Winterzeit auf dem Freiberger Hammerberg
   
 

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Das Schönste vom ganzen Winter bietet der „vor den Toren der Stadt" gelegene Hammerberg. Wenn richtig viel Schnee liegt, ist er eine herrliche, endlos lange Rodelbahn, die oben an der Gaststätte „Zum Hemmschuh" beginnt und erst auf der alten Halsbacher Brücke im Muldental endet.
     
In alten Zeiten war dort unten ein Floßlandeplatz, wo die aus dem oberen Erzgebirge auf der Freiberger Mulde herabgeflößten Baumstämme Endstation hatten. Nach längerem Trocknen und anschließendem Zersägen und Spalten der Stämme wurden die nun paßgerechten langen Holzscheite in Kohlenmeilern zu Holzkohle verschwelt. Holzkohle war damals der meist genutzte Brennstoff, mit dem man die durch den Bergbau gewonnenen Erze verhüttete,  um danach in weiteren Arbeitsgängen reines Metall erzeugen zu können. 
Der Name "Hammerberg" hat ebenfalls mit der historischen Montanindustrie zu tun, denn im Muldental und speziell auch  am Fuße des Hammerberges befanden sich die Hammerwerke, in denen das mittels Holzkohle aus dem Erz gewonnene Eisen unter großen und schweren, mit Wasserkraft betriebenen Hämmern weiter verarbeitet wurde. An Flüssen und Bächen gelegene, von steilen Bergen und Hängen umgebene Hammerwerke gab es im ganzen Erzgebirge. Deshalb kennt man auch zahlreiche "Hammerberge" hierzulande. Unser Hammerberg ist einer von ihnen. 
   
Der Rodler denkt natürlich nicht an Holzkohle und Hammerwerke, wenn er mit einem kräftigen Anlauf  seine Talfahrt beginnt. Für ihn sind blanke Schlittenkufen viel wichtiger, mit feuchtem Schnee an den Kufen kommt man nicht von der Stelle. Wenn der Winter viel Schnee angeliefert hat und auch nicht mit Minusgraden geizt, hat man keine Probleme mit den Kufen. Gleich im oberen Teil des Hammerbergs geht es mit karacho los, wobei die vielen Bodenwellen überhaupt nicht stören. Auf der Hälfte der langen Strecke ist eine leichte Linkskurve. An dieser Stelle fährt man über die größte Bodenwelle der Rodelbahn. Es ist eine regelrechte Schlittensprungschanze. Wer diese Kurve gemeistert hat, kommt erneut in schnelle Fahrt und rast „mit einem Affenzahn" weiter den Berg hinunter, bis kurz vor der Muldenbrücke die Fahrt allmählich zu Ende geht. Manchmal gelingt es, bis auf die Brücke zu fahren. Schnell den Schlitten gewendet und den Hammerberg wieder hinauf getrabt, denn das Rodelabenteuer muß unbedingt wiederholt werden. 

Lang und steil ist der Rückweg, bis man endlich wieder am „Hemmschuh" ankommt und gleich die nächste Talfahrt antritt. „Bahne frei Kartoffelbrei" heißt der Schlachtruf, mit dem man die mühsam den Berg heraufkeuchenden Entgegenkommer  von der Bahn treibt. Dreimal den Berg runter bedeutet auch dreimal den Berg wieder hinauf. Wer das geschafft hat, ist erst einmal geschafft und hat sich einen heißen Punsch im „Hemmschuh" verdient.
Wenn die Gastwirtschaft geschlossen hat, trabt man eben ohne Punsch, dafür aber  mit kalten Füßen und heißen Vorderbacken, das letzte Stückchen den Berg hinauf, am Abrahamschacht vorbei und zurück nach Hause. 

  
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Schlittenfahren (oder Rodeln) auf dem Hammerberg ist für Klein und Groß das schönste Erlebnis im Winter. Dabei fährt  nicht etwa jeder  für sich allein. Auf einem kleinen Schlitten haben mindestens zwei, auf einem großen sogar bis zu sechs Rodler Platz. Je mehr auf einem Schlitten sitzen, um so schneller ist die Talfahrt, aber um so mehr muß man aufpassen, bei einer großen Bodenwelle nicht vom Schlitten zu fliegen. 
Noch größeres Können erfordern die aus mehreren Schlitten gebildeten Bobs. An der Spitze von einem Bob befindet sich der kleinste Schlitten. Mit ihm wird das ganze Gefährt gelenkt. Der Bob-Lenker liegt bäuchlings auf dem zweiten Schlitten und steuert mit beiden Armen den vorderen, meist leeren Schlitten in die erforderliche Richtung. Die Mitfahrer auf den hintereinander in Reihe angebundenen Schlitten übernehmen mit ihren Füßen das Bremsen. Sie müssen acht geben, nicht durch zu kräftiges Bremsen ihren Schlitten nach links oder rechts aus der Bahn zu drängen. Da alle Schlitten des Bobs aneinander hängen, führt so ein Ausbrechen zwangsläufig zu einem „Bobunglück", was aber so gut wie nie ernsthafte Folgen hat. 
Wenn die Fahrt zu Ende ist, läßt man den Bob zusammen und zieht ihn mit vereinten Kräften wieder den ganzen langen Hammerberg hinauf. Manchmal wird der Schlittenzug  auch am Ende der Talfahrt aufgelöst. 
Der Rückmarsch nach oben zieht sich ganz schön hin, aber alle Bobfahrer machen es wie Till Eulenspiegel und freuen sich beim bergauf laufen schon auf die nächste rasante Fahrt bergab.
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Die viele hundert Meter lange Rodelbahn ist nicht die einzige Rennstrecke des Hammerbergs. Es gibt außer ihr noch den breiten Hang für Schi-Abfahrtsläufer, der auf der Höhe der neuen Dresdner Straße beginnt, über zunächst leichtes, dann immer stärker werdendes Gefälle führt, um schließlich in eine steile Abfahrt überzugehen. Auf diese Steilstrecke folgt ein weiträumiger  Auslauf, der im rechten Winkel die Schlittenbahn kreuzt und in einen kurzen Gegenhang mündet. Das Kreuzen der Schlittenbahn ist sowohl für die Abfahrtsläufer als auch für die Rodler nicht ungefährlich. Die meisten Schi- bzw. Schneeschuhfahrer umgehen jedoch diese Gefahr, indem sie den von links nahenden Schlitten in einem eleganten weiten Bogen ausweichen oder auch mal schnell die „Hinterbackenbremse" ziehen. Nur wenn keine Schlitten in Sicht sind, fährt man bis auf den Gegenhang und kommt dort zum Stehen. 

Parallel zum Schihang liegt eine alte Bergbauhalde. Trotz des sehr steilen Gefälles und der vielen großen Steinbrocken, die auf dem Haldenabhang liegen, fahren Mutige oder Übermütige auf ihren Brettern auch von dort oben herunter und kommen sogar unten an. 

Im oberen Teil des Hammerbergs erstreckt sich rechts von der Schlittenbahn eine flache langgezogene Mulde mit etwas leichterem Gefälle. Das ist das Tummelgelände derjenigen Schifahrer, die sich nicht (oder noch nicht) an die oben beschriebene Abfahrtsstrecke heranwagen.

   
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Wenn genügend Schnee liegt, ziehen jeden Nachmittag nach Schulschluß viele hundert kleine und große Kinder aus der Stadt hinaus auf den Hammerberg. Man erkennt den langen Weg gut an der tief ausgefahrenen Schneeschuhspur, denn viele kommen nicht mit dem Schlitten, sondern auf „Brettern". Auch die Erwachsenen wandern meist mit Schneeschuhen zum Hammerberg. Die Spur zieht sich vom Schneckenberg durch die städtischen Anlagen an Schillerstraße und Hornstraße entlang, biegt am Donatstor rechts ab und verläuft weiter in der Himmelfahrtsgasse, vorbei am Abrahamschacht bis zur Gaststätte „Zum Hemmschuh", wo der eigentliche Hammerberg anfängt. Wer es nicht erwarten kann, nutzt das schon oberhalb des Hemmschuhs leicht abschüssige Stück Weg zum Start in die Winterfreuden. 

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Wann dieses Winterparadies entstand, weiß niemand so richtig. Als über den abschüssigen Hammerbergweg noch die alte Dresdner Straße verlief, wird vermutlich kein Platz für Rodler und Schneeschuhfahrer gewesen sein. Damals fuhren Pferdefuhrwerke mit schwerer Ladung und mit einem für das Bremsen und Stoppen benötigten Hemmschuh am rechten Hinterrad den Berg rauf oder runter. Auch die Truppen Napoleons sollen samt ihren von Pferden gezogenen Kanonen den Hammerberg hinunter und auf dem felsigen Weg der noch steileren Halsbacher Seite wieder hinauf gezogen sein.

Welche Schinderei das für Tier und Mensch war, kann derjenige ungefähr ermessen, der später einmal mit einem einfachen Fahrrad den Hammerberg hinauf gefahren ist. Der lange Zinke Paul aus unserer Klasse hat das geschafft. Ohne Gangschaltung! 

   
Daß es den Hammerberg, so wie er oben geschildert wurde, nicht mehr gibt, weiß man spätesten dann, wenn man bei der Suche nach ihm auf einen großen ebenen Platz mit einigen hundert PKW-Garagen stößt. Unter diesem, in den sechziger Jahren aus dem Abraum des Brander und des Freiberger Grubenreviers aufgeschütteten trostlosen Gelände liegt der alte Hammerberg begraben. 
   
Manche Leute sagen, daß man in frostkalten mondhellen Winternächten um Mitternacht tief unter dem Abraum der großen Halde eine Stimme rufen hört: „Holt mich wieder raus". Es soll der alte gute und kinderfreundliche Geist vom Hammerberg sein, der so eindringlich ruft. 
   
 
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