Flaggenwechsel

Über Fahnen und ihre Signale

   
 
In unserer Stadt sind offensichtlich riesige Mengen an Hakenkreuzfahnen vorhanden, wie an  „Führers Geburtstag", den ich als Schuljunge mehrmals miterlebe, deutlich zu erkennen ist. Auf meinem langen Schulweg sehe ich dann immer, daß die Innenstadt einem Fahnenmeer gleicht. 

Zu den festgelegten Tagen ist „Beflaggung" für die Einwohner Pflicht. Wer dieser „Pflicht" nicht nachkommt, kann Schlimmes erwarten. Nicht wenige Einwohner machen aus der Pflicht voller Eifer eine völkische Tugend und hängen aus dem zur Straße gelegenen Wohnungsfenster gleich drei oder vier Nazifahnen. Die Fahnen sollen unverbrüchliche Treue zum "Führer" signalisieren.

Unser Vater, der als Arbeiter in einem "kriegswichtigen Unternehmen" nicht zur Wehrmacht eingezogen wird, weigert sich lange, unsere Wohnung ebenfalls mit einer Nazifahne zu behängen. Nur ein einziges Mal muß er sich beugen, weil ihn weiteres Weigern ins Konzentrationslager und in den sicheren Tod bringen würde. Dieses eine Mal ist am letzten Hitlergeburtstag,  im April 1945. 

Siebzehn Tage danach rückt die Rote Armee in Freiberg ein. Wie von Zauberhand hängen plötzlich aus den Fenstern aller Wohnungen weiße Fahnen als Signal an die einrückenden fremden Soldaten: "Schießt nicht. Wir ergeben uns!" 

An einem großen Amtsgebäude in der Waisenhausstraße am Obermarkt ist kurze Zeit später eine ganze Reihe besonders langer roter Fahnen zu sehen.Das Signal soll hier  bedeuten: "Schaut her, wir sind für die neue Zeit". 

Diese langen roten Fahnen sind gefälscht und ihr Signal ist verlogen. Man erkennt es sofort an dem kreisrunden dunkelroten Fleck in der Fahnenmitte. Das ist die Stelle, wo sich vorher ein weißer Kreis mit schwarzem Hakenkreuz befand. Das Heraustrennen der Nazisymbole aus der Nazifahne ist für anpassungsfähige Amtsinhaber die "einfachste Lösung", um politische Wende zu demonstrieren. Es gibt ja keine wirklichen roten Fahnen im alten Nazifahnengeschäft am Bismarckplatz. Da müssen eben die bisherigen Fahnen unter Verzicht auf das Hakenkreuz noch einmal herhalten  ... 

Wie stotterte der gewiefte Sachse, der am Tag nach Kriegsende den Laden betrat, in alter Gewohnheit den rechten Arm nach oben reckte und schon zum Hitlergruß ansetzte, als er noch rechtzeitig seinen Fehler bemerkte ? 
"Hei - Hei - Heite hab´sch so een großen Hund gesehn!" 
Jetzt wo es mit der Naziherrschaft vorbei ist, können wir unsere schwarz-rot-goldene Fahne aus dem Versteck im Elternschlafzimmer holen. Ich hatte das Versteck bereits früher entdeckt und die Fahne oft heimlich betrachtet. Dabei stellte ich mir vor, wie unsere Mutter die Fahne in das Versteck gelegt hat. Mutter hat das Ende des Krieges nicht mehr erlebt, sie ist im zweiten Kriegsjahr gestorben. 
Die Fahne ist in gutem Zustand, mit kräftigen Farben und weichem, fast seidigem Stoff. Von jetzt an erfüllt sie viele Jahre zum Ersten Mai und später auch zum Jahrestag der Republik, ihren Zweck am Fenster der Wohnküche. Erst in den fünfziger Jahren müssen wir unserer historische Fahne, da sie mittlerweile  von Wind und Wetter zerschlissen und verblichen ist, schweren Herzens den Abschied geben.
 
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