Dokumentationssprachen - Ein Wissensspeicher

Vorlesungsscript
Erarbeitet von Dr.phil.Eberhardt Gering 
Berlin/Potsdam, Mai 1992
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Gliederung
(0)
Warum diese Abhandlung?
(1)
Was ist eine Dokumentationssprache?
(2)
Dokumentationssprachen im System der Sprachtypen
(3)
Natürliche Sprache, Fachsprache und künstliche Sprache
(4)
Sprache aus der Sicht der Semiotik
(5)
Struktur natürlicher Sprache
(6) 
Paradigmatik und Syntagmatik
(7)
Arten von Dokumentationssprachen
(8)
Funktionen und Aufgaben von Dokumentationssprachen
(9)
Anforderungen an Dokumentationssprachen
(10) 
Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Hauptarten von Dokumentationssprachen
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Quellen
[1]
Dokumentationssprachen / Margarete Burkart. - In: Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. - 1991. - S.143-182
[2]
Lexikon sprachwissenschaftlicher Termini. - Leipzig 1985
[3]
Informationsrecherchesysteme / Peter Herrmann. - Leipzig 1973
[4]
Paradigmatische und syntagmatische Beziehungen einer Informationssprache / Rolf Steiger. - Leipzig 1977
[5]
Allgemeine Ordnungslehre / Götz Greiner. - Frankfurt/Main 1978
[6]
Grundlagen der Informatik / A.I.Michajlov u.a. - Berlin 1970
[7]
Bearbeitung und Verarbeitung von Fachinformationen / Josef Koblitz. - Leipzig 1982
[8]
Handbuch der Information und Dokumentation / Rolf Haake u.a. - Leipzig 1977
[9]
Terminologie der Dokumentation (englisch, französisch, deutsch, russisch, spanisch) . - UNESCO-Verlag Paris, 1976. - 274 S.
[10] Methodische Rahmenregelung zur Erarbeitung von Thesauren/Zentralinstitut für Information und Dokumentation (ZIID). - Berlin 1973
[11] Methodische Rahmenregelung zur Erarbeitung von einsprachigen 
Informationsrecherchethesauren / Zentralinstitut für Information und Dokumentation (ZIID). -  Berlin 1977
[12] Schlagwortgebung in der Information und Dokumentation / Josef Koblitz. - Leipzig 1968
[13] Informationsrecherchesysteme in der Wissenschaft / Heinz Engelbert. - Berlin 1978

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(0)  Warum diese Abhandlung zum Thema Dokumentationssprache?
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Der vorliegende, vom Verfasser als Wissensspeicher in zum Teil tabellarischer Form gedachte Text entstand nicht, um den "neunundneunzig Definitionen" zum Begriff der Dokumentationssprache eine "hunderste und beste Definition" hinzuzufügen. Es wurde vielmehr versucht, weitgehend die existierende Vielfalt der Definitionen und weiterführender Erläuterungen zu erfassen und so darzustellen, daß Vergleichen möglich und kreatives Verarbeiten der verschiedenen Auffassungen angeregt wird. Ausgewertet wurden Arbeiten von IuD- Wissenschaftlern der sechziger bis neunziger Jahre (das Kürzel IuD steht für "Information und Dokumentation"). Eine Vollständigkeit der Zahl der Autoren wurde nicht angestrebt, entsprechendes Bemühen hätte vermutlich auch nicht sehr viel Neues erbracht.
Der Text war 1992 als Lehrmaterial für die Teilnehmer der an der Universität Potsdam stattfindenden Weiterbildungslehrgänge zum Wissenschaftlichen Dokumentar verfaßt worden. Die ersten dieser hauptsächlich für arbeitslose westdeutsche Akademiker konzipierten Bildungsmaßnahmen des Lehrinstituts für Information und Dokumentation (LIID; bis 1991 Frankfurt am Main)  mit über neunzig Teilnehmern fanden 1992, 1993 und zum Teil noch 1994 an der Universität Potsdam statt, bis das LIID seinen geplanten Platz an der Fachhochschule Potsdam einnahm. 
Die Leitung des LIID an der Universität Potsdam oblag dem Leiter der bisher in Frankfurt/M angesiedelten Einrichtung (Prof.Dr. Thomas Seeger), während die drei hauptberuflich tätigen Lehrkräfte (Christine Becker, Dr. Christa Ladewig, Dr. Eberhardt Gering) zuvor viele Jahre in der IuD-Wissenschaft und -Praxis der DDR gearbeitet hatten. Erste und wichtigste Aufgabe dieser drei Fachleute war es, fast alle Unterrichtsmaterialien für die unter neuen Aspekten und völlig neuartigen technischen Bedingungen durchzuführenden Kurse selbst zu erarbeiten. 
In diesem Sinne kann der vorliegende Text auch als Erinnerung an die Arbeit verstanden werden, die von den Genannten und weiteren, hier nichtgenannten Fachleuten damals zu leisten war.


 
(1)  Was ist eine Dokumentationssprache?
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Synonyme für "Dokumentationssprache"
Bezeichnung Quelle
Informationssprache  [4]
Informationsrecherchesprache (IRSp)  [3] [6] [13]
Recherchesprache   
Indexierungssprache   
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Definitionen des Begriffs der Dokumentationssprache
Definition
Quelle
Eine Informationssprache ist ein Mittel für die verdichtete, eindeutige Aufzeichnung des Inhalts eines Dokumentes in einer für die maschinelle Recherche annehmbaren Form. 
[nach G.L.Vleduc u.a., Moskau 1959]
[6, S.235]
Eine Informationssprache ist eine künstliche Sprache, die von der semantischen Mehrdeutigkeit natürlicher Sprachen frei sein soll... 
[nach G.L.Vleduc u.a., Moskau 1962]
[6, S.235]
Eine IRSp (retrieval language) ist eine künstliche Sprache, deren Wörter die Nummern (numbers) systematisierter Begriffe sind und deren Syntax die semantischen Beziehungen zwischen diesen Begriffen widerspiegelt.... 
[Washington 1963]
[6, S.236]
Eine Dokumentationssprache (language documentaire) ist ein Symbolsystem, das beim Indexieren von Dokumenten verwendet wird. 
[nach R.C.Cros u.a., Paris 1964]
[6, S.237]
Eine Indexierungssprache (index language) definieren wir als die Summe der in einem IRS (Informationsrecherchesystem) verwendeten verbalen Indizes (indexing terms), der Regeln für ihre Verwendung sowie aller Hilfsmittel (Kreuzverweisungen, Klassifikationstabellen, Quellenwörterbuch u.a.).
[nach C.W.Cleverdon, Kopenhagen 1965]
[6, S.236]
Eine Indexierungssprache (index language) ist ein Symbolsystem, das für die Darstellung des Sachinhaltes von Dokumeten verwendet wird und einen besonderen Bestandteil sowie eine Variable eines IRS darstellt.
[nach J.Melton, Kopenhagen 1965] 
[6, S.236]
Eine Dokumentationssprache (language documentaire) ist ein Kommunikationsmittel zur Verständigung zwischen einer Gruppe von Menschen und einer anderen (den Autoren von Dokumenten). Anders ausgedrückt: Dokumentationssprache wird eine Sprache genannt, die ein Mensch benutzt, wenn er ein bestimmtes Dokument finden will, das inmitten anderer Dokumente an einem mit verschiedenen Methoden bestimmbaren Platz aufbewahrt wird.
[nach M.Coyaud, Paris 1966] 
[6, S.237]
Eine Recherchesprache ist ein formalisiertes semantisches System, das dazu bestimmt ist, den Sachinhalt von Dokumenten und Informationsaufträgen auszudrücken.
In ihrer abstrakten Form besteht eine Recherchesprache u.a. aus einem Verzeichnis elementarer Symbole (Zeichen) und Regeln für die Bildung von Ausdrücken (sie legen somit fest, welche Kombinationen von Zeichen zugelassen sind).
Recherchesprachen sind z.B.:
die Deskriptorensprachen,
die Klassifikationen (z.B. DK),
die Sprachen des "lexikalischen" Typs (alphabetische Schlagwortsysteme),
der "Semantische Code" und
die Sprache Syntol.
[nach Michajlov u.a.: Osnovy naucnoj informacii, Moskva 1965]
[12, S.21]
Eine Informationsrecherchesprache (IRSp) ist eine spezialisierte künstliche Sprache, die dazu bestimmt ist, den semantischen Hauptinhalt von Dokumenten und/oder nur von Anfragen auszudrücken und damit die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß aus einer bestimmten Anzahl von Dokumenten diejenigen herausgefunden werden, die der Anfrage entsprechen.  [6, S.234]
Eine Informationsrecherchesprache (IRSp) ist ein formalisiertes semantisches System von Indizes, einschliesslich der Regeln ihrer Anwendung in einem Recherchesystem. Es dient dazu, den relevanten Sachinhalt von Dokumenten auszudrücken und die Dokumente, die einer bestimmten Anfrage entsprechen, in einem Speicher wiederzufinden.
Zu den IRSp gehören: 
Klassifikationen (DK, Colonklassifikation, Facettenklassifikation), 
Schlagwortsysteme, 
Thesauri, 
Unitermsysteme 
und semantische Codes.
Die Indizes einer IRSp werden in Suchwörter (Schlüsselwörter) und Notationen gegliedert. Suchwörter sind verbale Indizes in natürlicher Sprache (Schlagwort, Stichwort, Deskriptor, Uniterm).Notationen hingegen verkörpern Indizes zur Kennzeichnung von Begriffen einer IRSp in Form einzelner oder mehrerer Symbole (z.B. DK-Zahlen, Buchstaben, Zahlen und ihre Kombinationen).

[nach H.Rappich: Was bedeutet... In: Informatik 16 (1969) 1-6; 17 (1970) 1-6]

[3, S.99]
Eine Dokumentationssprache ist eine künstliche Sprache zu Zwecken der Indexierung, der Speicherung und des Retrieval innerhalb von Dokumentationssystemen. 

[nach Terminologie der Information und Dokumentation. - München 1975] 

[5, S.26]
Dokumentatiossprache(documentary language): an "artificial language" used by documentation systems for purposes of indexing, storage and retrieval.  [9, S.67]
Die Informationssprache gehört zum Instrumentarium eines jeden Informationssystems und dient im wesentlichen zur Erschließung des Dokumenteninhalts (Dokumentenprofil) und zur Formulierung der Recherchefragen (Anfrageprofil).  [4, S.11]
Die Informationsrecherchesprachen (IRSp) sind, im Verhältnis zu den natürlichen Sprachen, künstliche Sprachen (Kunstsprachen). Sie dienen als Zeichensystem dazu, den signifikanten Sachinhalt der für das Informationsrecherchesystem (IRS) erschlossenen Dokumente sowie den Inhalt der Anfragen der Nutzer an das IRS aufzuzeichnen, als Voraussetzung dafür, daß dem Informationsbedarf der Nutzer entsprechende Dokumente bzw. Fakten erschlossen, gespeichert, recherchiert und an die Informationsverbraucher dargeboten werden können. [13, S.44]
Wir verstehen unter einer Informationsrecherchesprache ein formalisiertes lexikalisches System mit einer bestimmten Grammatik zur thematischen Charakterisierung (Indexieren) des Sachinhaltes von Informationsquellen und Informationsanfragen oder eines ihrer Teile. [7, S.192]
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(2)  Dokumentationssprachen im System der Sprachtypen
..

Konträre Sprachtypengruppen:
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Natürliche Sprachen  versus  Künstliche Sprachen
Metasprachen  versus  Objektsprachen
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Sprachtypen / Types of languages) - Übersicht       [abgeleitet aus Quelle 9]
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Ebene 1 Ebene 2 Ebene 3 Ebene 4
Natürliche Sprachen - Umgangssprachen
- Fachsprachen
- Sondersprachen
Künstliche Sprachen - Dokumentationssprachen - Deskriptorensprachen
- Klassifikationen
- Algorithmische Sprachen
- Maschinensprachen
- Programmiersprachen (PS) - Problemorientierte PS
- Maschinenorientierte PS - Symbolische PS
(Assemblersprachen)
..
Erläuterungen  [9, S.67-69]
Sprache
language
(1) A system of signs, for communication, usually consisting of  vocabulary and rules (grammar). 
(2) A set of signs, conventions and rules, the signs possibly represented by symbols, that is used for conveying information (in data processing).
Natürliche Sprache
natural language
A language which has evolved and whose rules reflect current usage without being explicitly prescribed.
Umgangssprache, Gemeinsprache
common language/everyday language/
colloquial language.
The language system within a natural language used by all people for everyday communication.
Fachsprache
technical language
professionalnyj azyk
A language based on a natural language but designed to reduce ambiguities for the purpose of assisting communication in a specific field of knowledge.
Sondersprache
specialized language
A language used for specific purposes by a particular social group.
Künstliche Sprache
artificial language
A constructed language based on a set of prescribed rules that are established prior to its use.
Dokumentationssprache
documentation language/information storage and retrieval language/information language
informacionno-poiskovyj azyk/informacionnyj azyk
An artificial language used by documentation systems for purposes of indexing, storage and retrieval.
Indexierungssprache
indexing language / informacionno-poiskovyj azyk /
azyk indeksirovania
An artificial language used by documentation systems for purposes of indexing. Quasi-synonym to documentary language.
Recherchesprache / Informationsrecherchesprache / 
Retrievalsprache 
retrieval language / information retrieval language / informacionno-poiskovyj azyk
An artificial language used by documentation systems for the purpose of retrieval. Quasi-synonym to documentary language.
Deskriptorsprache / Deskriptorensprache
descriptor language / deskriptornyj azyk
A documentary language using descriptors taken from natural language.
Algorithmische Sprache
algorithmic language
An artificial language designed for expressing algorithms.
Befehlssprache
command language
A source language consisting primarily of procedural operators, each capable of involving a function to be executed.
Maschinensprache / Maschinencode
machine language / computer language/machine code
An artificial language for direct adressing of basic technical operations of a computer.
Einheitliche Maschinensprache
common machine language
A machine language which is common to a group of computers and associated equipment.
Programmiersprache/Programmsprache
programming language/program language
An artificial language used to prepare computer programs.
Problemorientierte Programmiersprache
procedure-oriented language /procedural language / problem-oriented language
A programming language designed for the convenient expression of procedures used in the solution of a wide class of problems.
Maschinenorientierte Sprache / Maschinenorientierte Programmiersprache
machine-oriented language / computer-oriented language
A programming language designed for interpretation and use by a machine without translation into the machine language.
Symbolische Programmiersprache / Assemblersprache
symbolic programming language / assembly language
A machine oriented language, which may contain some macro-instructions facility and whose instructions are otherwise usually in one-to-one correspondence with computer instructions.
Metasprache
metalanguage
A language used to describe another language (the object language)
Objektsprache
object language
A language used to describe knowledge being described by another language, the metalanguage.
Quellensprache
source language
(1) The input language to a translation process.
(2) The language from which statements are translated in programming.
Eingabesprache
input language / vhodnoj azyk
An artificial language or natural language used as input to a dynamic system converting data or languages
Ausgabesprache
output language / vyhodnoj azyk
An artificial language or natural language produced as the output to a dynamic system converting data or languages.
Zielsprache
target language
(1) The output language of a given translation proces.
(2) The language into which statements are translated in programming.
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(3)  Natürliche Sprache, Fachsprache und künstliche Sprache
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Goethe 
Geschrieben steht: "Im Anfang war das Wort!" 
Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin,
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. 
Bedenke wohl die erste Zeile, 
Daß deine Feder sich nicht übereile! 
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft! 
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, 
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! auf einmal seh' ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
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Natürliche Sprache
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Die natürliche Sprache (nS) des Menschen ist Resultat und Mittel der gedanklichen Abstraktion. Sie ist historisch gewachsen.  [3, S.104]
Menschliche Kommunikation erfolgt normalerweise über Sprache, die zugleich eingebettet ist in eine Vielfalt von Äußerungs- bzw. Wahrnehmungsmöglichkeiten nonverbaler Art, pragmatisches, situatives, kontextspezifisches Vorwissen. 
 
Situationskontext: aussersprachlicher Zusammenhang in der Sprechsituation; erleichtert die Kommunikation. Trifft zu auf Äusserungen, deren Bedeutung sich erst aus der konkreten Situation, in der sie gemacht werden, ergibt.
Beispiel: "Zwei mal fünfzig" (in der Straßenbahn --> Fahrscheine; in der Eisdiele --> Portionen Eis)    [2, S.214]
[1, S.143]
Die Wörter der Sprache gewinnen, wenn sie sich eingebürgert haben,  eine gewisse Selbständigkeit. 
Das führt dazu, dass die nS Ausdrucksmittel von unterschiedlichen Abstraktionsgraden und von unterschiedlichem historischen Entwicklungsstand enthält. 
[3, S.104]
In ihrem Grundlagenwerk zur IuD [6] betonen Michajlov u.a.:
Eine natürliche Sprache funktioniert nicht nach konventionellen, unveränderlichen Regeln. In einer natürlichen Sprache gibt es keine eindeutige Übereinstimmung zwischen den Wörtern und ihren Bedeutungen, eine solche Übereinstimmung kann es auch gar nicht geben.
Die damit verbundene Kommunikationsproblematik  kommt in zugespitzter Form in nachstehendem Zitat zum Ausdruck:
 
Es gibt in der Umgangssprache keinen Ausdruck, der eine fest umrissene Bedeutung hätte.
Man kann kaum zwei Menschen finden, die jedes Wort in derselben Bedeutung verwenden, und sogar in der Sprache eines einzelnen Menschen ändert sich die Bedeutung ein und desselben Wortes in verschiedenen Lebensperioden.
Darüber hinaus ist die Bedeutung der Wörter der Alltagssprache gewöhnlich sehr kompliziert; sie hängt nicht nur von der äußeren Form des jeweiligen Wortes, sondern auch von dem Zusammenhang ab, in dem es benutzt wird.
Manchmal spielen auch subjektiv-psychologische Faktoren eine Rolle.
[A.Tarskij, Moskau 1948. Zitiert in [6, S.231]

Doch trotz der Vieldeutigkeit ihrer Wörter ist die nS durchaus in der Lage, feinste gedankliche Nuancen eindeutig auszudrücken, weil beim Sprechen oder Schreiben der Kontext mögliche Mißdeutungen verhindert. 

[6, S.231]
Der Reichtum der natürlichen menschlichen Sprache ist ein großer Vorteil, da alle gedanklichen und materiellen Tätigkeiten des Menschen in sprachlicher Form wiedergegeben werden können.
Aus dem Sprachreichtum erwachsen jedoch auch Nachteile:  Widersprüchlichkeiten (Antinomien) und Mißverständnisse.
Sprachliche Ausdrucksformen von Widersprüchlichkeiten, die aus dem Widerspruch zwischen Denken und Sprache resultieren, sind bei der nS insbesondere
- die vollständige oder teilweise Bedeutungsgleichheit bzw. Bedeutungsüberschneidung 
  zwischen unterschiedlichen Wörtern -  Synonymie,Teilsynonymie;
- die Mehrdeutigkeit von Wörtern - Polysemie, Homonymie
[3, S.104-105]
Möglichkeiten des Miß- oder Nichtverstehens sprachlicher Äußerungen bestehen bereits im Prozeß direkter menschlicher Kommunikation. Sie vervielfachen sich, wenn, wie im Dokumentations- und Informationsprozess, die Kommunikation über mehrere Stufen vermittelt wird.
Zum Minimieren dieser Gefahren werden besondere sprachliche Mittel - die Dokumentationssprachen - eingesetzt.
Die Dokumentationssprachen haben eine Mittlerfunktion. Sie gewährleisten das Erreichen des Primärziels dokumentarischer Informationserschließung, nämlich das Fließen von Informationen zwischen Partnern, die am gleichen Problem interessiert sind, aber nicht direkt miteinander kommunizieren können, zu ermöglichen.
[1, S.143]
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Fachsprache
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Der Fachsprache liegt die natürliche Sprache zugrunde. Die Gewinnung und Abgrenzung der Fachtermini wird erreicht durch

- definitorische Begriffseinengung oder -erweiterung,
- Begriffsumwandlung,
- Begriffseinengung durch Determination (Gattung ---> Art),
- aussagenlogische Bildung von Fachwörtern,
- schöpferische Definition,
- Definition durch Abstraktion.
 

[3,S.105]
Der Fachwortschatz kann erweitert werden durch

- Entlehnung aus anderen Sprachen,
- Lehnübersetzungen,
- metaphorischen Gebrauch gemeinsprachlicher Wörter,
- Bedeutungserweiterung und -einengung gemeinsprachlicher Wörter,
- Wortbildung.
Ein Beispiel sind Bezeichnungen von Maschinenteilen und anderen Gegenständen, die nach menschlichen Körperteilen oder nach Tieren bezeichnet werden: Maul, Knochen, Ameise, Bär.
 

[Kleine Enzyklopädie
Deutsche Sprache. - 
Leipzig 1983, S.445]
** Problem:
Im Vergleich zur nS ist die wissenschaftliche Fachsprache in ihrer Allgemeinheit stark eingeschränkt. Jedoch sind Synonyme, Homonyme usw. nur bis zu einem gewissen Grade eliminiert, die Beziehungen zwischen Wörtern und Begriffen sind nicht umkehrbar eindeutig.
Das trifft auch für die Recherchesprachen zu  (gemeint sind hier die lexikalischen Dokumentationssprachen). 
[3, S.105]
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Künstliche Sprache (Kunstsprache)
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Eine künstliche Sprache ist eine für ein Teilgebiet menschlicher Tätigkeit (insbesondere der Wissenschaft) geschaffene formalisierte Sprache.  [3, S.105]
Eine künstliche Sprache ist jede Hilfssprache, die Menschen für bestimmte Zwecke schaffen. Künstliche Sprachen können nur auf der Grundlage natürlicher Sprachen gebildet werden. [6, S.231]
Hauptmerkmal einer künstlichen Sprache ist die umkehrbar eindeutige Zuordnung zwischen der Bezeichnung und dem bezeichneten Gegenstand.
Eine solche Sprache bietet eine Reihe von Vorteilen, insbesondere
- die redundanzfreie Gestaltung,
- das algorithmische Operieren,
- die Unterscheidung der semantischen Stufen (Objektsprache | Metasprache),
- die Eliminierung vieldeutiger Worte,
- die Automatisierbarkeit aller formalisierbaren gedanklichen Operationen.
[3, S.105]
** Problem:
Der Gewinn an Präzision ist bei der Kunstsprache mit einem außerordentlichen Verlust an Universalität verbunden. Für die Gestaltung und Nutzung von Recherchesprachen ist das von ausschlaggebender Bedeutung.
Mit Ausnahme der Semantischen Kodes sind deshalb die IRSp (Informationsrecherchesprachen) eher mit wissenschaftliche Fachsprachen als mit formalisierten Sprachen vergleichbar. 
 [3, S.105]
Da für die eindeutige Beschreibung des semantischen Hauptinhalts von Dokumenten und Anfragen in einem IRS (Informationsrecherchesystem) die Verwendung einer natürlichen Sprache mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist, kommen anstelle von natürlichen Sprachen im IRS spezialisierte künstliche Sprachen - die Informationsrecherchesprachen zur Anwendung. [6, S.231]
Eine künstliche Sprache, die für das Speichern und Recherchieren von Informationen verwendet werden soll, muß formalisiert sein. 
Formalisieren bedeutet hier, die Vieldeutigkeit der natürlich-sprachlichen Wörter zu beseitigen und die pragmatische Funktion der Sprache (alles, was unsere Beziehungen zu den verschiedenen Gegenständen, unsere Emotionen, Willensregungen u.ä. charakterisiert) zu eliminieren.
[6, S.231]
(zur Sprachpragmatik 
siehe [2, S.221])
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Weitere Definitionen
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Dokumentationssprache
Eine Dokumentationssprache ist eine Menge sprachlicher Ausdrücke (Bezeichnungen), die nach bestimmten Regeln angewendet, der Beschreibung von Dokumenten zum Zweck des Speicherns und einer gezielten Wiederfindung (Retrieval) dient. Dokumentationssprachen können dargestellt werden durch Schlagwortsysteme, Thesauri und Klassifikationen.
[DIN 1463, Teil 1: 
Erstellung und Weiterentwicklung 
von Thesauri: Einsprachige Thesauren.- 
Entwurf, Mai 1985]
Thesaurus
Ein Thesaurus im Bereich von Information und Dokumentation ist eine geordnete Zusammenstellung von Begriffen und ihren (vorwiegend natürlichsprachigen) Bezeichnungen, die in einem Dokumentationsgebiet zum Indexieren, Speichern und Wiederauffinden dient.
Er ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
 
a)  Begriffe und Bezeichnungen werden eindeutig aufeinander bezogen ("terminologische Kontrolle"), indem
- Synonyme möglichst vollständig erfaßt werden,
- Homonyme und Polyseme besonders gekennzeichnet
  werden,
- für jeden Begriff eine Bezeichnung (Vorzugsbenennung, 
  Begriffsnummer oder Notation) festgelegt wird, die den
  Begriff eindeutig vertritt.
b) Bedeutungsbeziehungen zwischen den Begriffen (repräsentiert durch ihre Bezeichnungen) dargestellt werden.
 
[DIN 1463, Teil 1: 
Erstellung und Weiterentwicklung 
von Thesauri: Einsprachige Thesauren. - 
Entwurf, Mai 1985]
Thesaurus
thesaurus
A controlled and dynamic documentary language containing semantically and generically related terms, which comprehensivety covers a specific domain of knowledge.
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.118]
Deskriptor
deskriptor
(1) Each single term or phrase of a documentary language which may be used as an index term.
(2) A well-defined, unequivocal technical term used in a documentary language.
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.113]
Klassifikation
Eine Klassifikation (Klassifikationssystem) ist eine IRSp, in der die Begriffe nach ihren verwandtschaftlichen Beziehungen, d.h. systematisch/hierarchisch, angeordnet sind.
Sie ist "nach einer einheitlichen Grundkonzeption aufgebaut, und zwar nach dem der Systematik zugrunde liegenden Prinzip der Entwicklung engerer aus weiteren Begriffen (deduktive Methode). Die so entstandene Klassifikation repräsentiert eine Ordnung, in der jeder in ihr verankerte Begriff in der Regel anderen untergeordnet und wieder anderen übergeordnet ist (Subordination) und mit einer Reihe von Begriffen auf der gleichen Stufe steht (Koordination)." 
[7, S.210] 
[Zitat aus: Lexikon des Bibliothekswesens 
/ H.Kunze u.a., Leipzig 1974]
Klassifikation; dokumentarische Klassifikation
classification
A documentary language which groups concepts into classes, uses mostly hierarchical relations for arrangement of classes, and reflects the structure of arrangement by notation.
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.132]
Klassifikationssystem
classification system
The set of hierarchical relations indicated as paradigmatic relations within a documentary language
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.124]
Klassifikationstafel; Klassifikationsplan
classification schedule; classification table
The redable representation of a "classification system" presenting the "classes" in their hierarchical relations by notations and "class descriptions".
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.124]
Notation; Notationssystem (1)
notation; notational system (1); notational symbol (2)
(1) An artificial language to express the relations between the classes of a classification.
(2) A "class number" obtained from a classification schedule.
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.131]
Kopplungsindikator
link
ukazatel' svjazi (russ.)
A symbol attached to two or more "index terms" in order to indicate that these index terms have some unspecified interrelation, and in order to prevent the association of these index terms with other index terms accidentally.
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.114]
Rollenindikator, Funktionsindikator
role indicator
ukazatel'roli (russ.)
A symbol used to modify the meaning of a "descriptor"  in indexing, when the descriptor is capable of assuming different functions in different subject-matter descriptions so that the function ascribed to it in a given context may be identified.
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.115]
Modifikator
modifier
opredelitel', pojasnitel'naja pometa
A term or a symbol used to modify the meaning of a "descirptor" (1) which is ussually not used as an "index term" solely.
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.114]
Qualifikator, Spezifikator, Identifikator
qualifier, identifier
pojasnitel'naja pometa (kacestvennogo haraktera) (russ.)
A symbol used to qualify the meaning of a "descriptor", e.g. to distinguish the different meanings of homonyms.
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.114]
Quantifikator
quantifier
pojasnitel'naja pometa (kolicestvennogo haraktera) (russ.)
A symbol or numeral used to modify or to indicate the  meaning of a "descriptor" in a quantitative way.
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.114]
Relator
relator; relational symbol; operator
otsylocnaja pometa; ukazatel'naja pometa (russ.)
A symbol used to establish a definite relation between two "descriptors" or "index terms" in indexing.
[Terminology of documentation. - UNESCO-Verlag Paris, 1976, S.115]
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(4)  Sprache aus der Sicht der Semiotik
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Quellen
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[3, S.103-104]
Bezug: Georg Klaus: Semiotik und Erkenntnistheorie. - Berlin 1969
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Definitionen
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Unter Semiotik versteht man die allgemeine Theorie der sprachlichen Zeichen. Sie untersucht deren Beziehungen untereinander, zum Denken, zur objektiven Realität und zum Menschen.
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semiotics (Semiotik; Zeichentheorie): The sciences concerned with the study of signs and signs systems.
[9, S.55]
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Aspekte der Semiotik
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In der Semiotik werden 4 Aspekte unterschieden:

(1) Sigmatik  R(Z,O) - untersucht die Relation (R) von Zeichen (Z) und Objekt der Widerspiegelung (O).

(2) Semantik R(Z,A) - gibt die Beziehungen zwischen den Wörtern und den Begriffen an. Die sprachlichen Zeichen (Z) sind Existenzform gedanklicher Abbilder, Begriffe und Aussagen (A).

(3) Syntax R(Z,Zi) - untersucht die logischen Beziehungen zwischen den Zeichen (Z,Zi). Hierbei kann es sich um Wörter oder Sätze handeln (allgemein, nicht einer bestimmten Sprache).

(4) Pragmatik R(Z,M) - gibt die Beziehung an zwischen Zeichen (Z) und Menschen (M), die diese Zeichen benutzen.
Pragmatik setzt die Syntax voraus, da nur syntaktisch sinnvolle Wort- und Zeichenzusammenhänge erlaubt sind.
Pragmatik setzt auch die Semantik und die Sigmatik voraus, denn die Zeichen müssen etwas bedeuten und bezeichnen.

Sofern die genannten Beziehungen umkehrbar eindeutig sind, lassen sich hohe Abstraktionsgrade erreichen. Entsprechende Umkehrungen sind:

R(Z,O)  <-----> R(O,Z)
R(Z,A)  <-----> R(A,Z)
R(Z,Zï)  <-----> R(Zï,Z)
R(Z,M)  <-----> R(M,Z)
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Nützlichkeit der Semiotik
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Die Semiotik begünstigt die Entwicklung der abstrakten Bereiche der Wissenschaft, da sie ein Operieren 
mit Dingen,
mit Gedanken über die Dinge,
mit Zeichen für die Gedanken
ermöglicht.
Daraus folgt, daß die Entwicklung und Nutzung von Dokumentationssprachen durch Grundkenntnisse auf dem Gebiet der Semiotik wesentlich unterstützt werden.

Jedoch bereitet gerade die o.g. Umkehrbarkeit der Beziehungen bzw. die Eineindeutigkeit bei der Schaffung künstlicher Sprachen und damit auch bei den Dokumentationssprachen die größten Schwierigkeiten.
 

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(5)  Struktur natürlicher Sprache
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Quelle
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[6, S.231-232]
Weitere Quellenangabe im Text
.
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Komponenten und lexikalische Einheiten
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Die innere Struktur einer Sprache wird von einem geschlossenen Komplex der Komponenten und der einzelnen lexikalischen Einheiten gebildet.
Komponenten
Lexikalische Einheiten
Phonetik
Phoneme
Lexik
Morpheme
Grammatik
Wörter
Wortbildung
Wortverbindungen
 
Sätze
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Phonetik
Lexik
 _______
Grammatik
_______ 
Wortbildung
   
 |
 
 |
 
   
Morphologie
 
Syntax
 
   
 |
     
 
 _______
Morphem/Semem
_______     
 
 |
 
 |
   
 
Affix (grammatisches Morphem)
 
Lexem
(lexikalisches Morphem)
   
 
Präfix
       
 
Suffix
       
 
Infix
       

 
Erläuterungen
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Phonetik Summe der Laute und Lauterscheinungen einer Sprache
Lexik (Wortschatz)  Summe aller zu einer Sprache gehörenden Wörter
Grammatik  Aus Morphologie und Syntax bestehendes System von Methoden und Mitteln für das Bilden und Verändern von Wörtern sowie für den Aufbau von Sätzen.
Morphologie (Formenlehre) Befaßt sich mit der Erfassung und Systematisierung der Wortformen. Umfaßt vor allem
 
(1) die Formenbildung (Flexion)
    Deklination
    Konjugation
    Komparation
(2) die Klassifizierung des Wortschatzes nach Wortarten
Substantiv
Verb 
Adjektiv
Adverb
Autosemantika
Präposition
Konjunktion
Partikel
Artikel
Synsemantika (Leerwörter , d.h.
für sich allein genommen keine Bedeutungsträger)
Pronomen
Numerale
Interjektionen
Morphem Kleinste, ohne Verlust der gegebenen Qualität nicht weiter teilbare, mit einem bestimmten Inhaltselement (Semem) reproduzierbare Einheit des Ausdruckssystems einer Sprache. Unterteilung in grammatikalische Morpheme (Affixe) und lexikalische Morpheme (Lexeme).
Affix Zum Wortstamm hinzutretendes grammatisches Morphem. Je nach seiner Stellung unterscheidet man Präfix, Suffix und (seltener) Infix. [2, S.17, S.100] Affixe dienen nur der Modifikation des restlichen Teiles eines Wortes (Stammes).
Lexem Stamm- oder wortbildendes Morphem, welches die Hauptbedeutung eines Wortes ausdrückt. Das Lexem wird in diesem Sinne der Wortform, die Teil einer syntaktischen Konstruktion ist, gegenübergestellt.
 
Beispiel:
Haus
Hauses
Hause
Häuser
Häusern
Grammatische Formen (Wortformen) des Lexems Haus.
[2, S.140]
Syntax Beschreibt den Aufbau von Sätzen (Satzlehre) und Wortgruppen (Wortgruppenlehre) sowie die Formmittel, die zur Bildung von Sätzen und Wortgruppen dienen. [2, S.242]
Wortbildung Methoden und Mittel für das Bilden von Wörtern aus schon bestehenden Wörtern, aus Ursprungswörtern und Ableitungssilben oder durch Lautwandel (Derivation).
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(6) Paradigmatik und Syntagmatik
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Quelle
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[6, S.232-234]
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Die Wörter einer Sprache bezeichnen Gegenstände und Erscheinungen der objektiven Realität. Gegenstände und Erscheinungen  sind durch bestimmte Beziehungen miteinander verbunden. Solche Beziehungen bestehen auch zwischen den entsprechenden Wörtern.

Beziehungen zwischen den Wörtern werden von sachlich-logischen und nicht von rein sprachlichen (semantischen) Faktoren bestimmt, es handelt sich um die Kategorie der außersprachlichen Beziehungen.

Dank der sachlich-logischen Beziehungen können die Wörter auf der Grundlage des einen oder anderen semantischen Merkmals zu lexikalisch-semantischen Gruppen vereinigt werden, die Paradigmen heißen.

Reihen von miteinander verbundenen lexikalisch-semantischen Paradigmen bilden thematische Gruppen.

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Beispiel
Birke 
Pilz 
Tanne 
Zeder 
Strauch
Buchsbaum
Lebensbaum
Blume 
...
thematische Gruppe
"Pflanzen"

Innerhalb der thematischen Gruppen werden die Wörter zu lexikalisch-semantischen Paradigmen zusammengefaßt.

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Beispiel
Bäume
Nadelbäume
Immergrüne Bäume
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Einem bestimmten Paradigma sind in der Regel weitere Paradigmen nachgeordnet, wobei sich diese nachgeordneten Paradigmen auch überschneiden können.
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Beispiel: Paradigma "Baum"
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Tanne
Zeder
Lebensbaum
Paradigma "Nadelbäume" Tanne
Zeder
Buchsbaum
Lebensbaum
Paradigma "Immergrüne Bäume"
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Paradigmatische Beziehungen in der Lexik sind demzufolge sowohl mehrstufig als auch mehrdimensional.

Ein und dasselbe Wort kann gleichzeitig Bestandteil mehrerer lexikalisch-semantischer Paradigmen sein, d.h. es kann verschiedenen Reihen zugeordnet werden, in denen die Wörter nach jeweils einem bestimmten semantischen Merkmal einander gegenübergestellt werden.

Die paradigmatischen Beziehungen prädestinieren die Auswahl der Wörter für eine bestimmte Aussage, finden aber selbst in diese Aussage keinen Eingang.

Die syntagmatischen Beziehungen zwischen Wörtern kennzeichnen die Beziehungen, in welche die Wörter im Rahmen einer konkreten Aussage (Mitteilung, Ausdruck) treten.

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Schlußfolgernd:
Die Paradigmatik stützt sich auf die Summe / das Inventar miteinander kombinierbarer sprachlicher Einheiten. 
Die Syntagmatik erfordert bestimmte Regeln für das Verbinden dieser Einheiten beim Formulieren einer Aussage. Mit Einschränkung können daher
- die Paradigmatik einer Sprache mit deren Lexik
- und ihre Syntagmatik mit ihrer Grammatik identifiziert werden.
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Klassifizierung von Deskriptorensprachen nach paradigmatischen und syntagmatischen Beziehungen
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Quellen
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[3, S.107]
[Bezug: IRS BIT. - Kiew 1968  und  W.Feitscher in: INER-Schriftenreihe TH Ilmenau. - 14(1970), S.39-46]
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  Eigenschaften von Deskriptorensprachen  Beispiele
  Paradigmatische Beziehungen  
P0  Ausdrucksmittel für paradigmatische Beziehungen fehlen.. Uniterms
P1 Nur eine paradigmatische Beziehung (Subordination)
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IRS Pusto-Nepusto-4
P2 Zwei paradigmatische Beziehungen (Subordination und Assoziation)  Thesaurus of Engineering Terms;
ASTIA-Thesaurus
P3 Mehr als zwei paradigmatische Beziehungen  Cleveland Semantic Kode (Perry/ Kent);
RX-Kode (System "Bit")
  Syntagmatische Beziehungen  
S0 Ausdrucksmittel für syntagmatische Beziehungen fehlen
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Grammatiklose Deskriptorensprachen
S1 Es wird nur die Existenz syntagmatischer Beziehungen angezeigt.  Deskriptorensprachen mit Verknüpfungsindikatoren
S2 Es werden Existenz und Art syntagmatischer Beziehungen angezeigt.  Deskriptorensprachen mit Verknüpfungs- und Funktionsindikatoren
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(7) Arten von Dokumentationssprachen
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Nach A.I.Michajlov, 1970   [6, S.243]
* Bibliographisch-bibliothekarische Klassifikationen (hierarchische Klassifikationen)
* Alphabetische Sachklassifikationen
* Deskriptorensprachen
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Nach Terminology of documentation, Paris 1976   [9, S.67 und 132]
* Deskriptorensprachen  (descriptor language)
* Klassifikationen   (classification)
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Nach dem Handbuch der IuD, Leipzig 1977   [8, S.108]
Die wichtigsten IRSp: Formen des Indizierens:
* Klassifikationen Klassifizieren
* Schlagwortverzeichnisse  Schlagwortgebung
* Thesauren (Deskriptorenverzeichnisse) koordinatives Indizieren
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Nach Götz Greiner, 1978   [5, S.29-32]
*
Natürlich-sprachig basierte Dokumentationssprachen
  Stichwörter
  Schlagwörter
  Uniterms und Deskriptoren
*
Künstlich-sprachige Dokumentationssprachen
  Notationen
  Nummernsysteme
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Nach H. Engelbert, 1978   [13, Seiten 53,55,60,65]
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Präkoordinative Informationsrecherchesprachen
  Schlagwortverzeichnisse
  Klassifikationen (Systematiken)
     Monohierarchische (eindimensionale) Klassifikationen
     Polyhierarchische (mehrdimensionale) Klassifikationen
*
Postkoordinative Informationsrecherchesprachen
  Thesauren (Deskriptorensprachen)
*
Semantische Informationsrecherchesprachen (in Entwicklung)
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Nach J. Koblitz, 1982   [7, S.210-234]
* Hierarchische Informationsrecherchesprachen
     Monohierarchische (eindimensionale) Klassifikationen
 
Deweys Dezimalklassifikation (1876)
Universelle Dezimalklassifikation (DK)  (1905)
Internationale Patentklassifikation (IPK)  (1954)
Bibliothekarisch-Bibliographische Klassifikation (BBK) (1960)
     Polyhierarchische (mehrdimensionale) Klassifikationen
 
Kolonklassifikation (Colon classification/CC)  (1933)
Facettenklassifikationen (Faceted classification)
Rubrikator des Internationalen Systems für wissenschaftlich-technische Information (ISWTI)
* Lexikalische Informationsrecherchesprachen
     Schlagwortverzeichnisse
     Thesauren
 
Einsprachige Thesauren
Mehrsprachige Thesauren
     Unitermverzeichnisse (1951)
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Nach M.Burkart, 1991   [1, S.143]
Dokumentationssprache "Klassifikation"
Dokumentationssprache "Thesaurus"
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(8) Funktionen und Aufgaben von Dokumentationssprachen
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Funktionen  /  nach Heinz .Engelbert, 1978 [13, S.45]
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Informationsrecherchesprachen (IRSp) üben in allen Teilsystemen eines Informationsrecherchesystems (IRS) folgende Funktionen aus:
(1) Repräsentativfunktion
Die Zeichen der IRSp in Gestalt des Dokumentenbildes / des Dokumentenprofils vertreten das Dokument im Arbeitsprozeá des Speicherns und Recherchierens.
(2) Sprachnormungsfunktion
Eine IRSp stellt den Inhalt der Dokumente eindeutig dar, unabhängig von den unterschiedlichen Bezeichnungen, mit denen dieser Inhalt in der natürlichen Sprache ausgedrückt wird.
(3) Ordnungsfunktion (Klassifikationsfunktion)
Durch die IRSp werden die Dokumente bzw. Faktenaussagen einem bestimmten Platz im Gesamtsystem der gespeicherten Informationen zugeordnet und erst dadurch abrufbar gemacht.
Jeder Informationsnutzer sucht die benötigten Informationen instinktiv an einem bestimmten Platz innerhalb des seinen Vorstellungen entsprechenden Systems des menschlichen Wissens.
Die IRSp muß dieses System in ihrer Ordnungsfunktion weitgehend berücksichtigen, um die erschlossenen Informationen dem vorhandenen oder zu erwartenden Informationsbedarf des Nutzers bestmöglich zuzuordnen.
(4) Informationsfunktion (vgl. G. Greiner; s.u.)
bei Engelbert nicht aufgeführt)

 
Aufgaben der Dokumentationssprache  /  nach Götz Greiner, 1978  [5, S.26-27]
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  • Wiedergabe des relevanten Inhalts dokumentarischer Bezugseinheiten in reduzierter Form (= Indexierung);
  • Formulierung der Benutzerfrage in reduzierter Form;
  • Ordnung der Dokumentationseinheiten (evtl.).
  • Diese Aufgaben widerspiegeln sich in den meisten Definitionen des Begriffs "Dokumentationssprache".
    Fallweise hat die Dokumentationssprache auch eine Informationsaufgabe.
    Zum Beispiel informiert die Gesamtheit der zu einer Dokumenteneinheit (Dokumentennachweis) gehörenden Ausdrücke der Dokumentationssprache(n) den Benutzer über den Dokumenteninhalt und insbesondere darüber, in welchem thematischen Zusammenhang der gesuchte Begriff steht.
     
    Beispiel:
    Suchbegriff = Korrosion
    Dokumentenprofil = Rohrleitung, Zink, Wasser, Kalzium, Schwefelwasserstoff, Korrosion

    Anmerkung: Informationen über thematische Zusammenhänge liefert auch die Dokumentationssprache selbst mit ihren systematisch geordneten Verzeichnissen der Wörter und Ausdrücke dieser Sprache. 
    [E. Gering]

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    (9) Anforderungen an Dokumentationssprachen
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    Quellen
    Josef .Koblitz, 1968  [12, S.22]
    Heinz Engelbert, 1978  [13, S.45-46]

     
    Koblitz formuliert 1968 folgendes Anforderungsprofil:
    Informationssprachen müssen u.a.:
    •  eindeutig sein, das heißt jede Notiz in dieser Sprache darf nur eine Auslegung zulassen,
    •  eine ausreichend große semantische Stärke haben, das heißt, sie müssen in der Lage sein, einen 
       beliebigen Text in einer natürlichen Sprache mit ihren Elementen ausreichend genau und vollständig
       auszudrücken,
    •  eine Formalisierung der Übersetzung aus einer natürlichen Sprache in die jeweilige Recherchesprache
       und  umgekehrt gestatten.
    .
    Zehn Jahre später erweitert Engelbert, unter Verwertung der mit Informationsrecherchesprachen (IRSp) gewonnenen Erfahrungen, das Anforderungsprofil, wobei er den Aspekt effektiven Funktionierens des gesamten Informationsrecherchesystems (IRS) in den Vordergrund stellt:
    (1) Eine IRSp  muß den Inhalt der zu erschließenden Dokumente bzw. Faktenaussagen in einer für die Recherche geeigneten komprimierten und konzentrierten Form erschließen.
    (2) Diese Inhaltserschließung muß eindeutig und einheitlich erfolgen.
    (3) Die IRSp muß das in den Dokumenten enthaltene Wissen in eine bestimmte Beziehung zum Gesamtsystems des Wissens in der betreffenden Disziplin - nach Möglichkeit noch darüber hinaus - setzen. Das heißt konkret, die Dokumente entsprechend den konzeptionellen Klassenbildungen, die sich aus dem Informationsbedarf der Nutzer ergeben, zu klassifizieren.
    (4) Eine IRSp muß stabilisierend wirken, indem sie frei ist von individuellen und terminologischen Schwankungen, denen die Bedeutung der Fachtermini ausgesetzt ist.  Sie muß von allen Emotionen, Aversionen usw., die den Gebrauch einzelner Wörter der nS durch die Wissenschaftler bzw. Nutzer beeinflussen, abstrahieren.
    (5) Eine IRSp muß sich an die Entwicklung der Wissenschaft und der Wissenschaftssprachen anpassen (diese Forderung kann sich als Widerspruch zur oben geforderten Stabilisierungsfunktion erweisen).
    (6) Eine IRSp muß genügend formalisiert sein, um die einen hohen Formalisierungsgrad voraussetzende Recherchetechnik effektiv nutzen zu können und sie muß zugleich für alle, die mit ihr arbeiten, leicht erlernbar und unkompliziert anwendbar sein.
    ** Problem:
    Die genannten Anforderungen sind, wie Engelbert betont, in ihrer Gesamtheit nur schwer zu erfüllen. Bisherige Lösungen beinhalten meist eine Überbetonung einiger der genannten Anforderungen zum Nachteil anderer.
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    (10) Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Hauptarten von Dokumentationssprachen
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    Quellen
    P.Herrmann, Leipzig 1973  [3, S.106]
    Bezug: J.Koblitz, Informatik 16(1969)3. - S.19-24
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    Betrachtete Informationsrecherchesprachen
    Klassifikationen
    Schlagwortsysteme
    Thesauren
    .
    .
    Klassifikationen
    • Klassifikationen  sind systematisch aufgebaut, d.h. ihre Ausdrücke sind nach sachlich-logischen Gesichtspunkten angeordnet und durch Sachregister erschlossen.
    • Sie enthalten Notationen und sprachlich korrekte Wortverbindungen zur Erläuterung der Notationen.
    • Klassifikationen haben im allgemeinen eine lineare Unterteilung, d.h. die durch Notationen wiedergegebenen Begriffe kommen nur an einer Stelle des Systems vor.
    • Es herrscht Präkoordination vor. Dieses Prinzip wird allerdings bei der Dezimalklassifikation (DK) durch die umkehrbaren DK-Zahl-Verbindungen, die für ein koordinatives Indizieren verwendet werden können, durchbrochen. 
    .
    Schlagwortsysteme
    • Schlagwortsysteme sind ahierarchisch aufgebaut, d.h. ihre Suchwörter sind alphabetisch angeordnet.
    • Die verbalen Indizes sind Wörter oder Wortgruppen, bei denen die Ausdrücke, welche die syntaktischen Beziehungen charakterisieren, sowie alle von diesen abhängigen grammatischen Gegebenheiten beseitigt sind.
    • Die Ausdrücke sind ihrem semantischem Gewicht nach in der jeweiligen Aussage angeordnet und durch Zeichen voneinander getrennt.
    • Eine andere Form der verbalen Indizes wird durch sprachlich korrekt gebildete zusammengesetzte Wörter dargestellt.
    • Prä- und Postkoordination ist möglich. 
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    Thesauri
    • Thesauri bestehen in der Regel aus einem systematischen Teil (nach Kategorien oder Fachgebieten geordnet) und einem alphabetischen Teil.
    • Es werden verbale Indizes verwendet, die völlig selbständig sind. Falls erforderlich, werden sie zum Erkennen ihrer syntaktischen Beziehungen sowie zur Präzisierung ihrer kontextbezogenen konkreten Bedeutung mit Verknüpfungsindikatoren und Funktionsindikatoren versehen.
    • Thesauri werden vorwiegend zum postkoordinativen Indizieren eingesetzt.
    • Das Prinzip der Postkoordination wird bei denjenigen Deskriptoren unterbrochen, bei denen die Wahrscheinlichkeit für Fehlkombinationen bei der Recherche sehr groß ist. In solchen Fällen kommt z.B. Präkoordination mit Funktionsindikatoren zur Anwendung. 

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    Dr. phil. Eberhardt Gering
    Mai 1992
    Für die Darstellung im Internet bearbeitet: Dezember 2005 und Mai 2009