steht alternativ zu "möglich", das heißt neben den als Tatsachen erwiesenen Sachverhalten müssen in den Geschichtswissenschaften auch Sachverhalte berücksichtigt werden, über deren Tatsachencharakter noch keine Gewißheit besteht und von denen wir nur annehmen können, daß sie möglicherweise existiert haben. In der Praxis wird ein Sachverhalt für uns erst dann Tatsache bzw. Fakt, wenn es über diesen Sachverhalt Aussagen gibt, die wahr sind, deren Inhalt also durch ein Beweisverfahren belegt ist. 5  Die Betonung liegt hierbei auf "für uns", denn ein wirklich existierender Sachverhalt oder ein Sachverhalt, der in der Vergangenheit wirklich existiert hat, ist objektiv immer eine Tatsache, unabhängig davon, ob die über ihn gegenwärtig oder in der Vergangenheit getroffene Aussage wahr oder falsch ist ( so wie die Bewegung der Erde um die Sonne seit Bestehen des Sonnensystems eine Tatsache ist, obwohl erst Astronomen des Mittelalters dafür den Beweis lieferten und jahrhundertelang die falschen Aussagen des ptolemäischen Systems als richtig galten ).  6

Solange ein in der Wirklichkeit bestehender und für die Erkenntnistätigkeit objektiv relevanter  Sachverhalt nicht untersucht wurde, ist er potentieller Erkenntnisgegenstand. Durch seine Einbeziehung in die Forschung wird er zum realen Gegenstand der Erkenntnis,  7  über den Vermutungen angestellt oder richtige und unrichtige Aussagen gemacht werden können. 
Im wissenschaftlichen Informationsprozeß ist dementsprechend zwischen gesicherten (als wahr bestätigten) und noch nicht gesicherten ( möglicherweise wahren ) Aussagen, die wir als Vermutungen bezeichnen, zu unterscheiden.
Dazu kommen als dritte Komponente solche scheinbar wahren Aussagen und Vermutungen, die im weiteren Verlauf der Erkenntnisprozesse als falsch erkannt wurden, weil sie auf fiktiven Sachverhalten und nicht auf Tatsachen beruhen. 

Es geht bei dieser Differenzierung nicht um eine simple schubkastenartige Einordnung der betreffenden Aussagen, sondern um das Berücksichtigen der ganzen Kompliziertheit und Widersprüchlichkeit des Erkenntnisprozesses mit seinem unausbleiblichem Wechsel zwischen Wahr und Falsch, zwischen Vermutung, Bestätigung bzw. Ablehnung einer Aussage, neuer Vermutung usw.

Zurück zur Gliederung


These 3
Struktur- und Entwicklungszusammenhang
 
Kurzfassung der These 3

Sachverhaltsinformationen zu historischen Tatsachen werden unterschieden nach 

  • Sachverhaltsinformationen über Ereignisse im Handeln und Denken der Menschen und über die entsprechenden Elemente der sozialen Strukturen; 
  • Sachverhaltsinformationen über diese Strukturen und über die in ihnen angelegten Elemente der Bewegung und Entwicklung.
Um ein Ereignis der Vergangenheit als historische Tatsache würdigen zu können, muß es sowohl in seinem zeitgenössischen Strukturzusammenhang als auch in seinem fernwirkenden Entwicklungszusammenhang betrachtet werden ( nach Engelberg ).
   
Erläuterung derThese 3
In den Geschichtswissenschaften werden nicht schlechthin historische Ereignisse untersucht. Die stattgefundenen Ereignisse werden vielmehr im Zusammenhang mit den auf diese Ereignisse beziehbaren Elementen der sozialen Strukturen betrachtet. Grundlegende Struktur ist hierbei die jeweilige ökonomische Gesellschaftsformation, in deren Rahmen die Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse die wesentlichsten Teilstrukturen verkörpern.

Struktur- und Entwicklungselemente der Gesellschaftsformation sowie Ereignisse im Denken und Handeln der Menschen verkörpern die zwei Grundtypen historischer Tatsachen. Dementsprechend müssen auch die auf der Erkenntnis historischer Tatsachen beruhenden Sachverhaltsinformationen differenziert werden nach

  • Informationen über Ereignisse im Handeln und Denken der Menschen und über die in diesen Ereignissen angelegten Elemente der sozialen Strukturen;
  • Informationen über diese Strukturen bzw. Teilstrukturen und über die in den Strukturen angelegten Elemente der Bewegung und Entwicklung innerhalb der ökonomischen Gesellschaftsformationen, in denen die Menschen in konkret bestimmten Produktions- und Klassenverhältnissen handeln.   
  • Ein Ereignis kann als historische Tatsache also nur dann richtig und voll gewürdigt werden, wenn es nicht nur in seinem zeitgenössischem Strukturzusammenhang, sondern auch nach dem Grad seines fernwirkenden Entwicklungszusammenhanges betrachtet wird.

    Aus dieser komplexen Betrachtung historischer Tatsachen bzw. Sachverhaltsinformationen ergeben sich hohe Ansprüche an die geschichtswissenschaftliche Information und Dokumentation, insbesondere an das Qualifikationsniveau ihrer Spezialisten und an das wissenschaftliche Niveau der Methodik des Erfassens und Verarbeitens der obengenannten, sich wechselseitig bedingenden Grundtypen von Sachverhaltsinformationen.

    Zurück zur Gliederung


    These 4
    Metaaussagen zu Sachverhaltsinformationen
     
    Kurzfassung der These 4

    Neue, gesicherte Forschungsresultate müssen schnell und präzise in Sachverhaltsinformationen mit adäquatem Wahrheitsgehalt umgesetzt werden. Durch geeignete Meta-Aussagen zu den Sachverhaltsinformationen lassen sich die Relationen zwischen neuem und bisherigem Erkenntnisniveau sichtbar machen.

       
    Erläuterung der These 4
    Die Methodik sachverhaltsorientierter geschichtswissenschaftlicher Informationstätigkeit muß dem Umstand Rechnung tragen, daß
  • wissenschaftliche Aneignung der historischen Wirklichkeit nicht absolut deckungsgleich mit der historischen Wirklichkeit selbst ist;
  • der dialektische Widerspruch zwischen erkennendem Subjekt und Erkenntnisobjekt nur in einem ständigen, nie abgeschlossenen Erkenntnisprozeß abgebaut werden kann.
  • Für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß heißt das, neue und gesicherte Forschungsresultate, die einen höheren Grad von Übereinstimmung zwischen Erkenntnis und Erkenntnisobjekt verkörpern, schnell und präzise in Sachverhaltsinformationen adäquaten Wahrheitsgehalts umzusetzen. Dazu müssen verbesserte, im Erkenntnisprozeß zur Anwendung kommende Beweisverfahren, die zu modifizierten bzw. wirklichkeitsgetreueren Erkenntnissen führen, rechtzeitig in der Erfassung, Speicherung und Wiedergabe von Sachverhaltsinformationen ihren Niederschlag finden.

    Notwendig ist hierbei nicht nur das Ersetzen der weniger genauen durch die genauere Information. Mittels geeigneter  Metaaussagen, welche der betreffenden Sachverhaltsinformation anzufügen sind (vgl. These 1), sollte auch die Relation zwischen neuem und bisherigem Erkenntnisniveau sichtbar gemacht werden.

    Weiterhin ist zu beachten, daß die Darstellung der Genesis einer aktuellen Sachverhaltsinformation, wie sie sich aus der zeitlichen Folge unterschiedlicher Aussagen über ein und denselben Sachverhalt ergibt, selbst wieder eine wertvolle zusätzliche Information sein kann. 

    Informationswert besitzen auch Metaaussagen zu bewußt gewordenen Erkenntnislücken, welche im Forschungsprozeß in bezug auf den betrachteten Sachverhalt bestehen.
     

    Zurück zur Gliederung


    These 5
    Komplexität und Isolation von historischen Tatsachen
    Kurzfassung der These 5

    Jede historische Tatsache ist komplexer Natur, sie schließt wiederum viele noch elementarere Tatsachen ein. Zugleich muß jede Tatsache relativ isoliert von ihren äußeren Zusammenhängen betrachtet werden. Dieser Widerspruch zwischen Komplexität und Isolierung muß in allen Phasen des Informationsprozesses Berücksichtigung finden.

       
    Erläuterung der These 5
    Jeder wirklich existierende Sachverhalt und damit auch jede historische Tatsache ist komplexer Natur. Jede Tatsache schließt selbst wieder zahllose, noch elementarere Tatsachen ein. 10 
    In den Arbeitsprozessen der Forschung und Information muß jedoch die zu betrachtende Tatsache aus ihren äußeren Strukturzusammenhängen herausgegriffen und damit relativ isoliert werden. Komplexität und Isolation sind somit als Gegensatzpaar eines dialektischen Widerspruchs aufzufassen. Dieser Widerspruch tritt beim Extrahieren und Zusammenstellen von Sachverhaltsinformationen zwangsläufig in Erscheinung und ist in allen Phasen des Informationsprozesses zu berücksichtigen.

    Begrenzungen in den der für die Informationsprozesse verfügbaren Ressourcen haben meist auch Beschränkungen beim Darstellen der inneren Komplexität und der äußeren Zusammenhänge der untersuchten Sachverhalte zur Folge. Andererseits erfordern die aus den konkreten Forschungsaufgaben resultierenden Informationsbedürfnisse ständig die Suche nach Wegen zum Vergrößern der Komplexität und zum Vermindern der Isolierung beim Informieren über historische Sachverhalte. 
    Lösungen hierfür sind bisher nur partiell möglich, da die Erschliessungs- und Bearbeitungskapazitäten kaum vergrößert werden können und Verbesserungen bei der einen Komponente  zumeist Verschlechterungen bei der anderen Komponente bewirken ( z.B. können erhöhte Aufwendungen für das Darstellen der inneren Komplexität der zu untersuchenden Tatsache zur Verringerung der Ressourcen für das Darstellen der Zusammenhänge mit anderen Tatsachen führen ). 

    Die Effektivität sachverhaltsorientierter Informationstätigkeit läßt sich unter diesen Bedingungen nur durch Kompromisse sichern, die unter Wahrung der Ausrichtung auf das Forschungsziel von den Nuitzern der Informationen bewußt mitgetragen werden müssen.

    Spürbare Verbesserungen der geschilderten Situation sind mit der Anwendung moderner, unmittelbar an den Arbeitsplätzen der Wissenschaftler einsetzbarer Mikrorechentechnik zu erzielen (vgl. These 7).

    Zurück zur Gliederung


    These 6
    Idealbild eines Sachverhaltsinformationssystems
     
    Kurzfassung der These 6

    In einem idealen Informationssystem, das seinen Nutzern je nach Bedarf die im Quellenfonds des Systems enthaltenen Aussagen liefert, wäre das vollständige Lesen literarischer Quellen durch den Nutzer häufig nur als Ergänzung zur Deckung des Informationsbedarfs notwendig. Durch den Einzug der Mikrorechner in Forschung und Information lassen sich praktikable Schritte in Richtung eines solchen Idealsystems unternehmen.

       
    Erläuterung der These 6
    Die Forderung nach wirkungsvollerer und umfassenderer Bereitstellung von Fakteninformationen bzw. Sachverhaltsinformationen entspringt echten Informationsbedürfnissen vieler Nutzer in Forschung und Forschungsleitung. Ausgehend von diesbezüglich formulierten Ansprüchen ließe sich das Idealbild von einem Informationssystem zeichnen, das seinen Nutzern je nach Bedarf die ihren Forschungsgegenständen entsprechenden, im Quellenfonds des Systems enthaltenen Aussagen bzw. Aussagenkomplexe liefert und sie dabei auf Qualitätsparameter wie Neuheit oder Widersprüchlichkeit der Aussagen, auf Zusammenhänge zwischen Neuem und im Informationsfonds bereits Vorliegendem und anderes aufmerksam macht. 11
    Das mehr oder weniger vollständige Lesen literarischer Quellen durch den Nutzer wäre in einem solchen Informationssystem vielfach nur als Ergänzung bei der Deckung des Informationsbedarfs notwendig und stände nicht mehr so absolut wie bisher im Vordergrund bei dem Bemühen des Fachwissenschaftlers, neue Wissenselemente aufzuspüren und sich anzueignen.

    Obgleich die vollständige Realisierung eines derartigen Idealsystems gegenwärtig nicht auf der Tagesordnung steht, können und müssen wir schon heute praktikable und nutzbringende Schritte in entsprechenden Richtungen unternehmen. Veranlassung dazu geben uns insbesondere die neuen Möglichkeiten , die sich mit dem Einzug der Mikrorechentechnik in die Arbeitsbereiche der Fachwissenschaftler herausbilden. 
    Bisherige Sichtweisen bezüglich Intensivierung von Informationsprozessen sollten in diesem Zusammenhang neu durchdacht , unkonventionelle bzw. neuartige Maßnahmen ( vgl. These 7 ) in Angriff genommen werden.

    Zurück zur Gliederung


    These 7
    Nutzung des Mikrorechners
    Kurzfassung der These 7

    Durch die Mikrorechentechnik ändern sich Tätigkeiten und Gewohnheiten des Historikers. Wesentliche Arbeitsgänge des Verarbeitens wissenschaftlicher Informationen vermag jeder mit dem Mikrorechner leidlich vertraute Historiker selbst auszuführen. Mit dem Aufbau eigener Informationsspeicher lassen sich fachthemenbezogene Kommunikationsbeziehungen zu anderen Historikern auf das Austauschen von Datenträgern mit computerlesbaren Fonds von Sachverhaltsinformationen ausdehnen.

        
    Erläuterung der These 7
    Hervorgerufen durch dezentral verfügbare Mikrorechentechnik vollziehen sich in vielen wissenschaftlichen Fachbereichen Veränderungen der Arbeitsprozesse und -gewohnheiten. Wer als Wissenschaftler Zugang zu einem Mikrorechner hat, besitzt im wahrsten Sinne des Wortes "automatisch" die Möglichkeit, Wissenselemente in vielfältigen Formen ( von kompletten Texten über Textfragmente und Einzelaussagen bzw. Daten bis hin zu Quelleninformationen ) auf Disketten zu speichern und diese Speicher mittels leistungsfähiger Standardsoftware in der täglichen Arbeit autonom zu nutzen. 
    Im Prinzip funktioniert diese Arbeitsweise auch ohne Unterstützung durch Informatonseinrichtungen oder zentralisierte Informationssysteme. Wesentliche Arbeitsgänge des Verarbeitens wissenschaftlicher Informationen wie Erfassen, Ordnen, Zusammenstellen, Umbewerten, Verknüpfen, Suchen, Extrahieren, Aussondern und Kopieren vermag heute schon jeder im Umgang mit dem Mikrocomputer leidlich bewanderte Wissenschaftler selbst auszuführen. Es handelt sich hierbei nicht mehr um ein Idealbild im Sinne einer nur abstrakten oder formalen Möglichkeit, sondern um schon hundertfach realisierte und vieltausendfach real mögliche Vorgänge.

    Mit dem Aufbau eigener Informationsspeicher zu speziellen Forschungsproblemen entstehen für den Fachwissenschaftler auch Voraussetzungen, seine nichtformellen Kommunikationsbeziehungen zu anderen Wissenschaftlern auf den Austausch von Informationsfonds, die auf computerlesbaren Datenträgern gespeichert sind, auszudehnen. Analoge, rege Austauschbeziehungen existieren schon seit längerem auf dem Softwaregebiet ( Austausch von Programminformationen ).

    Zurück zur Gliederung

     
    


    These 8
    Forderungen an Informationseinrichtungen und Historiker
    Kurzfassung der These 8

    Das Vorhandensein leistungsfähiger technischer Mittel für eine dezentrale Informationsverarbeitung führt zu neuer Arbeitsteilung zwischen Informationsfachleuten und Historikern. Wenn die Impulse hierzu nicht von den Informationseinrichtungen ausgehen, werden sich die Informationsprozesse in den Fachbereichen von den zentral geführten Informationssystemen abkoppeln, was negative Auswirkungen auf die Effektivität der Forschung zur Folge hätte. Deshalb muß das Erschließen und Bereitstellen von historischen Sachverhaltsinformationen sowohl Auftrag an die Informationseinrichtungen als auch Aufforderung an die Historiker sein. 

       
    Erläuterung der These 8
    Das Vorhandensein leistungsfähiger technischer und programmtechnischer Mittel für die dezentrale Informationsverarbeitung zwingt zu neuen Überlegungen und Entscheidungen bezüglich der Arbeitsteilung zwischen Informationsfachleuten und Bibliothekaren auf der einen und Fachwissenschaftlern auf der anderen Seite.
    Wenn hierzu nicht von den Informationseinrichtungen selbst die entscheidenden Impulse ausgehen, werden sich bestimmte Teile der wissenschaftlichen Information und Kommunikation in den Fachbereichen weiter verselbständigen, das heißt von den zentral geführten Informationssystemen abkoppeln. Das dürfte jedoch auf Dauer gesehen zu abnehmender Effektivität im gesamten Informations- und Kommunikationsgeschehen führen und negative Auswirkungen auf die Forschungseffektivität überhaupt haben.

    Das Erschließen und Bereitstellen von Sachverhaltsinformationen muß deshalb unter dem Aspekt der Mikrorechentechnik sowohl Auftrag an die Informationseinrichtungen als auch Aufforderung an die Fachwissenschaftler sein. 

    Der Auftrag an die Informationseinrichtungen umfaßt Aufgaben zur Methodik und Technologie des Verarbeitens von Sachverhaltsinformationen, zum Erschließen und Zusammenstellen spezieller Fonds von  Sachverhaltsinformationen für die Forschung und Forschungsleitung sowie zum Gestalten von Kommunikations- bzw. Austauschbeziehungen, insbesondere zu Partnern in anderen Einrichtungen und Disziplinen.

    Die  Aufforderung an die Fachwissenschaftler muß lauten, die Selbstmotivierung zum Anwenden rechentechnischer Verfahren für das Führen eigener Informationsfonds weiter zu festigen, den Forschungsaufgaben und -interessen entsprechende Sachverhaltsinformationsfonds computergestützt aufzu- bauen und zu pflegen sowie auf dieser Basis intensive Beziehungen des Informationsaustausches mit anderen Fachwissenschaftlern und vor allem mit der eigenen Informationseinrichtung zu gestalten.

    Moderne Systeme der Dokumenteninformation und Dokumentenbereitstellung (Bibliotheken) müssen die skizzierten Prozesse unterstützen. Die Kopplung von Dokumenten- und Sachverhaltsinformationen in einem komplexen Informationsprozeß wird hierbei immer größere Bedeutung erlangen.

    Die objektiv bestehende Einheit von fachwissenschaftlicher Forschung und wissenschaftlichem Informationsprozeß kann unter den neuen Bedingungen, wie sie hauptsächlich in These 7 sowie in dieser These angedeutet wurden, auf höherer Stufe praxiswirksam werden und zur Intensivierung der Forschungstätigkeit beitragen. Dazu ist jedoch zielstrebiges und kooperatives Handeln aller, die an diesen Prozessen beteiligt sind, unerläßliche Voraussetzung.

    Zurück zur Gliederung


     

    Literaturhinweise und Bemerkungen


    1
    Engelberg, Ernst: Ereignis, Struktur und Entwicklung in der Geschichte. - In: Probleme der geschichtswissenschaftlichen Erkenntnis, Akademie-Verlag Berlin 1977, S.9-37; 
    Wick, Peter: Zur Widerspiegelung historischer Tatsachen und Erscheinungen mit Hilfe einer Informationssprache. - In: Probleme der geschichtswissenschaftlichen Erkenntnis, Akademie- Verlag Berlin 1977, S.175-182; 
    Wick, Peter u.a.: Thesaurus der Geschichtswissenschaft: Aufgaben und Anwendung, Berlin 1976, Abschnitt 2.2
    zurück
    2
    Engelberg, Ernst: Ereignis, Struktur und Entwicklung in der Geschichte, a.a.O. S.19 zurück
    3
    Die thematische Begrenzung eines Fonds von Sachverhaltsinformationen kann sachlich (z.B. Thema Bauernaufstände), zeitlich (z.B. Chronik des Jahres 1730) oder geographisch (z.B. Land Mecklenburg) erfolgen.Auch Mischformen sind möglich ( z.B. Bauernaufstände in Mecklenburg ). Nach einem Vorschlag von Peter Wick. zurück
    4
    Der Begriff "Tatsache" wird von mir synonym zu den Begriffen "wirklich existierender Sachverhalt" und "Fakt" verwendet. Vgl. Bemerkung unter 6. ( E. Gering ) zurück
    5
    Engelberg, Ernst: Ereignis, Struktur und Entwicklung in der Geschichte, a.a.O. S.19 zurück
    6
    Der von verschiedenen Methodikern vertretenen Auffassung, daß nicht die wirklich existierenden Sachverhalte selbst, sondern nur die als wahr bestätigten Aussagen über diese Sachverhalte als Tatsachen anzusehen sind, schließe ich mich nicht an. Vgl. Bemerkung unter 4. ( E.Gering ) zurück
    7
    Engelberg, Ernst: Ereignis, Struktur und Entwicklung in der Geschichte, a.a.O. S.12 zurück
    8
    Engelberg, Ernst: Ereignis, Struktur und Entwicklung in der Geschichte, a.a.O. S.13-18 zurück
    9
    Engelberg, Ernst: Ereignis, Struktur und Entwicklung in der Geschichte, a.a.O. S.10 zurück
    10
    Wick, Peter u.a.: Thesaurus der Geschichtswissenschaft: Aufgaben und Anwendung, a.a.O. S.58 zurück
    11
    Gering, Eberhardt: Erweiterungen des Konzepts eines Frage-Antwort-Systems als Basis 
    für neuartige rechnergestützte Kommunikationsprozesse auf gesellschaftswissenschaft-
    lichem Gebiet. - In: Gesellschaftswissenschaftliche Information und Dokumentation in 
    der DDR. - Berlin 14 (1985) 1, S. 3-16
    zurück




    Vortrag auf dem Kolloquium des Zentralinstituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR zu Ehren des 65. Geburtstages von Peter Wick am 31. August 1987

    Autor: Dr. phil. Eberhardt Gering
    Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin

     
    Zur Gliederung des Vortrags

    Zur Themenübersicht Informationswissenschaft