Im Luftschutzkeller
   
 
Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehören laute, im schnellen Rhythmus ratternde, tuckernde und pumpende Geräusche von Bauarbeiten im kleinen Hof unseres Wohnhauses. Ich sehe Männer, die in staubiger Luft  mit langen Schläuchen und dicken biegsamen Röhren hantieren, mit lärmenden Werkzeugen große Löcher in die Wände brechen und gleich neben der Hoftür eine weißlich-graue Wand errichten. Jemand - ich wüßte gern, ob es meine Mutter ist - trägt mich auf dem Arm, so daß ich alles gut sehen kann. Aber ich mag den beängstigenden  Lärm nicht und wir gehen ins Haus zurück. 

Andere Erinnerungen schließen sich an. Mitten in der Nacht werde ich aus tiefem Schlaf geweckt: "Schnell, du mußt aufstehen, Fliegeralarm, wir müssen in den Luftschutzkeller!" 
Die oben geschilderten Eindrücke, die ich noch als Kleinkind gewonnen und im Unterbewußtsein aufbewahrt hatte, stammen von den Arbeiten beim Bau dieses Schutzraumes. Nun lerne ich den Zweck der Einrichtung kennen. Hastig rennen wir, jeder mit Gepäck in den Händen, die vier Haustreppen und die lange dunkle Kellertreppe hinab. Durch zwei eiserne Türen kommen wir in den schwach beleuchteten Schutzraum, setzen uns auf die langen  Holzbänke  vor ebenso langen Tischen und horchen ängstlich, ob von draußen Flugzeuggeräusche zu hören sind. 

Mit uns sind alle anderen Hausbewohner in den Luftschutzraum (die offizielle Abkürzung lautet "LSR") gekommen. Einige hüllen sich in die zur Ausrüstung des LSR gehörenden Decken. Andere haben ihre Federbetten mitgebracht, denn der Alarm kann lange dauern und man möchte den Nachtschlaf, so gut oder schlecht es nur geht, hier unten fortsetzen. 

Es ist strenge Pflicht, bei Fliegeralarm in den zugewiesenen Schutzraum zu gehen. "Blockwarte" mit Hakenkreuz-Armbinden kontrollieren die Wohnungen, ob sie wirklich von allen Bewohnern verlassen wurden. 

Auch aus den an der Hauptstraße gelegenen Nachbarhäusern kommen Bewohner, die Schutz vor Bomben suchen, in unseren Luftschutzkeller. Damit sie schnell hierher gelangen können, hat man Durchbrüche in den hohen Bretterzäunen geschaffen, die sich zwischen den Hausgrundstücken befinden. 

Die Nachbarsleute glauben, bei  uns sicherer vor Fliegerbomben zu sein als in den eigenen, nicht extra geschützten Hauskellern. Aber ich höre die Erwachsenen oft darüber reden, wie wenig sicher unser LSR in Wirklichkeit ist. Die weißgetünchte und zusätzlich abgestützte Betondecke unseres Schutzraumes ist zwar beeindruckend, jedoch befindet sich über ihr nur ein einstöckiges Bürogebäude mit einem flachen schrägen Dach. Direkt vor diesem Gebäude ist ein riesiger Tank in die Erde eingelassen. Er enthält Benzin für die nicht mit Gas betriebenen Omnibusse, die in den weiträumigen Garagen vor unserem Wohnhaus ihren Standort haben. Auf der anderen Seite der an unserem Wohnhaus vorbeiführenden Nebenstraße ist das Gelände des städtischen Gaswerkes. Kaum hundert Meter von unserem Haus entfernt stehen dort zwei mächtige, meist gutgefüllte Gasometer für die Versorgung der Stadt mit Leucht- und Heizgas. Ein Bombentreffer in einen der Benzin- oder Gasbehälter würde genügen, uns mitsamt dem scheinbar sicheren Luftschutzkeller in die Luft zu jagen. 

Um bei Bombeneinschlägen das Herabbrechen der dicken Betondecke des LSR zu verhindern, haben mein Vater und andere Männer mehrere starke Stämme und Balken zwischen Fußboden und Decke verkeilt. Jedoch glaubt kaum jemand, daß diese Stützen im Ernstfall helfen werden. 

Der LSR hat einen Notausstieg, der durch eine fast meterdicke Grundmauer in den Garten führt. Der Ausstieg ist eng und nur im Kriechen zu bewältigen. An beiden Seiten befindet sich jeweils eine kleine eiserne Tür, die bei Alarm mit sogenannten Reibern fest verschlossen gehalten wird. Der Eingang in den LSR ist bequemer. Man braucht nicht zu kriechen, sondern geht ganz normal durch zwei Eisentüren, die ebenso wie der Notausstieg mit langen Reibern fest verschlossen werden können. Die Türen haben Gummiabdichtungen zum Schutz vor Rauch, Qualm und giftigen Gasen, wie sie in brennenden und zusammenstürzenden Häusern entstehen. 

Auch im Inneren des LSR gibt es einen gewissen Komfort. Dazu gehört neben den noch nach frischem Holz riechenden Tischen und Bänken ein aus ebenso frischem Holz gezimmertes und mit einem Eimer ausgerüstetes Abteil für dringende Bedürfnisse. Selbst elektrische Deckenbeleuchtung ist vorhanden. Für Stromausfall liegen Haushaltskerzen und Streichhölzer bereit. Zusätzlichen Schutz bietet eine große offene Kiste, gefüllt mit Feuerlöschsand. Daneben, ordentlich aufgehängt, eine große Schaufel, eine Feuerpatsche und andere Gerätschaften für den Ernstfall. 

Ungeachtet all dieser „Fürsorge„ schimpfen manche Leute, wenn sie des Nachts ein- zwei oder sogar dreimal durch Sirenengeheul geweckt werden und Hals über Kopf in den LSR laufen müssen. Wir wohnen in der obersten Etage unseres dreistöckigen Wohnhauses und haben somit den weitesten Weg. Bepackt mit vorbereiteten Taschen und Koffern geht es fünf Treppen mit fast fünfzig Stufen hinab in den Untergrund. Bei völliger Dunkelheit, denn Licht ist strengstens verboten. Ein oder zwei gepackte Koffer jeder Familie müssen ständig im LSR stehen, versehen mit Adresse und Haushaltsnummer des Besitzers.  Wir haben die Nummer 16/40, wie ein lederner alter Kofferanhänger heute noch bezeugt. 

Wenn die Sirenen dreimal hintereinander einen langen Heulton von sich geben, bedeutet das Voralarm. Er wird ausgelöst,  wenn sich Bombenflugzeuge beim Anflug auf ihren Zielort oder beim Rückflug von diesem unserer kleinen Stadt nähern. Zu unserem "Glück" haben die Bomber bis auf eine einzige Ausnahme stets andere, in sogenannten Großräumen liegende Ziele. In Deutschland gibt es viele aus der Luft heimgesuchte  Großräume. Besonders häufig werden in den Luftlagemeldungen des Rundfunks die Großräume Ruhrgebiet, Berlin, Hamburg, Hannover-Braunschweig  und Magdeburg-Dessau genannt. Manche Großstädte tauchen hingegen in den Warnmeldungen nur selten oder gar nicht auf. Insbesondere kann ich mich, das letzte Kriegsjahr ausgenommen,  nicht an Warnmeldungen zu sächsischen Großräumen und -städten erinnern.

Die als Warnung im Rundfunkt verbreiteten Luftlagemeldungen haben ein festes sprachliches Schema, in dem je nach Situation nur die Anflugschneisen und Zielorte ausgewechselt werden. Ein Beispiel:

"Achtung Achtung, wir bringen eine Luftlagemeldung. Feindliche Bomberverbände im Anflug auf den Großraum Hannover-Braunschweig!"
(oder, wenn die Bomber schon in bedrohlicher Nähe sind: "... im Anflug auf Hannover-Braunschweig!")
Außer den unmittelbaren Warnmeldungen erfolgen zu jeder vollen Stunde routinemäßige Luftlagemeldungen. Sie werden auch dann gegeben, wenn keine Bombenangriffe bevorstehen. In diesen Fällen lautet die Meldung in der Regel: 
"Achtung. Wir geben die Luftlagemeldung. Über dem Reichsgebiet befinden sich keine feindlichen Flugzeuge!" (oder: " ... befindet sich kein feindliches Flugzeug!"
Mit Zunahme der Luftangriffe verschärft sich der Ton der Luftlagemeldungen.
Insbesondere wird nicht mehr der Anflug von "feindlichen Bomberverbänden", sondern von "anglo-amerikanischen Terrorbombern" gemeldet.

Auf den Voralarm folgt der Vollalarm, ein langanhaltendes auf- und abschwellendes Heulen der Sirenen. Dieser Heulton flößt unmittelbar Furcht ein.  Jetzt sind die Flugzeuge schon ganz in der Nähe, jeden Moment können Bomben fallen. Spannung und Angst der in den Luftschutzräumen befindlichen Menschen steigern sich immer mehr.  Alle erwarten das Schrecklichste. Manche beten oder flehen, daß die Luftangriffe (in Rundfunk und Zeitungen als "anglo-amerikanischer Luft- oder Bombenterror" bezeichnet) endlich aufhören mögen. Viele machen dem lieben Gott das Angebot eines Tauschhandels: bis zum Lebensende trockenes Brot würden sie essen, wenn nur die Bombenangriffe aufhören.  Als mit dem Kriegsende keine Bomben mehr zu fürchten waren, wollte sich niemand an diese Worte erinnern. Der liebe Gott war weit ...

Wenn nach dem Vollalarm ein minutenlanger gleichförmiger Sirenenton erklingt, bedeutet das Entwarnung. Der Fliegeralarm ist beendet.  Wir können in die Wohnung zurück gehen. Dabei kommt es vor, daß wir noch auf der Treppe kehrt machen müssen, weil die Sirenen schon wieder aufheulen. Noch häufiger ist der Fall, daß ich nach kurzer Fortsetzung des Nachtschlafes erneut aufgeschreckt werde mit dem Ruf:  "Schnell, Du mußt aufstehen, es ist  wieder  Fliegeralarm, wir müssen in den Luftschutzkeller... "
Wie viele Male sind wir nachts in den LSR gestürzt, manches mal noch im Nachthemd, Jacke und Hose über den Arm geworfen? Je länger der Krieg dauert, um so mehr häufen sich die Fliegeralarme. Niemand von uns zählt sie. Wir wissen nur, daß es viele Hunderte sind. Gab oder gibt es bei den Kellerkindern gesundheitliche Schäden durch diese ewig angstvollen Nächte, auch wenn es nicht zum Schlimmsten, zu Bombentreffern, kam? Ach wo, sagen die Ärzte meist, wenn man sie heute danach fragt.....

Und es sind nicht nur die Nächte. Tagsüber gibt es nicht weniger Fliegeralarme. Doch für mich besteht  noch eine besondere Möglichkeit zur Flucht aus dem Gefahrenbereich. Die Omnibusse auf unserem Verkehrshof müssen nämlich bei Alarm aus Gründen der  Sicherheit die Stadt verlassen und in die umliegenden Wälder fahren. Als Sohn eines Betriebsangehörigen brauche ich nur in einen der fahrbereiten Busse steigen und kann auf diese spezielle, sicher nur Wenigen vergönnte Art den grünen Schutzraum aufsuchen. Jedoch nicht immer fahre ich mit „ins Grüne", oft gehe ich auch bei Tagalarm in den LSR. 
Aus der Schule werden wir immer rechtzeitig nach Hause geschickt, wenn Luftalarm bevorsteht. Dafür haben  manche Behörden ein eigenes Vorwarnsystem, Drahtfunk genannt. 

Bei Luftalarm am Tage kann man, schönes Wetter vorausgesetzt, die Flugzeuge erblicken. Wir stehen dann trotz Vollalarm auf dem kleinen Hof hinter dem Haus und starren in den blauen Himmel, wo die schweren und großen Bomber als winzige Silbervögel zu sehen sind. Pulkweise fliegen sie in großer Höhe dahin, viele hundert Flugzeuge, die einen breiten weißen Streifen am Himmel hinter sich herziehen. Dieser auffallende Streifen entsteht aus den kondensierten Abgasen der mächtigen Flugzeugmotoren, welche die Luft mit einem anhaltenden dumpfdrohenden Wummern erfüllen. Wenn die Bomber  hoch fliegen, besteht keine Gefahr für uns. Wir betrachten die endlosen Bomberschwärme wie ein Naturschauspiel.

Zum Glück braucht unser LSR seine Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit nicht unter Beweis zu stellen. Es gibt nur einen einzigen Bombenangriff auf unsere kleine Stadt. Ich erlebe ihn im Luftschutzraum der Girosparkasse am Postplatz, wo meine große Schwester arbeitet. Bei Tagalarm gehe ich manchmal dorthin.  Es ist der 7.Oktober 1944 vormittags. Zusammen mit meiner Schwester und den anderen Angestellten der Bank stehe ich in dem kleinen Kellerraum, ein bißchen ängstlich und zugleich in der Hoffnung, daß der Alarm bald wieder zu Ende geht. Draußen ist alles ruhig, denn bei Vollalarm sind die Straßen wie leergefegt.  Doch urplötzlich ertönt ganz in der Nähe ein kurzer, gewaltiger Donnerschlag von unvorstellbarer Heftigkeit.  Es ist, als ob eine drohende, in Dunkel gehüllte riesige Faust zu Boden fährt und alles mit einem einzigen Hieb zertrümmert. Die Kellerwände scheinen auf uns zuzustürzen. In Panik ruft jemand: "Wir sind verschüttet". Kurz darauf noch ein zweiter, etwas weiter entfernter aber nicht minder furchterregender Schlag. Danach ist wieder Ruhe da draußen. Auch wir beruhigen uns allmählich. Weder uns noch dem Gebäude, in dem wir stecken, ist etwas geschehen. Aber über 200 Menschen, die meisten im Bahnhofsviertel wohnend, sind tot. In Sekundenschnelle von der dunklen Faust erschlagen oder zerfetzt. 

Vier Monate später beginnen gegen Mitternacht die furchtbaren Bombenangriffe auf Dresden. Auch bei uns ist Alarm, doch im halbdunklen Keller sitzend, ahnen wir nichts von dem Grauen, das sich keine vierzig Kilometer entfernt von uns abspielt. Erst als wir nach der Entwarnung aus dem Hausfenster der obersten Etage in die Richtung schauen, in der sich Dresden befindet, sehen wir den blutigroten Himmel. Mein Vater und meine Schwester sagen: "Dresden brennt!"

 
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