Spuren der  Köhlerei in Literatur und Inschriften der Antike –  Griechenland und Rom
 

Dr. phil. Albrecht Locher, Vortrag auf dem Wissenschaftlichen Symposium zum 5. Internationalen Köhlertreffen
August 2005 in Rohr im Gebirge, Österreich
 


Mein Vor-Referent Dr. Eberhardt Gering hat mit sehr exaktem Material darauf hingewiesen, dass der Berufsstand des Köhlers bis in die Gegenwart herein allgemeiner Nicht- oder Kaumbeachtung  verfällt. 6  Ich kann dem hinzufügen: Das war immer schon so. Der Beitrag der Klassischen Philologie zur antiken Köhlerei besteht nämlich weitgehend in Fehlanzeigen.  Zwar sind die griechischen ánthrakes und die lateinischen carbones allgegenwärtig, aber ihr Hersteller, der Köhler, griechisch anthrakistés, lateinisch carbonarius, bleibt nahezu ungenannt; beide sind zudem sprachlich von dem Kohlen h ä n d l e r nicht zu unterscheiden. 

Auch der mit den besten und umfassendsten Lexika und Indices unternommene Streifzug durch die beiden Literaturen ergibt nur überaus Spärliches: 
 

In der Komödie „Die Acharner“ von Aristophanes besteht der Chor (Verse 719 – 747) doch tatsächlich aus Köhlern aus dem nordwestlich von Athen gelegenen ländlichen Acharnai.
Doch diese sind nur infolge der athenischen Strategie in den Anfangsjahren des Peloponnesischen Kriegs  (331 – 303 vuZ), nämlich das flache Land zu räumen und den feindlichen Spartanern zu überlassen, als Flüchtlinge in der Stadt. Über ihre heimische Tätigkeit und die damit verbundene Technik und Zivilisation erfahren wir nichts, außer dass einzelne ihrer Vertreter ein barbarisches Griechisch sprechen. 
Die „Acharner“ wurden 425 aufgeführt. Von den prominenten Übersetzern lässt sie Otto Weinreich schwäbisch, Wolfgang Schadewaldt  schwyzerdütsch  sprechen !
Über 200 Jahre später wird in der Komödie Casina des römischen Komödienschreibers Plautus (gest. 184 vuZ) über einen versandten Sklaven (von dessen Empfänger) gesagt, er werde ihn zurückschicken mit dem Traggestell auf dem Rücken „tamquam carbonarium“. Dieses Traggestell erweist ihn aber als Kohlen h ä n d l e r. 
Tausend Jahre später werden die Wiederentdecker des Römischen Rechts, die so genannten  Glossatores, zu einer ähnlichen Stelle sagen: „Ein carbonarius ist einer, der Kohlen brennt o d e r  v e r k a u f t.“ 

In der Dichtung kommt der Köhler überhaupt nicht vor. 

Der anonyme und zeitlich schwer einzuordnende Verfasser einer Schrift „Über berühmte Männer“  (um 200 uZ) schreibt cap. 72,1 über seine Titelfigur: „Wegen seiner Armut übte er das Geschäft eines Köhlers aus“. 

Wenig später weiß der Kirchenschriftsteller Tertullian in seiner Schrift De carne Christi (Über den fleischlichen Leib Christi) cap. 6 von einer Redewendunng  „Aus der Kalkbrennerei in die Kohlenbrennerei geraten“ (heute: vom Regen in die Traufe). 

Angesichts dieses Befundes nimmt es nicht Wunder, dass der Köhler  auch in der Römischen Sozialgeschichte von G. Alföldy  (Franz Steiner Verlag, 2. durchges. Auflage Wiesbaden 1979) ebenso wie in den größeren  und kleineren Nachschlagewerken zur Antike  n i c h t  vorkommt. 

Die einzige Spur in Inschriften, nämlich  im Corpus Inscriptionum Latinarum Band 6, 9235, ist mechanisch beschädigt und lässt nur  „carbonaro“ entziffern, das offensichtlich auch noch fehlerhaft geschrieben ist. 
 

Der einzige Lichtblick

Es gibt immerhin eine einzige Stelle in der gesamten antiken Literatur, wo wir noch nicht einmal "hauptamtliche" Köhler, sondern wenigstens Pechschweler als Berufsgruppe auftreten und aktiv werden sehen; diese bedienen sich aber ziemlich genau derselben Technik wie die Köhler. Sie haben lediglich den Untergrund eines Kohlenmeilers so gestaltet, dass sie die bei jedem Kohlebrand anfallende Flüssigkeit  kontrolliert sammeln können. 
In der Schule des Aristoteles (384-323) begegnet erstmals neben eigentlichen philosophischen Forschungen auch die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Fragen. Solche Fragen  sind verschiedentlich von Aristoteles´ Schüler (und Nachfolger in der Schulleitung) Theophrast (371-287)  aufgegriffen und in heute noch erhaltenen Schriften behandelt worden. Dazu gehört die Historia Plantarum (Pflanzenkunde). Hierbei wird bei der Beschreibung der Kiefernarten dann auch auf die Pech-Gewinnung aus diesen Hölzern eingegangen (Hist. Plant. 9,3,1-3). Erst ganz am Ende der eingehenden Beschreibung von Aufbau und Funktionieren eines Kohlenmeilers, die abgesehen von einer wohl unrichtigen Maßangabe über die Höhe,  sehr genau ist 1 , kommt die Sprache auf die Köhler selbst. Es wird in den letzten Zeilen von ihnen gesagt: 
 

„......Diese ganze Zeit über beobachten sie, ohne zu schlafen, dass ja nichts aufflackert, und sie opfern, und sie beten unter festlichen  Ritualen darum, dass das Pech reichlich und schön ausfallen möge. Auf diese Weise brennen also die Leute in makedonischen Landen.“

Was die Kohlenbrenner nach dieser Beschreibung hier tun, entspricht ziemlich genau den arbeitsbegleitenden Ritualen, die M. Eliade als an vielen Stellen des Globus  verbreitet bezeugt und beschrieben hat (allerdings für Metallverhüttung und -verarbeitung) 2.

Dies also der mehr als dürftige Befund bei der Überprüfung der noch verfügbaren Texte. 
 
 

Der kulturgeschichtliche Hintergund 

Dass unterste Bevölkerungsschichten  nicht in der Literatur auftreten, ist nicht verwunderlich. Die gewiss dünne Schicht der Alphabetisierten lebte in ihrer Mehrheit sozial in komfortabler Höhenlage, sieht man von Schreibsklaven ab, die aber wiederum keine Literatur produzierten. 

Hier ist aber einem Aspekt  Aufmerksamkeit zu schenken, der zumindest einiges erklärt. 
Die Literatur der mittleren und westlichen Mittelmeerwelt setzt ungefähr parallel zu den ersten großen Stadtgründungen ein. Dazu gehören die beiden Epen Homers (Ilias und Odyssee) zwischen  730 vuZ  und die beiden Gedichte Hesiods (Theogonie und Erga) um 700 vuZ 3.
Hier scheint mir nun eines bemerkenswert: In den ersten Versen der Odyssee, in der die leidenserfüllte Heimkehr und die vielen Irrungen und Wirren geschildert werden, denen der aus dem Troianischen Krieg zurückkehrende Odysseus ausgesetzt war, wird allem anderen voraus (in Vers 3) gesagt: „Von vielen Menschen sah er die S t ä d t e  und lernte kennen ihre Sinnesart“ 4. Nicht erst in der Dichtung, schon in den Kulturentstehungsmythen spielt die Stadtbildung und das Leben i n der Stadt die zentrale Rolle. Köhler mussten aber zwangsläufig  „draußen“ ihrem Beruf nachgehen,  und das umso mehr, als Wald schon aus Sicherheitsgründen nicht in unmittelbarer Nähe von Städten geduldet wurde, sofern er nicht schon vorher zu Schiffbau, Hausbau- oder Metallverhüttung abgeholzt worden war.

Rund 650 Jahre später findet sich in den letzten Jahren der römischen Republik in einem zur Weltliteratur gehörenden Text eine deutliche Entsprechung. 
Zu der jetzt zu besprechenden Quelle ist einiges vorauszuschicken: Allen, die während der Gymnasialzeit mit Latein versorgt oder gequält wurden, sind Ciceros 4 Reden gegen Catilina in je entsprechender Erinnerung. Cicero (106 – 43 vuZ) hatte im Jahr 63 das Konsulat erlangt, das höchste für einen Römer erreichbare Ziel. In dieser Amtszeit gelang es ihm, den Lucius Sergius Catilina, einen herabgekommenen Adligen, als Haupt einer Verschwörung zur Ermordung des Konsuls (also seiner selbst, d.h. Ciceros) zu entlarven, nachdem er schon 3 Jahre zuvor entsprechende Hinweise erhalten hatte. Ciceros rigides Vorgehen gegen die Verschwörer (Hinrichtung o h n e  Gerichtsurteil) wird von der Geschichtsschreibung widersprüchlich beurteilt: Die einen rechnen ihm die Rettung des Staates, deren er sich selbst rühmte, hoch an, andere machen ihm zum Vorwurf, er habe den Zerfall der Republik eher noch beschleunigt. Wahrscheinlich aber war es auch seine persönliche Todesangst (er überwand sie zuletzt bei seiner Ermordung souverän), die ihn zu einer besonders pathetischen Mischung aus Ironie und Empörung greifen ließ, als er vor der Volksversammlung ausrief:
 

„Oh welch ein furchterregender Krieg, da Catilina sich auf eine Leibstandarte aus Strichjungen stützen wird. Bürger Roms, führt nun gegen diese grandiosen Truppen Catilinas eure Machtmittel und Heere ins Feld!............Nun werden die  S t ä d t e  der Siedler und der römischen Mitbürger es mit den  b e w a l d e t e n   H ü g e l n  (tumulis silvestribus) Catilinas aufnehmen..........“ 5

Mit dem Adjektiv "silvester" werden nach Auskunft der Lexika wilde Tiere und unzivilisierte Menschen charakterisiert. 
Mit diesen „bewaldeten Hügeln“ konnten Studenten, denen ich den Text vor kurzem als Klausur vorgesetzt hatte, nichts anfangen. Dass die zauberhafte Hügellandschaft der Toscana, Umbriens, der Marche oder des Piceno als Inbegriff der Zivilisations-, Kultur- und Sittenfeindschaft  empfunden werden könnten, war ihnen völlig fremd. 
Aber das war eben römische Sichtweise, dass es zivilisiertes und diszipliniertes Leben nur in der Stadt geben könne. Es kam hinzu, dass die römischen Legionen ihre legendäre militärische Kampfordnung nur in freiem Gelände entwickeln konnten. Sie hatten in waldbehinderter Umgebung im Jahr 217 am Trasumenischen See aus genau diesem Grund eine ihrer vernichtendsten Niederlagen erlitten. Solche Niederlagen unter ähnlichen Umständen wiederholten sich später für Caesars Heer in Gallien (Bellum Gallicum 5, 33 – 39) unter Titurius und  9 uZ  in der Schlacht „im Teutoburger Wald“, in Wirklichkeit weiter nördlich bei Bramsche in Niedersachsen, unter Quintilius Varus. Der Waldreichtum Germaniens konnte so zum Auslöser  allgemeiner Germanenfurcht werden, deren Ausläufer bis heute da und dort zu spüren sind. 
 

Zwei Schlaglichter zum Schluss:

Benedikt von Nursia (um 480 – um 550  uZ), aus römischem Landadel stammend, hatte sich zunächst als Einsiedler in eine Höhle bei Subiaco zurückgezogen, wurde dann von ähnlich orientierten anderen Mönchen zum Abt des Klosters Vicovaro gewählt. Diese Mönche versuchten nach einiger  Zeit jedoch, ihn zu vergiften, weil sie mit seiner strengen Disziplin nicht einverstanden waren.  Benedikt muss dabei aufgegangen sein, dass Zivilisationsferne zu Zivilisationsverachtung führen oder aus dieser hervorgehen und schließlich in Kriminalität enden kann. Seine Konsequenz daraus verrät den römisch geprägten frommen Mann:  Er zog nicht in die Einöde mit den bekannten Risiken, sondern verlagerte die urbane Kultur ebendort hin. Das von ihm dann 529 uZ  gegründete Montecassino und die vielen anderen benediktinischen Klosteranlagen geben vom Erfolg seiner Leitidee Zeugnis. Von den Leistungen seines Ordens in Theologie und Profanwissenschaften, Landwirtschaft, Viehzucht, Bierbrauerei, Likördestillation u.ä. wollen wir gleich gar nicht reden. 

Hier das Gegenbild rund 1000 Jahre später: In einer Warnschrift von 1533 rügt Martin Luther den blinden, kritiklosen Kirchenglauben ungebildeter und beschränkter Glaubender. Auf die Frage eines Theologen an einen Waldbewohner, was er denn nun glaube, antwortet der:
„Was die Kirche glaubt“, und auf die weitere Frage, was denn die Kirche glaube:“Was ich glaube“. Der so Befragte wird als Köhler vorgestellt. 
So ist dieser Berufsstand – wenn auch in negativer Weise – in dem Fachausdruck „Köhlerglaube“ wenigstens in die theologische Fachsprache eingegangen. 
_________________________________________________
1.
Die Übersetzung dieses Textes habe ich in ACTA PRAEHISTORICE ET ARCHAEOLOGICA  23, 1991, S. 111 – 115 veröffentlicht. 

2.
Mircea Eliade, Schmiede und Alchemisten, 2. Auflage, Ernst Klett Verlag Stuttgart 1980.
Dass es gegen Eliades Deutungen von Quellentexten und archäologischen Befunden Einwände gibt, ist mir bekannt. 

3.
In den innerhalb der Klassischen Philologie permanenten (und existenzsichernden!) Streit um Datierung und gegenseitige Abhängigkeit dieser Dichtungen möchte ich mich hier bewusst nicht einmischen. 

4.
In der Prosa-Übersetzung von W. Schadewaldt, rororo Klassiker Band 2, 1958.

5.
Aus: In Catilinan II 24  übersetzt nach der lateinischen  Textausgabe von Curtis Clarc, Oxford 1970.

6.
E. Gering: Die unzulängliche Berücksichtigung der Köhlerei in der Geschichtsschreibung der Technik. - Vortrag auf dem Wissenschaftlichen Symposium zum 5. Internationalen Köhlertreffen August 2005 in Rohr im Gebirge, Österreich
.
Anmerkung: Die Farbigen Schriftauszeichnungen im obigen Text wurden von mir vorgenommen. (E.Gering)


 
Ein Schriftwechsel mit dem Autor des obigen Beitrages
E-Mail vom 18.11.2005
Lieber Dr. Locher,
herzlichen Dank für den Text Ihrer ausgezeichneten kleinen Arbeit. Ich hatte Ihren Vortrag zwar schon in Rohr im Gebirge aufmerksam verfolgt, jedoch im Nachhinein liest es sich gründlicher als wenn man es "lediglich" hört. Nach Erhalt Ihres Textes habe ich mich sofort hingesetzt und alles zusammengesucht, was ich selbst schon vor einiger Zeit entdecken konnte. Es ist eine dürftige Ergänzung zu Ihrem Beitrag, nichts weiter.
...
Beste Grüsse
Eberhardt Gering

Antwort-E-Mail vom gleichen Tag
Lieber Dr. Gering,
es ist ganz unglaublich: Die von Ihnen beigebrachten Stellen, die ich soeben ausgedruckt habe, m ü s s e n unbedingt mit dazu.. Ich konnte sie mit meinen lexikographischen Mitteln nicht ermitteln.
Schreiben Sie das, bitte, irgendwie und irgendwo dazu, und auch, dass ich das mit Freuden (!) eingeräumt habe.
Herzlichst
Locher
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Anmerkung
Die von mir zusätzlich zum Vortrag Albrecht Lochers aufgespürten Textfragmente stammen bis auf eine Ausnahme aus dem Band "Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos" (Band 30 der Digitalen Bibliothek des Verlags Directmedia Publishing GmbH). Mit dieser auf CD verfügbaren Textbasis von ca. 18.000 Bildschirmseiten ließen sich rasch alle köhlereirelevanten Textpassagen ermitteln, so daß ich als Nichtphilologe gegenüber dem von mir hochgeschätzten Dr. Locher einen unverdienten Vorteil hatte. Dazu kommt, daß etliche der von A.Locher zitierten Textstellen wiederum nicht auf der genannten CD auftauchen. So ist es zu einer von Herrn Locher und mir zwar unabsichtlich praktizierten, aber sehr konstruktiven und produktiven Form der Zusammenarbeit gekommen. 



 
 
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Stand März 2006