Schwanentanz
Ein Urlaubserlebnis in Freiberg, Frühsommer 1984

von Margret Gering
 


Es ist ein Wochenende Mitte Juli, ein Samstag.  Ein herrlicher Tag kündigt sich an, sonnig und mild. Wir wollen ihn ausgiebig nutzen, die schöne Umgebung von Freiberg genießen und deshalb zeitig zu einem kleinen Ausflug aufbrechen.
Wir, das sind: meine immer lustige Schwiegermutter Elsa, meine kleine Enkeltochter Anja, fast drei Jahre alt, und ich, Mara, eine sehr junge Großmutter.

Freiberg, zwischen Dresden und Chemnitz gelegen, ist eine zauberhafte kleine Stadt mit alter Bergbautradition, einem sehr gut erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern, einer Stadtmauer von beachtlichem Ausmaß, dem Schloß Freudenstein und  dem Freiberger Dom mit seiner Tulpenkanzel und der berühmten Silbermannorgel.
Wir haben uns vorgenommen, den Freiberger Tierpark zu besuchen, der abseits der Altstadt liegt. Er ist eingebettet in die sanfte, hügelige Landschaft am Rande des Erzgebirges. Sein Tierbestand ist nicht groß, aber interessant, und weist viele Tiere auf, die in der Umgebung zu Hause sind. Die Tiere dürfen gefüttert werden, dafür steht artgerechtes Futter in Behältnissen bereit. Es gibt hier auch einen Streichelzoo für die Kinder, der großen Zuspruch findet. Hier verbringen wir natürlich die meiste Zeit.

 Am Ende des schönen  Spazierweges angekommen, legen wir eine Pause ein, Ännchens müde Beine streiken. Ich nehme mein kleines Mädchen auf den Arm, ihr Köpfchen sinkt auf meine linke Schulter, sie schläft sofort ein. Wer jemals ein schlafendes Kind längere Zeit auf seinen Armen trug, der weiß, dass bei jedem Schritt sich die natürliche Schwerkraft zu vervielfachen scheint. 

Wir kommen nur langsam voran. Unser Heinweg führt uns zu den drei  Kreuzteichen, die  vor der Altstadtmauer liegen. Aus dem Erzgebirge kommend, fließt der Goldbach durch diese Teiche, um schließlich etwas tiefer im Tal in den Münzbach zu münden.  Die Kreuzteiche sind miteinander durch unterirdische Kanäle verbunden, die unter den Gehwegen zwischen den Teichen verlaufen. Vor jedem Teichabfluß befindet sich ein kleines, gemauertes Fangbecken von etwa 50 Zentimeter Breite und 70 Zentimeter Tiefe. Es ist mit einem eisernen Gitter versehen; angeschwemmtes Holz und Unrat werden somit aufgefangen. 

Wir sind am oberen Kreuzteich angekommen. Mein kleiner,  noch etwas müder Wanderer erwacht auf meinem Arm. Ich stelle das Kind vorsichtig auf den Boden und wir gehen langsam weiter. 

 
Schon von weitem hören wir laute Schreie auf dem Wasser. Wer mag da wohl so laute Töne von sich geben, eine Gans, ein Schwan? Wir sehen Spaziergänger eilig zu einer  Stelle des oberen Teiches laufen. Ein zwei Meter hoher und 10 Meter langer, fester Drahtzaun  ist hier als Schutz zur Straße  angebracht. Dort bleiben die Spaziergänger stehen und schauen auf das Wasser. Wir nähern uns dieser Menschentraube und bleiben ebenfalls stehen. Der Schrei wird lauter, schriller: hier erleben wir ein "tierisches Drama". 
Die Übersicht auf den Teich  ist von unserem Standpunkt aus sehr gut. Die rechte Seite hat einen dichten Schilfbestand, der Enten, Blesshühnern, Haubentauchern mit ihren Jungen ausreichend Schutz bietet. Aber die Tiere schwimmen aufgeregt auf dem Wasser umeinander herum, geben  laute und schrille Schreie von sich. 
Was sich vor unseren Augen abspielt, ist ein einmaliges Naturschauspiel: Eine Blesshuhnmama nähert sich immer wieder dem Wasserablauf dicht vor uns. Sie kehrt um, schwimmt zurück zu ihren vier Jungen, die sie in der Obhut anderer Schwimmvögel zurückläßt. Wieder kommt sie auf uns zu, will auf etwas aufmerksam machen, schreit laut. Und wieder antwortet ein starker Schrei vom oberen Teil des Teiches. Jetzt ist das Tier zu erkennen, es kommt etwas näher, hält aber einen Sicherheitsabstand zu uns: Es ist ein schwarzer Schwan!  Ein wunderschöner, großer und stolzer Vogel, der nun in Aktion tritt. Seine Schreie werden noch lauter, imposant reckt er seine weiten Flügel in die Höhe, stellt sie ganz hoch, hebt den Körper leicht aus dem Wasser und "rennt" los. Große und kleine Kreise ziehend, bewegt er sich so, als liefe er auf der Wasseroberfläche. Wieder kommt er eilig auf uns zu, stürmt erneut davon. Er modelliert seinen Schwanengesang zwischen tiefen, hohen und schrillen Tönen und leisen Zwischentönen. Seine schwebenden Bewegungen direkt über der Wasseroberfläche sind eine einzigartige Darbietung. Er scheint zu tänzeln. 

In einem Augenblick der Ruhe hören wir ganz in unserer Nähe ein zartes, ängstliches Piepsen. Unsere Sinne konzentrieren sich augenblicklich auf die Quelle der zarten Hilferufe. Sie kommen aus dem kleinen Auffangbecken direkt vor uns. 
Der Schwan zieht seine Kreise immer näher zu uns Menschen hier am unteren Teichrand. Nun ist es klar, sein Auftritt  ist eine Botschaft an uns, wir sollen helfen! 
Ein junger Mann  deutet den Hilferuf der Tiere richtig, klettert beherzt über den Zaun, geht dem zarten Klageton nach, schaut in das kleine Auffangbecken und holt vorsichtig ein recht  kraftloses Blesshuhnkücken heraus. Augenblicklich ist die Alte neben ihm, schreit erregt. Der Retter  wendet sich vorsichtig der Mama zu, setzt das Kleine neben ihr ab, das im sicheren Wasser sein zartes Stimmchen. erhebt. Blitzschnell schießt das Blesshuhn auf ihren Ausreißer zu, stupst ihn kurz mit ihrem Schnabel an und treibt ihn zu den Geschwistern in den sicheren Schilfgürtel zurück. 
Der Schwan verabschiedet sich mit starkem Flügelschlag, einigen stolzen Schreien und verläßt die Bühne als wolle er sagen: Seht her, meine Mission ist hiermit beendet; ohne meine Schreie, ohne meinen Tanz wäre niemand auf das Kückendrama aufmerksam geworden. – Augenblicklich verschwindet er und kehrt wieder zu den anderen Schwänen an den oberen Teichrand zurück. 
Auf dem Kreuzteich  zieht erneut Ruhe ein. Die Zuschauer verlassen ihren Standort und gehen weiter.

Vor Aufregung und Erstaunen über das Erlebte klammert sich  meine kleine Anja fest an mich. Ich  habe sie während der ganzen Show  auf meinen Armen gehabt. Sie umschlingt mit ihren beiden Ärmchen meinen  Hals und ist noch lange Zeit ganz still und sprachlos. Etwas Seltenes an ihr. Es ist auch für uns Zeit, weiterzugehen. 
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Autorin: Margret Gering, 15745 Wildau, Telefon 03375 504 894

 
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