Umzug in die neue Wohnung  (1937)
   
 
Irgendwie hatte ich wohl Anteil daran, daß unsere Familie die Betriebswohnung im zweiten Stock des Wohnhauses Eherne Schlange 1 zugewiesen bekam. Damals war ich erst ein Jahr alt. Meine drei Geschwister lagen im Jahr des Umzuges mit zwölf, zehn und acht Lebensjahren weit vor mir im Rennen, Vater und Mutter waren beide 38 Jahre alt. Vor dem Umzug wohnten wir im Haus Schöne Gasse 16 in der Nähe des Bahnhofs. 
   
Kenner der Freiberger Geschichte wissen, daß es vor vielen Jahren bereits eine 
Gasse gleichen Namens gab. Sie befand sich in der Unterstadt, in der Nähe des Doms und hatte etwas mit dem mittelalterlichen „Rotlichtmilieu" zu tun. Das traf auf unsere Schöne Gasse überhaupt nicht zu. Hier wohnten ehrbare kleine Leute, darunter der Kohlenhändler Hanke, der mit seinem Dreirad die Briketts zu den Kunden fuhr und vor jedermann grüßend die Mütze von seinem fast kahlen Kopf zog. Daß er auch mich auf diese devote Art grüßte, sogar als ich noch gar nicht konfirmiert war (mit der Konfirmation galt man nämlich als "erwachsen" und wurde mit "Sie" angesprochen), hat mich immer etwas verwundert. Der Pfarrer von der Jacobikirche sah hingegen die Dinge gerade umgekehrt. Als ich einmal vor dem Gemeindesaal stand und nicht schnell genug vor dem herannahenden Kirchenmann meine Skimütze vom Kopf nahm, riß er mir diese herab und schlug sie mir unter der Drohung, mich nicht zu konfirmieren, um die Ohren. Ich habe mir diese Lektion gut gemerkt ...
   
Ob Kohlenhändler Hanke gläubig war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall war er für seine Kundschaft stets ein zuverlässiger und freundlicher Lieferer.  Manchmal allerdings streikte sein stadtbekanntes Dreirad und wir mußten die uns auf Kohlenkarte zustehenden Briketts (mitunter auch etwas Feuerholz) mit dem Handwagen bei ihm abholen. Das Problem war dabei nicht der Handwagen, sondern die genügende Anzahl von Kohlensäcken, denn die waren äußerst rar. 
   
Außer unserem Kohlenhändler wohnte auch Otto, mit dem ich ein paar Jahre in der Schule am Roten Weg zubrachte, in der Schönen Gasse. Otto besaß einen prächtigen bunten Gummiball, damals eine Kostbarkeit für Straßenfußballer. Wir einigten uns auf einen Tausch: Gummiball gegen Kohlrabi und Möhren. Das Gemüse wollte ich aus unserem Garten, der sich hinter den Garagen der Ehernen Schlange befand, entnehmen und heimlich in die Schule mitnehmen. Es kam jedoch nicht zu dem geplanten Handel, denn Otto wollte seinen Ball lieber behalten, wahrscheinlich weil ihm seine Eltern den Tausch ausredeten.
Noch ein Schönegassler und Klassenkamerad war Heinz, Besitzer von einem mit vielen Farbfotos ausgestatteten prima Buch über den ägyptischen Pharao Tut Ench Amun. Einmal brachte der lange Heinz das Buch mit in die Schule, und wir bestaunten das Prachtwerk. Ein Tausch Buch gegen Gemüse stand dabei nicht zur Diskussion. Aber Heinz konnte auch mit einer ganzen Reihe von Karl-May-Bänden aufwarten, darunter solche, die man sonst kaum zu lesen bekam. Man durfte sich die Bücher sogar bei ihm ausleihen, eine Möglichkeit, von der ich regen Gebrauch machte.
Heinz erzählte uns auch von seinem Großvater Robert, der im Oktober 1923 von der in Freiberg auf Lastwagen einrückenden Reichswehr zusammen mit achtundzwanzig weiteren unbewaffneten Bürgern auf dem Postplatz kaltblütig erschossen wurde. Der Name seines Großvaters ist zusammen mit den Namen aller anderen Opfer dieses Reichswehr-Überfalls im Gedenkstein auf dem Postplatz eingemeißelt.
Auch unser Vater berichtete später oft von dieser Mordaktion, deren Zeuge er war und der er nur durch schnelle Flucht in das Café Hartmann am Obermarkt entkam.
Der Umzug in die Eherne Schlange fand in der warmen Jahreszeit statt. Das genaue Datum weiß man nicht mehr. „Man" - das ist meine elf Jahre ältere große Schwester. Wie sie mir erzählte, diente mein roter Kinderwagen während des Umzugs als Gepäcktransporter. Mit mir zusammen pendelte meine Schwester  am Umzugstag  zwischen alter und neuer Wohnung hin und her, um Wohnungsgegenstände in die Eherne-Schlange-Wohnung zu kutschieren. 
Meine beiden großen Brüder sind auch mit mir und meinem Wagen gefahren. Sie setzten sich auf den Rand des Gefährts und kariolten so lange herum, bis die rollende Kutsche samt meiner Person umkippte.
Aber wieso hatte ich, wie oben behauptet, Anteil an der Zuweisung der neuen Wohnung?
Mein Anteil bestand in der einfachen Tatsache, daß ich auf die Welt kam und in der alten Wohnung partout keinen Platz mehr fand. Mein Vater war Kfz-Schlosser und Omnibusfahrer bei der Freiberger Filiale der „Kraftverkehr-AG Land Sachsen" (so war es in erhabenen großen Lettern an der zur Hornstraße zeigenden Hauswand unseres zukünftigen Wohnhauses zu lesen). In der Dresdener Zentrale der sächsischen Kraftverkehrs-AG könnte es ein paar einsichtige Leute gegeben haben, welche die berufliche Leistung und Zuverlässigkeit meines Vaters zu schätzen wußten und ihm zur neuen Wohnung verhalfen, obwohl er aus seiner Gesinnung als Mitglied der von den Nazis verbotenen SPD bei aller gebotenen Vorsicht auch im "Dritten Reich"  kein Hehl machte.

Viele Jahre später habe ich mich erkundigt, wer vor uns in der Wohnung Eherne Schlange 1 II. Stock lebte. Aus dem „Einwohner- und Auskunftsbuch der Bergstadt Freiberg" des Jahres 1932 erfuhr ich schließlich Beruf und Namen des vormaligen Mieters (die alten Adreßbücher enthalten immer nur Angaben zum "Familienvorstand" und keine zu den weiteren Angehörigen  der Familie). Ich wüßte heute noch gern, warum unsere Vorgänger damals auszogen oder ausziehen mußten. Im Einwohnerbuch für die Jahre 1936/37 gibt es keinen Eintrag zur Wohnung in der II. Etage. Die Wohnung muß also einige Zeit leer gestanden haben, bevor wir sie zugesprochen bekamen. Dieser lange Wohnungsleerstand war unter den Bedingungen andauernder großer Wohnungsnot, wie sie auch in Freiberg herrschte,  ungewöhnlich und eigentlich unvertretbar. 
Vielleicht hat die Stadtverwaltung auf den Kraftverkehr Druck ausgeübt, die leere Wohnung endlich wieder zu belegen (zumal man den Leerstand von außen wegen der fehlenden Gardinen leicht erkennen konnte). Da der neue Mieter wieder ein Betriebsangehöriger sein mußte, war die Auswahl nicht allzu groß. Damit hätten wir einen weiteren möglichen Grund, warum gerade unsere Familie diese Wohnung zugewiesen bekam.Wahrscheinlich haben aber beide genannten Gründe irgendwie zusammen gewirkt.

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Sieben Jahre nach unserem Einzug, am siebenten Oktober 1944, flog ein mächtiger Steinbrocken, von der Bergwerkshalde „Rote Grube" kommend, ins Dach unseres Hauses und direkt in unsere Bodenkammer. Es war ein „Gruß" alliierter Bomber, welche der Stadt Freiberg mit ihren Bombenabwürfen, die über zweihundert Todesopfer kosteten, zuzurufen schienen: „Paßt auf, wir kommen!". Auf den Tag genau sieben Monate später, am siebenten Mai 1945, rückten Truppen der Roten Armee in Freiberg ein. Wir sahen als erstes kleine ponybespannte und gummibereifte Panjewagen mit peitscheschwingenden Rotarmisten auf dem Kutschbock. Diese nicht sehr kriegerisch aussehenden Fahrzeuge rasten, von der Frauensteiner Straße kommend, direkt unter unseren Fenstern in Richtung Hornstraße und weiter in die Stadt hinein.  „Gitler kaputt" riefen die russichen Soldaten. Der Krieg war zu Ende.
Ebo
Juli 2009

 
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