Die Russen sind da!

Kriegsende 1945

   
   
„Freiberger flieht, die Russen kommen !" - so schallt es aus den auf dem Obermarkt unserer Stadt angebrachten Lautsprechern.  Wohin sollen wir fliehen ? Niemand sagt es, niemand weiß es. Wir haben seit  Wochen einen Fluchtplan. Nicht wegen der Russen, deren aus Niederschlesien schon wochenlang herüber grollender Geschützdonner immer lauter wird, sondern wegen der drohenden Gefahr einer Zerstörung unserer Stadt, die von SS und Wehrmacht zur „Festung" erklärt werden soll. Diese Gefahr ist real. 

Schon einmal kamen die Russen. Unser Vater zitierte oftmals den ihm aus seinen Kindertagen bekannten Vers „Bom bom bom, die Russen komm´, über´n Landteich hergeschwomm ..." Warum und weshalb damals die Russen kamen, wußte Vater nicht so genau. Es war lange vor seiner Zeit und muß wohl während der Befreiungskriege um 1813 gewesen sein. Auch die Lage des „Landteiches" und der Grund, weshalb die Russen durch diesen Teich geschwommen sind, blieben unklar.

Wir packen Koffer, Kisten und Kästen und stapeln alles auf Vaters LKW, einem Anderthalbtonner "Dux", mit dem wir nach Süden zur tschechischen Grenze abrücken wollen. Der „Dux" steht schon abfahrbereit in der vorderen Garage dicht am Wohnhaus (dort, wo vorher die roten Omnibusse der Reichspost ihren Platz hatten), da bläst Vater die ganze Aktion ab. Seine Entscheidung lautet: Wir bleiben hier!

Mein „kleiner Bruder" Wolle (er ist sieben Jahre älter als ich) mußte im April, noch keine sechzehn Jahre alt, zur Wehrmacht „einrücken". Zur „Abwehr russischer Panzer" sind hinter dem etwa sieben Kilometer  entfernten Großschirma in Richtung Siebenlehn Gräben ausgehoben und Kampfstellungen aufgebaut worden. Jungs aus den höheren Schulklassen, darunter die meines Bruders,  wurden mit Wehrmachts -Fahrrädern ausgerüstet und in einer „Panzerabwehrkompanie" zusammengefaßt, die anrollende feindliche Panzer bekämpfen soll. Wolle ist als „Melder" zwischen den Stellungen und dem in der Stadt befindlichen „Hauptgefechtsstand" eingesetzt. Einmal kommt er für ein paar Stunden nach Hause. Sein Militärfahrrad hat Wolle im unteren Hausflur abgestellt, wo ich es genau besichtige.  Besonders auffällig: eine große „Panzerfaust", deren langes Abschußrohr samt panzerbrechendem Sprengkopf am Fahrradrahmen befestigt ist. Außerdem ist das Fahrrad noch mit zwei scharfen, griffbereiten Stielhandgranaten versehen. Ein großes Karabinergewehr und mehrere mit Gewehrmunition gefüllte Patronentaschen gehören auch zu Wolles Ausrüstung.

Ich gehe mit Wolle in den Garten, der sich hinter den Garagen befindet. Wir sehen uns die hübschen kleinen Aurikel  an, die wie in jedem Jahr kurz vor Wolles Geburtstag in vielen Farben zu blühen beginnen. Dann werden ein paar Familienfotos gemacht. Auf den Bildern sieht Wolle aus wie ein trauriger Junge, den man in eine schlecht passende Wehrmachtsuniform gesteckt hat. Der lange Militärmantel reicht ihm über die Stiefel bis zu den Füßen. Kinder als letzes Aufgebot des "Führers", der zu dieser Zeit in Berlin bereits seinen Selbstmord vorbereitet! 
 

Als Wolle ein weiteres Mal mit einer Meldung nach Freiberg geschickt wird, läßt Vater ihn nicht wieder von zu Hause weg. Die Uniform wird im Küchenofen verbrannt, Waffen und Fahrrad verschwinden, keiner weiß wohin. Niemand kommt, um Wolle zu suchen. Alles geht gut, der Krieg ist zu Ende!
Von den gleichaltrigen Kameraden aus Wolles Kompanie haben etliche das Kriegsende nicht mehr erlebt. 
 

Dem Einmarsch der „Russen" sehen wir alle mehr oder weniger ängstlich entgegen. Wie werden sich die fremden Soldaten uns gegenüber verhalten? Unsere Familie hat sich um eine junge Frau vergrößert. Sie kam aus dem kleinen erzgebirgischen Ort Zethau und lief ohne Ziel allein in der Stadt umher. Als meine Schwester das sah, nahm sie die Fremde schnell entschlossen mit nach Hause. Zu unserer Familie gehören nun insgesamt drei junge Frauen. Wird das gut gehen?  Vorsichtshalber werden Haus- und Hoftür unseres Hauses, die ohnehin schon sehr stabil sind, von innen mit dicken Brettern verstärkt. Kurze Balken zum Blockieren der Türklinken stehen außerdem bereit, um Eindringlinge abzuhalten.

Die ersten russischen Soldaten, die wir sehen, kommen auf Panjewagen, die mit kleinen Pferden bespannt sind, von der Kreuzung Frauensteiner Straße peitschenknallend die Eherne-Schlange entlang gerast und fahren ohne Aufenthalt weiter in die Stadt hinein. Wir können den Einzug der Rotarmisten von den Fenstern unserer Wohnung aus sehr gut beobachten. 

Kurze Zeit danach kommt ein kleiner Trupp sowjetischer Uniformierter direkt in unser Haus und auch in unsere Wohnung.  Der Trupp ist auf der Suche nach deutschen Soldaten und nach Waffen. Unsere Familie versteckt sich im Elternschlafzimmer. Die drei Frauen suchen auf dem Fußboden unter dem Doppelbett Schutz. Auch ich verkrieche mich dort, um meine Schwester „zu beschützen". Aus der Froschperspektive sehen wir mit einem Mal schwarze Stiefel auftauchen. Eine Männerstimme mit fremdem Akzent fordert uns auf, unter dem Bett hervorzukriechen. Die Stimme klingt energisch. Schrank, Kommode, Betten und auch der große Kachelofen werden von den Rotarmisten inspiziert. Gleiches erfolgt in den anderen Zimmern. Dann verläßt der Trupp wieder unsere Etage und kurz darauf auch das Haus. Nichts wurde uns weggenommen, keine der Frauen wurde belästigt.

In den nächsten Tagen kommen weitere "Besuche", aber stets ohne dramatische Folgen. Einmal, es sind schon ein paar Wochen vergangen, wird unsere Wohnung von einer militärischen Kontrollgruppe erneut durchsucht. Die Gruppe wird von einer schwarz uniformierten Offizierin geleitet. Die Frau ist streng und flößt Angst ein. Mit einer kleinen Reitpeitsche schlägt sie fortwährend an die langen schwarzen Schäfte ihrer Stiefel. Vater, der sich im Kinderzimmer mit ausgebreiteten Armen vor den Kleiderschrank gestellt hat, weil er darin verräterische Sachen meines inzwischen aus dem Lazarett heimgekehrten großen Bruders Kunnel vermutet, wird energisch beiseite geschoben. Die Situation ist hochgefährlich. Ein Deutscher, der eine Waffe besitzt und sie nicht bei der sowjetischen Kommandantur abgibt, wird erschossen. So steht es auf den vielen Aushängen, die überall in der Stadt angebracht sind. Zum Glück finden die Offizierin und ihre Begleitung nichts Verdächtiges. 
Auch diese Durchsuchung endet ohne Zwischenfälle. Wir vermuten, daß die gezielte zweite Wohnungskontrolle auf einer Denunziation beruht.

Mehrmals stehen einzelne russische Soldaten vor unserer Tür, um „Beute" zu machen. Wir hören das uns schon bekannte, fordernde „Uhri Uhri". Da ist bei uns wenig zu holen, aber Vater weiß ein besseres Mittel, unsere „Gäste" zufrieden zu stellen. Das Zaubermittel sind silberlegierte Münzen in der noch gültigen Reichsmark-Währung. Vater hat diese Münzen schon jahrelang vom Arbeitslohn abgespart und in kleinen Leinensäckchen aufbewahrt. Etliche der Säckchen haben wir in einer großen, mit Feuerlöschsand gefüllten Holzkiste, die im Hausflur vor unserer Wohnungstür steht, eingebuddelt. Kommen Beutezügler einlaßfordernd zu uns, geht Vater mit ihnen sogleich zur Sandkiste, zaubert eine Handvoll der silberglänzenden Taler hervor und bietet sie als Geschenk an. Das schwere Silber macht Eindruck, die Beutejäger greifen gern zu und nach kurzem, zumeist freundlichen Wortwechsel mit Vater ist der "Besuch" ohne Wohnungsdurchsuchung beendet. Es kommt vor, daß sich einer der "Besucher" noch weitere Münzen einstecken will, aber Vater nimmt sie ihm jedes Mal resolut wieder aus der Hand. Bemerkenswert ist, daß unsere Beutejäger nie das ganze Geldsäckchen verlangen. Auch versucht keiner, selbst in der Sandkiste Münzen auszugraben. Meist geben sich unsere "Besucher" mit dem Erhaltenen zufrieden.

Bald bekommen wir einen festen Tagesgast. Ein Major der auf dem Kraftverkehrsgelände mittlerweile einquartierten Panzerbrigade klopft eines schönen Frühlingstages höflich an unsere Wohnungstür und bittet Mutter Else in recht gutem Deutsch, ihm zu Mittag ein mitgebrachtes großes Stück Fleisch zu braten. Dazu wünscht sich der russische Gast Bratkartoffeln, aber sie müssen aus rohen Kartoffeln zubereitet sein. Die erforderlichen Kartoffeln sowie Zwiebeln hat der Major auch mitgebracht. Mutter Elses Bratkünste fallen offenbar zu seiner Zufriedenheit aus, denn nun kommt er jeden Tag mit Fleisch und Kartoffeln zu uns, um sein Lieblingsessen anrichten zu lassen und es an Ort und Stelle mit Wohlbehagen restlos aufzuessen. Die Bratdünste durchziehen verlockend die ganze Wohnung. In der Hoffnung, etwas abzubekommen, schleiche ich oft um den Tisch des Gastes herum, doch der Major würdigt mich leider keines Blickes und läßt nie das kleinste Stückchen von dem Fleisch und den knusprigen Bratkartoffeln übrig. Die Sache hat dennoch ihr Gutes, denn von jetzt an kommen keine unerwünschten „Besucher" mehr zu uns.

Einmal kommt Vater erst spätabends nach Hause. Wir sind schon in großer Sorge, denn es ist bereits Sperrstunde. Eine Militärstreife hat Vater außerhalb der Stadt gestoppt, als er mit dem "Dux" dringend benötigtes Stückgut zu verschiedenen Empfängern ausfährt. Die Streife fragt nach "Dokument". Solche Kontrollen sind üblich und Vater hat immer den entsprechenden Berechtigungsschein für seine Fahrten bei sich. Doch dieses Mal geben sich die Kontrolleure nicht zufrieden und verlangen "richtiges Dokument". Als Vater damit nicht dienen kann, wird er festgenommen und nach Brand-Erbisdorf in die Kommandantur der Roten Armee gebracht. Dort eröffnet ihm der diensthabende Offizier: Entweder Vater kann "richtiges Dokument" vorweisen, oder er wird nach geltendem Kriegsrecht als Spion behandelt und sofort erschossen.  Vater wird es mulmig. Er spricht kein Russisch und weiß nicht, was für ein "Dokument" ihm hier aus der Patsche helfen soll. Schon glaubt er das Laden von Gewehren zu hören. In buchstäblich letzter Minute erscheint ein anderer, höherer Offizier, der sich den Bericht des Diensthabenden anhört und danach die Freilassung von Vater anweist. Man gibt Vater einen Stempel auf seinen bisherigen Berechtigungsschein, wodurch dieser Schein zum "richtigen Dokument" wird. Vater darf wieder seinen "Dux" besteigen (ein Rotarmist hat den LKW inzwischen zur Kommandantur gebracht) und trotz der bereits eingetretenen Sperrstunde ungehindert nach Hause fahren.

Oft sehen und hören wir bei weit geöffnetem Küchenfenster, wie Einheiten der Roten Armee mit Gesang auf der Hauptstraße  vorüber marschieren. Es ist immer wieder beeindruckend, den kraftvollen Tenor des Vorsängers und den auf die Solostimme einfallenden Chor der marschierenden Rotarmisten zu hören. Besonders interessant ist das Lied von der „Läberwurscht". So verstehen wir jedenfalls eine Stelle im Refrain dieses Liedes. In Wirklichkeit singen Solist und Chor jedoch „ljubimij woshd´", was soviel wie „geliebter Führer" heißt. Das Lied ist „Väterchen Stalin" gewidmet und hat nichts mit der bei Russen und Deutschen gleichermaßen beliebten würzigen Wurst zu tun. 
Da auf der Hauptstraße besonders an den Abenden so gut wie keine Autos fahren und auch anderer Straßenlärm völlig fehlt, hören wir Solist und Chor selbst dann noch, wenn die vorbeimarschierte Truppe schon lange in der Ferne verschwunden ist. Nur allmählich wird der Gesang immer leiser, bis er ganz verklungen ist. 

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Ebo
Oktober 2009
 
 

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