Erweiterungen des Konzepts eines Frage-Antwort-Systems als Basis für neuartige rechnergestützte Kommunikationsprozesse auf gesellschaftswissenschaftlichem Gebiet
Vortrag auf dem Kolloquium „Information, Organisation und Informationstechnologie“ der Sektion Wissenschaftstheorie und –organisation der Humboldt-Universität zu Berlin, 1983

Veröffentlicht in: Gesellschaftswissenschaftliche Information   und Dokumentation in der DDR
Berlin 14(1985)1. -  S. 3-16

 
Gliederung

Ziele und Ausgangspositionen
Automatisches Feststellen logischer Widersprüche
Automatisches Stellen von Fragen
Mögliche Kommunikationskette Mensch-Maschine-Mensch
Literatur
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Ziele und Ausgangspositionen

Die direkte Mensch-Maschine-Kommunikation */, deren Möglichkeiten mit zunehmender Automatisierung der Informationsverarbeitung immer deutlicher sichtbar werden, ist für die Intensivierung der im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich ablaufenden Informations- und Kommunikationsprozesse von großer Bedeutung.
 

Das Zusammenwirken von Mensch und Maschine ist offensichtlich jene effektive Kommunikationsmethode, die es erlaubt, weit besser als bisher die geistigen Möglichkeiten der Menschen zu vereinigen und das intellektuelle Potential der Gesellschaft zu verstärken. /1/

Um auf diesem Wege zu tatsächlich effektiveren Methoden der wissenschaftlichen Kommunikation zu gelangen, genügt es nicht, den Nutzern einen immer schnelleren Zugriff zu wachsenden Informationsmengen, verbunden mit ensprechenden Auswahlroutinen, zu ermöglichen. Zweifellos sind die auf diesem Gebiet stattfindenden Veränderungen der Informationstechnologie für das Beherrschen der auf nationaler und internationaler Ebene entstehenden großen Informationsfonds **/ und damit für eine spürbare Qualitätserhöhung in der Informationsverarbeitung unerläßlich. Rechnergestützte wissenschaftliche Kommunikation im eigentlichen Sinne erfordert aber neuartige, weiterreichende Lösungen, bei denen die kommunikativen Beschränkungen, welche den bisherigen Verfahren innewohnen,  dem jeweiligen Anwendungsfall gemäß deutlich reduziert sind. 
 

 */ 
 Der Terminus "Maschine" steht in diesem Beitrag synonym für Computer.
**/ 
Bei den angesprochenen großen Informationsfonds handelt es sich überwiegend um Metainformationen  in Form von Quellen- bzw. Dokumentennachweisen, die in bibliographischen   Datenbanken  zusammengefaßt sind. 
 
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Das Ziel besteht darin, die auf wissenschaftlichem Gebieten bestehenden zwischenmenschlichen Kommunikationsbeziehungen immer besser durch die Kombination menschlicher und maschineller Fähigkeiten nachvollziehbar zu machen ( ohne Grenzen zu verkennen, die einer solchen Kombination auf dem jeweiligen Entwicklungsniveau seitens der Maschine gesetzt sind ), um für den Menschen im Kommunikationsprozeß mit der Maschine spürbare Effektivitätsgewinne zu sichern.
Unter dem Aspekt gesellschaftswissenschaftlicher Kommunikation muß dabei als nächstes erreicht werden, daß die meist in frei strukturierter Form, das heißt in natürlicher Sprache vorliegenden Informationen auf die von der Maschine interpretierbaren syntaktischen Strukturen möglichst adäquat abbildbar sind und daß die Maschine diese Strukturen bei der Informationsausgabe so aufbereitet, daß sie vom Menschen relativ mühelos in ihrer Bedeutung erkannt, das heißt in semantische Informationen zurückverwandelt werden können.
Mit anderen Worten: In dieser Phase des Gestaltens der Mensch-Maschine-Kommunikation geht es um das Akzeptieren und das Bereitstellen natürlichsprachiger */ Informationen durch die Maschine und um die Möglichkeit für den Menschen, zum Zwecke der Informationseingabe und –recherche mit der Maschine einen natürlichsprachigen Dialog führen zu können.
 
*/ Die Termini „natürliche Sprache“ und "natürlichsprachig" beziehen sich im vorliegenden Text  immer  auf  einen Sprachbereich, welcher dem begrenzten Stand der Formalisierbarkeit sprachlicher Prozesse und  dem konkreten  Anwendungsgebiet entspricht.
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Eine sehr nützliche, wenn auch noch nicht hinreichend praxisreife Lösung ist in dieser Hinsicht das von einer Forschungsgruppe des Zentrums für Forschung und Technik im Kombinat Robotron in Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse der AdW der DDR geschaffene Frage-Antwort- System FAS-80. /2/
Wenn man, was schon mit den gegenwärtig verfügbaren technischen Mitteln möglich sein dürfte, die Wissensbasis des Frage-Antwort-Systems ( FAS ) bzw. die darin im semantischen Netz zusammengeführten Aussagen mit einer größeren Datenbasis verbindet, welche Sachverhaltsinformationen in Form von Text- auszügen oder komplette (kürzere) wissenschaftliche Texte enthält, so lassen sich bereits mit dem vorhandenen FAS spürbare Fortschritte bei der Informationsversorgung einzelner Nutzergruppen erzielen.

Die sich mit Systemen wie FAS-80 abzeichnenden Kommunikationsmöglichkeiten werfen jedoch die Frage nach der Realisierbarkeit weiterführender Prozeduren der Mensch-Maschine-Kommunikation auf, die noch stärker auf die Bedürfnisse künftiger, im Wissenschaftsprozeß tätiger Anwender orientiert sind. Aus der Sicht gesellschaftswissenschaftlicher Informationstätigkeit würden beispielsweise solche Lösungen besonderes Interesse finden, mit deren Hilfe im Fonds der gespeicherten Informationen Zusammenhänge zwischen Neuem und Historischem  */  sichtbar gemacht oder  logische Widersprüche zwischen gespeicherten und neu eingegebenen Aussagen festgestellt werden können. 
Völlig neuartige Möglichkeiten rechnergestützter wissenschaftlicher Kommunikation dürften sich ergeben, wenn in das FAS-Konzept außer der Fragebeantwortung auch das zielgerichtete automatische Fragestellen einbezogen würde.
 

*/ 
 Das Neue sind in diesem Fall die Aussagen zu neu gewonnenen Erkenntnissen, die in das  System eingegeben werden, während das Historische durch die zu einem früheren Zeitpunkt gewonnenen und  gespeicherten Aussagen verkörpert wird.

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Die wissenschaftlichen Kommunikationsbedürfnisse und die Möglichkeiten ihrer rechnerunterstützten Deckung sind selbstverständlich ungleich vielfältiger, als es die oben angesprochenen neuartigen Methoden und Verfahren zum Ausdruck bringen. In neuerer Zeit werden jedoch von verschiedenen Autoren gerade die Problemstellungen des Aufzeigens logischer Widersprüche und des automatischen Fragestellens diskutiert. So hielt es zum Beispiel /Kitov/schon 1967 für ein notwendiges Merkmal neuer Fakteninformationssysteme, daß sie in der Lage sind, die Widersprüche zwischen den neu in die Maschine eingegebenen und den schon in der Maschine vorhandenen Informationen herauszufinden. /4, S.23-24/
Die Notwendigkeit einer Maschine, welche Fragen nicht nur beantwortet , sondern auch selbst stellt, wurde beispielsweise von/Dobrov/ 1971 im Zusammenhang mit einem Informationssystem, welches die Leitung von Forschungskollektiven unterstützen soll, betont. /5, S.37/

Mit der Existenz informationslogischer Systeme wie FAS-80 und den objektiv bestehenden Voraussetzungen für ihre Funktionserweiterung rücken nunmehr erste Möglichkeiten des Verwirklichens solcher Ideen in greifbare Nähe.  Unter Berücksichtigung der Fähigkeiten und Leistungsreserven von FAS-80, wie sie anhand von Systemunterlagen erkennbar oder zumindest zu vermuten sind, sollten sich entsprechende Funktionserweiterungen des FAS mit einem vertretbaren Aufwand realisieren lassen.

Einige Probleme des Erkennens logischer Widersprüche und des selbständigen Fragestellens durch ein  FAS werden im folgenden näher betrachtet. Genauere Darstellungen eines möglichen Lösungsweges sind in /3/ enthalten. 

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Automatisches Feststellen logischer Widersprüche

Im Erkenntnisprozeß kommt allgemein dem Feststellen von Widersprüchen große Bedeutung zu. Widersprüche beruhen auf Gegensätzen, das sind Unterschiede im Wesen der betrachteten Gegenstände, die sich in der Form ihres Extrems gegenüberstehen. Anders als die unmittelbar in den Objektbereichen der Realität existierenden dialektischen Widersprüche , die hier nicht betrachtet werden, bestehen logische Widersprüche nur auf der Ebene der Begriffe und Aussagen. Ihr Auftreten zeugt von nichtadäquater Widerspiegelung der Wirklichkeit im Bewu0tsein. vgl. /6, S.1308/

Ein hinreichendes Merkmal für die Existenz eines logischen Widerspruches ist das gemeinsame Auftreten einer Aussage und ihres Negats. In einem solchen Fall liegt ein kontradiktorisches Aussagenpaar vor, wobei die eine Aussage jeweils die Umkehrung des Wahrheitswertes der anderen Aussage in ihr Gegenteil bedeutet. */  Derartige Konjunktionen verstoßen gegen den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch, der besagt, daß zwei zueinander kontradiktorische Sätze nicht zusammen wahr sein können. Die Beachtung dieses Satzes erlaubt es, wissenschaftliche Einzelerkenntnisse logisch widerspruchsfrei in ein System von Erkenntnissen ( wie es beispielsweise durch die Informationen widergespiegelt werden kann, die im semantischen Netz eines FAS gespeichert sind ) einzuordnen. Darüber hinaus ist dieser Satz für das Gewinnen neuer Erkenntnisse von Bedeutung, zum Beispiel für den Nachweis der Unhaltbarkeit einer Hypothese oder der Unwahrheit einer Behauptung.

Da ein logischer Widerspruch durch das gemeinsame Auftreten einer Aussage und ihres Negats signalisiert wird, ist es im Prinzip möglich, das Erkennen solcher Widersprüche zu modellieren und damit auch zu automatisieren. Dazu muß das automatische System ( FAS o.ä. ) Funktionen besitzen, mit deren Hilfe es die zum Ausdrücken eines Negats in Frage kommenden sprachlichen Formen innerhalb eines Aussagesatzes feststellen kann. Im einfachsten Fall geht es dabei um das Ermitteln eines Negationswortes, **/  mit dem innerhalb eines Satzes ein Wort bzw. ein Satzteil negiert wird.
 

*/
Ein einfaches Beispiel hierfür wäre die Konjunktion der  beiden Aussagen „Die Erde kreist um die  Sonne“  und  „Die Erde kreist nicht um die Sonne“.
**/
Zu den Negationswörtern im Deutschen gehören: 
nicht, nichts, nie, niemals, niemand, nirgends, nirgendwo, nirgendwohin, nirgendwoher,  kein,  keinesfalls,  keineswegs, nein, weder...noch. Siehe  /7, S.193/
 
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Eine weitere mögliche Ausdrucksform logischer Widersprüchlichkeit sind Wertpaare, denen kontradiktorische Begriffe zugrunde liegen. Ein kontradiktorisches Begriffspaar sind zwei miteinander unvereinbare, einander ausschließende Begriffe, zwischen denen kein mittlerer, dritter Begriff existiert.*/
vgl. 8, S.80/
Zwei Aussagesätze zu dem gleichen Sachverhalt können dann zueinander im logischen Widerspruch stehen,  wenn der erste Satz den einen, der zweite Satz den anderen Terminus eines derartigen kontradiktorischen Begriffspaares enthält. Ebenso wie im Falle des Auftretens von Negationswörtern ist jedoch auch hierbei die Wahrscheinlichkeit eines logischen Widerspruchs mit davon abhängig, ob und in welchem Maße die restlichen Satzteile der beiden Aussagesätze einander semantisch äquivalent sind. Die Ermittlung des Maßes der semantischen Übereinstimmung würde im FAS-80 den Vergleich der im semantischen Netz gespeicherten Tiefenstrukturen der beiden Aussagesätze erfordern. Entsprechende Funktionen finden im FAS-80 für andere Zwecke bereits Anwendung. Der Umfang der dabei zu bewältigenden Probleme soll im folgenden am Beispiel eines Satzpaares angedeutet werden.
 
*/ 
 Beispiele für kontradiktorische Begriffspaare sind:  „Materialismus : Idealismus“  oder 
„Möglichkeit :  Unmöglichkeit“.
 
Beispiel eines Satzpaares für zwei sich logisch widersprechende Aussagen:

Satz I „Das Modellieren von Sprachprozessen ist möglich.
Satz II „Es ist unmöglich, Denkvorgänge zu modellieren.

Mit dem Auftreten des kontradiktorischen Begriffspaares  „möglich : unmöglich“  (unterstrichene Wörter) ist eine notwendige, aber noch nicht hinreichende Bedingung  für das Vorliegen eines logischen Widerspruches erfüllt. 
Hinreichender Grund für die Annahme der Existenz eines solchen Widerspruches besteht jedoch erst dann, wenn festgestellt wird, daß die beiden nichtunterstrichenen Satzteile „Das Modellieren von Sprachprozessen“ und „Denkvorgänge zu modellieren“ weitgehend semantisch äquivalent sind. Das Feststellen dieser Äquivalenz setzt im gegebenen Fall wiederum voraus, daß im FAS durch früher eingegebene Hintergrundinformationen der semantische Zusammenhang von „Sprache“ ( bzw. „Sprachprozeß“ ) und „Denken“ (bzw. „Denkvorgang“) dargestellt ist. Dazu kommen noch Anforderungen, die sich aus Unterschieden in Wortformen und Wortstellungen  der beiden miteinander zu vergleichenden Satzteile ergeben.

 
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Damit das FAS beim Analysieren von Aussagesätzen die zu einem kontradiktorischen Begriffspaar gehörenden Wörter ermitteln kann, muß ihm zuvor diejenige Menge von Begriffspaaren */,  die auf das mittels  FAS bearbeitete Informationsgebiet zuteffen, möglichst vollständig mitgeteilt werden. 
Das Zusammenstellen entsprechender Listen von speziellen Bedeutungsgegensätzen ist ein anspruchsvoller intellektueller Prozeß, an dem neben Informationsspezialisten auch Fachwissenschaftler der mit Informationen zu versorgenden Bereiche sowie mit Problemen der Antonymie der deutschen Sprache vertraute Sprach- wissenschaftler teilnehmen sollten.
 
*/ 
 Kontradiktorische Begriffspaare entsprechen auf linguistischer Ebene weitgehend denjenigen Bedeutungsgegensätzen, die zur Gruppe der Komplementarität zählen.  Vgl. /9, S.18-19/ Siehe auch den Abschnitt "Zum automatischen Stellen von  Fragen" in diesem  Beitrag.
 
In der nachfolgenden Tabelle sind einige aus dem allgemeinwissenschaftlichen Wortschatz ausgewählte Wörter und Gegenwörter (Antonyme) zu einer Liste von Bedeutungsgegensätzen zusammengestellt. Die 
Liste ist unvollständig und nur als Beispiel zu betrachten. Zu einer umfassenden Zusammenstellung von Wörtern und Gegenwörtern der deutschen Sprache siehe /9/.
 
Wort Gegenwort Wort Gegenwort
Analyse Synthese adäquat inadäquat
Behauptung Beweis anorganisch organisch
Deduktion Induktion falsch wahr
Erkenntnis Irrtum ideell materiell
Evolution Revolution invariabel variabel
Gesetz Zufall konkret abstrakt
Materie Bewußtsein relativ absolut
Möglichkeit Notwendigkeit scheinbar wirklich
Möglichkeit Unmöglichkeit unendlich endlich
Ruhe Bewegung vermutet bewiesen
Unbestimmtheit Bestimmtheit vermuten  wissen
Widerspruch Übereinstimmung wesentlich unwesentlich
Da die Vielfalt und Kompliziertheit der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten die vollständige Automatisierung des Erkennens logischer Widersprüche gegenwärtig noch ausschließt, kann das FAS generell nur Hinweise auf vermutete logische Widersprüche geben. Letzten Endes muß im entsprechenden Kommunikationsprozeß "Mensch-Maschine" immer der Mensch die Entscheidung treffen, ob tatsächlich ein logischer Widerspruch vorliegt oder nicht.

Auch das Feststellen unechter logischer Widersprüche , wie sie zum Beispiel bei logisch entgegengesetzten Aussagen zweier Autoren oder wissenschaftlicher Schulen zu ein und demselben Sachverhalt gegeben sind, kann für den weiteren Erkenntnisprozeß von Bedeutung sein. 
Da beim automatischen Ermitteln logischer Widersprüche immer mit nicht zutreffenden Hinweisen des FASgerechnet werden muß, dürfte sich durch das gezielte Ausnutzen der Möglichkeit, auch unechte logische Widersprüche aufzudecken, die Effektivität der Mensch-Maschine- Kommunikation weiter erhöhen.

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 Automatisches Stellen von Fragen

Hinsichtlich des Erzeugens von Fragen durch ein FAS können zwei Zielstellungen unterschieden werden:

a) das Erzeugen von informationssuchenden Fragen;
b) das Erzeugen von nutzeranregenden Fragen.
Das Hauptziel der vom FAS auszulösenden informationssuchenden Fragen ist das Schließen von Lücken im Informationsbestand des FAS. Auf die vom FAS gestellte Frage antwortet der Informationsspezialist mit der Eingabe ergänzender Informationen. Das FAS wird auf diese Weise in die Lage gesetzt, neue Nutzeranfragen mit Hilfe des gezielt aufgefüllten Informationsbestandes vollständiger und präziser beantworten zu können, als es ohne die Zusatzinformationen möglich gewesen wäre.
Nutzeranregende Fragen können gleichfalls durch Lücken im Informationsbestand, vor allem jedoch durch automatische Analyse neu eingegebener Informationen ausgelöst werden. Bei dieser Art von Fragen steht 
nicht die Eingabe von fragebeantwortenden, ergänzenden Informationen im Vordergrund. Ziel von nutzer- 
anregenden Fragen ist in erster Linie eine Stimulierung des Nutzers, über die Gültigkeit der jeweiligen Frage des FAS und über ihre mögliche Beantwortung nachzudenken, um mit der von ihm selbst gefundenen Antwort die eigenen Erkenntnisse oder auch die Erkenntnisse anderer Kommunikationspartner (siehe unten) zu erweitern.

Um einen automatischen Frageprozeß auszulösen, muß im FAS unter Nutzung systeminterner Angaben und der im semantischen Netz des FAS bereits gespeicherten Informationen eine Fragesituation simuliert werden. In bezug auf informationssuchende Fragen besteht eine Fragesituation beispielsweise dann, wenn das FAS nach erfolgter Informationseingabe anhand eines intern gespeicherten und auf die eingegebenen Informationen beziehbaren stereotypen Handlungsrahmens ( sog. Frame-Konzept ) das Fehlen bestimmter Informationen feststellt. Auf Grund der mit dem jeweiligen Frame vorgegebenen Rahmenstruktur und mittels spezieller Rahmenregelungen "erwartet" das FAS die Eingabe ganz bestimmter Informationen und stellt Verfahren zu ihrer Einordnung in den Informationsbestand bereit. Wenn diese Erwartung nicht ausreichend erfüllt wird, kann das FAS im Prinzip die fehlenden Informationen durch entsprechend ausformulierte gezielte Fragen vom Kommunikationspartner Mensch anfordern.

Das Frame-Konzept kommt gegenwärtig im FAS-80 nicht zur Anwendung. Eine diesbezügliche Erweiterung der Funktionen des FAS, insbesondere des Programms für die syntaktisch-semantische Analyse der Eingabeinformationen, wird vom Systementwickler jedoch für möglich gehalten.

 
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Ein weiteres Verfahren zum Simulieren einer Fragesituation besteht in der Ausnutzung verschiedener Arten von Korrelationen zwischen Begriffen ( Wörtern ) bzw. Aussagen ( Satzteilen oder Sätzen ), die in dem mittels FAS bearbeiteten Sprachbereich existieren. Eine dieser Möglichkeiten, die sich auf kontradiktorische Begriffspaare stützt, wurde im Zusammenhang mit dem automatischen Feststellen logischer Widersprüche in diesem Beitrag bereits erläutert. Die hier interessierenden, allgemein auf kontradiktorischen oder konträren Gegensätzen beruhenden Korrelationen spiegeln sich in der Sprache in unterschiedlichen Arten von Bedeutungsgegensätzen wider. */
Um auf der Basis von Bedeutungsgegensätzen Fragesituationen herbeiführen zu können, müssen, wie im 
Falle des Feststellens logischer Widersprüche, Listen von Bedeutungsgegensätzen bzw. Begriffskorrelationen ( auch Aussagenkorrelationen kommen in Frage ) aus der Fachsprache zusammengestellt und im FAS gespeichert werden. 
Wenn zu solchen Listen ein rechnerinterner Zugriff besteht, kann das FAS bei jedem neu eingegebenen Fragesatz prüfen, ob in dem Satz ein Pol ( Wort oder Gegenwort ) von einem der listengespeicherten 
Bedeuungsgegensätze vorkommt.
Ist das der Fall, so muß weiter geprüft werden, ob im Speicher des FAS ein weiterer Satz vorliegt, der den anderen Pol des Bedeutungsgegensatzes enthält und dessen übrigen Satzteile zu den entsprechenden Tei-
len des neu eingegebenen Satzes hinreichend semantisch äquivalent sind. Der Fall, daß ein solcher zweiter Satz vorhanden ist, kann auf einen logischen Widerspruch aufmerksam machen ( siehe oben ).
Ist hingegen ein derartiger Satz im Speicher nicht auffindbar, so befindet sich das FAS in einer 
( angenommenen ) Fragesituation. Durch einfaches Auswechseln des Wortes, welches den Pol eines 
Bedeutungsgegensatzes bildet, gegen das betreffende Gegenwort sowie durch relativ einfache Satzumformung wird der soeben eingegebene Aussagesatz in einen Fragesatz verwandelt. Diese zweckmäßigerweise als Entscheidungsfrage ( „Gibt es ... ?“ ) formulierte Frage kann das FAS nun seinerseits an den menschlichen Kommunikationspartner richten. **/
 
 */*
In  /9, S.17-21/ werdenvier Gruppen von Bedeutungsgegensätzen unterschieden: Konversivität, Komplementarität, Antonymie (im eigentlichen Sinne) und fakultative Gegenwortpaare ( Kontrast im allgemeinen ). Der schon beschriebenen Kontradiktion von Begriffen entspricht weitgehend der Bedeutungsgegensatz der Komplementarität, das ist eine Beziehung zwischen zwei Bedeutungseinheiten, die sich wechselseitig bedingen und ergänzen, gleichzeitig aber zueinander in der „Entweder-Oder“-Relation stehen, das heißt sich gegenseitig ausschließen.
**/ 
Die gleiche Wirkung ließe sich erzielen, wenn nur der Pol des Bedeutungsgegensatzes durch seinen Gegenpol ersetzt würde und der somit semantisch, vollständig oder teilweise in sein Gegenteil verkehrte Aussagesatz dem Nutzer als Behauptung angeboten würde ( verbunden mit der Aufforderung, dieselbe zu prüfen oder zu verwerfen ).
 
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Das beschriebene Verfahren soll am Beispiel eines relativ einfachen, als Eingabeinformation angenommenen Aussagesatzes demonstriert werden.

Beispielsatz
„Eine Sachverhaltsinformation ist die aus einer Erkenntnis über einen wissenschaftlichen Sachverhalt direkt abgeleitete Information.“

Eine rechnerinterne Liste soll unter anderem die Bedeutungsgegensätze

Erkenntnis : Irrtum
wissenschaftlich : nichtwissenschaftlich
direkt : indirekt
enthalten. Unter der Voraussetzung, daß für jeden im Eingabesatz gefundenen Pol eines 
Bedeutungsgegensatzes jeweils eine eigene Frage gebildet wird, lassen sich nach der beschriebenen Methode folgende Fragen automatisch erzeugen:

Frage 1 
Gibt es  eine Sachverhaltsinformation, die eine aus einem Irrtum über einen wissenschaftlichen
Sachverhalt direkt abgeleitete Information ist?
Frage 2 
Gibt es  eine Sachverhaltsinformation, die eine aus einer Erkenntnis über einen nichtwissenschaftlichen Sachverhalt direkt abgeleitete Information ist?“
Frage3 
Gibt es  eine Sachverhaltsinformation, die eine aus einer Erkenntnis über einen wissenschaftlichen
Sachverhalt indirekt abgeleitete Information ist?“

Das gewählte Beispiel läßt erkennen, welche Unterstützung ein in seinen Funktionen entsprechend erweitertes FAS dem Menschen unter anderem beim Aufstellen wissenschaftlicher Definitionen geben könnte, indem es ihn durch zielgerichtete nutzeranregende Fragestellungen zum immer neuen Durchdenken des Definitionsvorschlages veranlaßt.

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Gestützt auf die Methode des Polarisierens, eines speziellen kreativitätslogischen Verfahrens */ , regt das FAS durch seine Fragestellungen beim erkenntnisgewinnenden und informationseingebendem Subjekt schöpferische Denkprozesse an, die in völlig ungewohnte Richtungen gehen und in einzelnen Fällen zu gänzlich neuartigen Erkenntnissen führen können.
Es muß aber auch darauf hingewiesen werden, daß, ebenso wie beim automatischen Feststellen logischer Widersprüche, dem Menschen vermittels der vom FAS automatisch erzeugten Fragen nur Vorschläge zum Anregen des Weiterdenkens unterbreitet werden können. Die letzte Entscheidung über die Gültigkeit oder Ungültigkeit einer vom FAS gestellten Frage bzw. über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Frageprämisse muß stets der Mensch, an den die Frage gerichtet wird, treffen.
 
*/
Das Polarisieren gehört zu den logischen Grundoperationen der schöpferischen Phantasie, der zentralen logischen Methode für das Entwickeln von Ideen. Siehe /10, S. 6 und 119/

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Eine mögliche Kommunikationskette "Mensch – Maschine – Mensch"

Mit Hilfe von fragebeantwortenden und selbst fragestellenden Maschinen dürfte es in der Perspektive möglich sein, neuartige und besonders effektive Kommunikationsbeziehungen der Art „Mensch- Maschine-Mensch“ zwischen einzelnen Forschern oder Forschungsgruppen zu gestalten. Im folgenden soll eine allgemeine Vorstellung von einem der Verfahren, die dabei zur Anwendung kommen könnten, vermittelt werden.

Angenommene Ausgangssituation 
a) Es existieren zwei Forschergruppen (FG 1 und FG 2), die auf Grund verwandter Themenstellungen (wobei der Verwandtschaftsbegriff hier relativ weit gefaßt werden kann) an einer FAS-unterstützten Kommunikation interessiert sind; 
b) Es gibt ein leistungsfähiges und beiden Gruppen per Telekommunikation zugängliches FAS ( Frage-Antwort-System), ggf. mit angeschlossener Datenbank.

Ein kompletter Kommunikationsvorgang könnte sich auf dieser Grundlage in den nachstehend beschriebenen vier Schritten vollziehen:
 

Schritt 1
FG 1 und FG 2 formulieren zu jeder von ihr bearbeiteten Problemstellung mehrere, miteinander durch Bedeutungsgegensätze in Wechselbeziehung stehende Behauptungen in Form natürlichsprachiger Aussagesätze. Die Liste der Behauptungen einschließlich eines Verzeichnisses der Bedeutungsgegensätze wird in das FAS eingegeben.
Schritt 2
FG 1 gibt Informationen zu neu gewonnenen Erkenntnissen in Form von Aussagesätzen in das FASein. Das FAS überprüft die eingegebenen Sätze daraufhin, ob zu Sätzen aus der Liste der von FG 2 eingegebenen Behauptungen eine bestimmte semantische Äquivalenz vorliegt. 
Bei dieser Überprüfung wird das Vorhandensein von Bedeutungsgegensätzen in den Behauptungen, die zu ein und demselben Problem formuliert wurden,  berücksichtigt.

Wird eine hinreichende semantische Äquivalenz zwischen den Aussagen der FG 1 und mindestens einer der Behauptungen der FG 2 festgestellt, so formuliert das FAS aus allen Behauptungen, die von FG 2 zu dem betreffenden Problem alternativ zur FG 1 aufgestellt wurden, Entscheidungsfragen und richtet diese an FG 1.

Schritt 3
Durch die vom FAS gestellten Entscheidungsfragen wird die FG 1 ( Quelle der in Schritt 2 ins FAS eingebenen Informationen ) aufgefordert, ihre Erkenntnisse unter dem Blickwinkel der nun in Fragen gekleideten Behauptungen der FG 2 erneut zu durchdenken  und dem FAS ihre Auffassung zur Existenz/Nichtexistenz der mit diesen Fragen angesprochenen Sachverhalte mitzuteilen. Diese Mitteilung an das FAS kann durch eine von FG 1 an FG 2 gerichtete Direktinformation ergänzt werden.
Schritt 4
Nachdem das FAS von FG 1 die zusätzlichen Informationen erhalten und in seinen Speicher aufgenommen hat ( es handelt sich hierbei um die Antworten auf die vom FAS gestellten Fragen, die aus den Behauptungen der FG 2abgeleitet wurden ), gibt es sie beim nächsten 
kommunikativen Kontakt als Aktivinformation an die FG 2 weiter.

Auf diesem Wege trägt die informationseingebende Forschergruppe 1 durch Information über seine ursprünglichen Erkenntnisse und durch die Informationen, die als Ergebnis eines vom FAS automatisch ausgelösten Frage-Prozesses gewonnen wurden, direkt zur Deckung von Teilen des Informationsbedarfs ihres Kommunikationspartners, der Forschergruppe 2, bei.

Durch ständiges Vertauschen der Rollen des Informationseingebenden und des Informationsempfängers im Verlauf der in  den beiden Forschergruppen durchzuführenden Arbeiten ( wobei die Arbeiten über einen längeren Zeitraum erfolgen können und der Informationsaustausch über große räumliche Distanzen stattfinden kann ), werden nach der beschriebenen Methode sowohl der Erkenntnisprozeß bei den beteiligten Forschergruppen als auch der Informationsfluß zwischen ihnen wesentlich stimuliert.

Die durch den Informationsfluß zugleich bewirkte ständige Erweiterung der Wissensbasis des FAS kann sich wiederum positiv auf die Informationsbereitstellung für andere FAS-Nutzer auswirken.

 
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Literatur
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/1/ Mensch und Computer / Smoljan, G. L. - In: Sowjetwissenschaft : Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge. - Berlin 26 (1973) 10. - S. 1043 - 1056 zurück
/2/ FAS-80 - ein natürlichsprachiges Auskunftssystem / Böttger, H.; Helbig, H.; Zänker, F. u.a. - Dresden, 1983. - 155 S. (Wissenschaftliche Informationen und Berichte; 18) zurück
/3/ Probleme der Bereitstellung von Sachverhaltsinformationen zur Leitung gesellschaftswissenschaftlicher Forschungsprozesse und Möglichkeiten des Einsatzes eines Frage- Antwort-Systems / Gering, E. - 1982. - 153 S.
Berlin, Humboldt-Universität, Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät, Dissertation A
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/4/ Programmierung und Bearbeitung großer Informationsmengen / Kitov, I.A. - Leipzig, 1972. - 257 S. (Übersetzung der russischen Fassung von 1967) zurück
/5/ Der fachliche Charakter der Leitung / Dobrov, G.M. - In: Leitung der Wissenschaft. - Berlin, 1974. - S.29-38 (Übersetzung der russischen Fassung von 1971) zurück
/6/ Philosophisches Wörterbuch in 2 Bänden. - Leipzig, 1976. - 1396 S. zurück
/7/ Kurze deutsche Grammatik für Ausländer / Helbig, G.; Buscha, J. - Leipzig, 1980. - 294 S. zurück
/8/ Wörterbuch der Logik / Kondakov, N.I. - Leipzig, 1978. - 554 S. zurück
/9/ Wörter und Gegenwörter : Antonyme der deutschen Sprache / Agricola, Ch.; Agricola, E. - Leipzig, 1982 - 280 S. zurück
/10/ Erkenntnistheoretische Fragen einer Kreativitätslogik / Loeser, F.; Schulze, D. - Berlin, 1976. - 200 S. zurück

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Angaben zum Autor
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Dr. phil. Eberhardt Gering
Informationswissenschaftler, Wildau bei Berlin
E-Mail-Adresse: 
Eberhardt.Gering@web.de
 
Anpassungen an die Internetdarstellung:
Januar 2006
Mai 2009

 
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