Beobachtungen aus dem Fenster
     
 
An warmen Sommertagen schauen meine große Schwester und ich gern aus dem Fenster ihres kleinen Zimmers.  Wir machen es uns richtig gemütlich. Jeder hat ein großes Kissen zum Abstützen auf der Fensterbank. Auf diese Art können wir ziemlich lange schmerzfrei nach draußen Ausschau halten. Unsere Wohnung ist in der zweiten Etage, so daß wir die am Haus vorbeiführende Straße nach beiden Richtungen voll im Blick haben.

Der Fußweg auf der gegenüberliegenden  Straßenseite ist für uns besonders interessant, weil dort ab und zu bekannte Leute entlang laufen. Da ist zum Beispiel der kahlköpfige Herr Schmidt, der Mann von Frau Schmidt, die bei uns wegen ihres kleinen Milch- und Butterladens „die Butterschmidt’n", oder wegen ihres Vornamens „die Schmidt Anna" genannt wird. Herr Schmidt hat nichts mit Milch oder Butter im Sinn, denn er ist  Fleischer. Sein Standessymbol ist eine weiß-blau längsgestreifte Jacke. Niemals sieht man Herrn Schmidt ohne diese Jacke. Vermutlich würde man ihn auch gar nicht als Herrn Schmidt erkennen,  wenn er eine andere Jacke an hätte. Morgens kommt Herr Schmidt von rechts aus der  kleinen steilen Gasse, wo er zusammen mit der Schmidt Anna wohnt, und läuft an unserem Haus vorüber in Richtung Schlachthof auf Arbeit. Nach Arbeitsschluß marschiert Herr Schmidt mit schnellen Schritten wieder bei uns vorbei nach Hause zur Schmidt Anna.

 
Zu den Leuten, die häufig bei uns vorbei kommen, gehört auch der kleingewachsene bucklige Herr Seifert mit Vornamen Moritz. Er hat stets seinen Schäferhund bei sich. Der Hund ist sehr groß, er reicht seinem Herrn bis über die Schulter. Seifert Moritz ohne Hund ist ebenso undenkbar wie Herr Schmidt ohne Fleischerjacke. Meine Schwester und ich freuen uns immer, wenn der kleine Mann und sein riesengroßer Hund bei uns auftauchen. Wohin der Seifert Moritz geht, wenn er  von rechts auftaucht und bei uns vorbeiläuft, erfahren wir nie. Dafür können wir uns aber denken, wohin ihn der Rückweg führt, nämlich in die Rittergasse, die in der Unterstadt in der Nähe des Doms liegt. Dort gibt es ein Uhrmachergeschäft, über dessen Tür in goldenen Buchstaben geschrieben steht: „Uhrmacher Moritz Seifert", und darunter: „Uhren Gold & Silberwaren". 
Ebenfalls in der Unterstadt hat der Friseurmeister Alsner seinen Laden. Herr Alsner führt ein Doppelleben: Tagsüber ist er Friseur, abends Feuerwehrhauptmann. Beim Ausüben seiner Feuerwehrfunktion können wir Herrn Alsner aus unserem Fenster genau beobachten. Natürlich brennt nicht jedes mal ein Haus, wenn wir aus dem geöffneten Fenster Herrn Alsner erblicken oder ihn sogar noch bei geschlossenem Fenster hören können. Herr Alsner marschiert auch nicht in seiner schönen Uniform mit dem goldenen Hahnenkamm auf dem Helm an unserem Haus vorüber, wie Herr Schmidt in seiner weiß-blau gestreiften Jacke oder Herr Seifert mit seinem Riesenhund es tun. 
Nein, Herr Alsner steht mit beiden Beinen fest und unverrückbar hinter der Mauer des von uns gut einzusehenden Geländes der städtischen Gasanstalt mit ihren zwei großen runden Gasometern. Von seinem Platz aus ruft Feuerwehrhauptmann Alsner mit lauter militärischer Stimme kurz und zackig:  „Eins Zwei ! Eins Zwei ! Eins Zwei !".  Wenn Herr Alsner das nur so für sich täte, würde das nicht besonders auffallen. Seine schneidigen Kommandos dienen jedoch höheren Zwecken. Mit ihnen bringt er den Feuerwehrleuten bei, wie sie auf kurzen eisernen Leitern an der Fassade des vor dem Gaswerkgebäude befindlichen Feuerwehrübungsturmes hinauf und hinab zu klettern haben.
 
 
Auf Kommando „Eins" kommt der linke Fuß auf die erste Leitersprosse, bei „Zwei" der rechte Fuß auf die zweite Sprosse, beim nächsten „Eins"  wieder der linke Fuß am rechten Fuß vorbei auf die dritte Sprosse, beim folgenden „Zwei" wieder der rechte Fuß am linken Fuß vorbei auf die vierte Sprosse und so weiter, bis die erste Etage des Turmes erreicht ist. Dort steigen die Feuerwehrmänner, gleichfalls nach Kommando, über das Geländer aufs Podest der Etage, ziehen auf "Eins" die Leitern nach oben über die Köpfe und haken sie auf Kommando "Zwei" im Geländer der darüberliegenden Etage ein. Danach geht es, erneut nach den Rufen „Eins Zwei Eins Zwei", weiter auf den Leitern in die Höhe, bis die Feuerwehrleute schließlich unter dem Dach des Übungsturmes angelangt sind.
   
Es können drei Feuerwehrmänner, jeder mit seiner eigenen Leiter, nebeneinander am Turm hochklettern, gleichzeitig im Wechsel erst das linke und dann das rechte Bein hebend, was sehr interessant aussieht. Abwärts geht es ebenfalls in Dreierreihe, wieder nach den Kommandos „Eins Zwei; Eins Zwei" (und nicht etwa „Zwei Eins; Zwei Eins", was man annehmen könnte, weil es ja nach unten geht). 

Die Feuerwehrleute müssen dieses militärische Klettern beherrschen, wenn sie einen echten Brand löschen sollen. Zum Beispiel wenn beim Bauern Dünnemüller wieder einmal eine Scheune in Flammen steht, was schon mehrmals geschehen sein soll. Jedenfalls sagen die Leute, wenn das Feuerwehrauto mit lautem Tatü-Tata zum Einsatz ausrückt und die Wasserturmstraße in Richtung Münzbachtal hinunterfegt:  "Aha, beim Dünnemüller brennt es wieder!"

Zum Glück brauchen die auf dem Fußweg vorbeigehenden Leute ihre Beine nicht nach Kommando zu heben. Sie laufen auf gewöhnliche Art, nur der „Stadtsoldat" macht eine Ausnahme. Er, das ist in Wirklichkeit eine große kräftige Frau, die in energischen Schritten mit einem Stock in der rechten Hand den Fußweg entlang läuft. Den Stock braucht Frau Stadtsoldat, weil sie wegen eines steifen linken Beines ziemlich gehbehindert ist. Das Aufsetzen ihres Stocks auf dem festen Fußweg ist jedes Mal laut und deutlich zu hören. Dieses regelmäßige Geräusch klingt wie das rhythmische Klappern einer kleinen Spielzeugmühle, wie man sie in Gebirgsbächen hin und wieder zu sehen bekommt.
Frau Stadtsoldat und ihre kleine Tochter kamen mit einem Flüchtlingstroß in unsere Stadt, wo sie in der Nachbarschaft Wohnung erhielten.
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Das Fenster im Zimmer meiner großen Schwester ist nicht die einzige interessante Beobachtungsmöglichkeit für uns. Aus anderen Fenstern unserer Wohnung können wir auf das geschäftige Treiben blicken, das sich auf dem Gelände des Kraftverkehrs mit seinem großen Hof und den vielen Garagen für Omnibusse und Lastkraftwagen abspielt. 
Direkt an unser Wohnhaus schließt sich ein einstöckiger Bau an. Unter seinem schrägem Dach liegen Büros und Aufenthaltsräume für Angehörige der Reichspost. Im rechten Winkel dazu folgen die Garagen der zur Reichspost gehörenden Omnibusse und Omnibusanhänger, alle in roter Farbe. 
Nach den Reichspost-Garagen kommt die lange Reihe der Garagen für die Omnibusse der KVG, wie dieAbkürzung für "Kraftverkehrs-Aktiengesellschaft" heißt.  Diese Busse mit ihren Anhängern sind alle von heller gelber Farbe. 
Von unseren Fenstern aus gesehen ganz hinten sind Garagen für Lastkraftwagen der IVAG, was „Industrieverkehrs-Aktiengesellschaft" bedeutet. Die Lastkraftwagen der  IVAG und die großen Anhänger haben eine grüne Grundfarbe und eine um das  Fahrzeug herumführende weiße Rautenlinie. 
Ein großer und ein etwas kleinerer Lagerraum für die zu transportierenden Güter, ein Raum für Flüssiggasflaschen sowie Büros und Aufenthaltsräume der IVAG schließen diesen Komplex und zugleich das ganze Kraftverkehrsgelände ab. 
Zu allen Garagenkomplexen (Reichspost, KVG, IVAG) gehören Werkstätten für Reparaturen und Instandhaltungen der Omnibusse und Lastkraftwagen. 
Vor den Garagen der Reichspost und der KVG ist der große Omnibus-Waschplatz. Hinter dem Waschplatz befindet sich die Benzin-Tankstelle. In einem Nebenraum der Tankstelle werden die schweren eisernen Gasflaschen aufbewahrt, die für Omnibusse bestimmt sind, welche als Kraftstoff nicht Benzin, sondern  Flüssiggas (Propan, Butan) verwenden. 
Gegen Ende des Krieges liegt auf dem Hof  häufig ein großer Haufen Tankholz. Das sind kleine Holzstücke, aus denen in fahrbaren Schwelöfen Holzgas erzeugt wird, mit dem anstelle der immer knapper werdenden Treibstoffe Benzin und Flüssiggas die Verbrennungsmotoren von Omnibussen und Lastkraftwagen angetrieben werden. Die kleinen Schwelöfen, samt ihrem Zubehör auch Holzvergaser oder Holzgasgeneratoren genannt, werden zu diesem Zweck an die dafür vorgesehenen Fahrzeuge angehängt und auf die langen und kurzen Touren mitgenommen. Das im fahrenden Generator erzeugte Holzgas wird über eine Schlauchleitung zum Motor des Omnibusses oder LKW geleitet. Daneben gibt es auch Holzgasgeneratoren, die direkt am Fahrzeug hinter dem Führerhaus montiert sind und nicht wie ein kleiner Anhänger hinterher rollen.
Der Fahrer eines mit Holzgas betriebenen Fahrzeugs muß einen besonderen Führerschein haben.
Das Leben des großen Verkehrshofes beginnt am frühen Morgen mit dem lauten Öffnen der hohen eisernen Garagen-Falttore. Gleich danach werden die Motoren der Omnibusse und LKW angelassen, wozu meist die in jedem Fahrzeug dafür vorhandene Handkurbel benötigt wird. Das Anlassen klappt nicht immer beim ersten Mal und muß solange wiederholt werden, bis der Motor endlich anspringt. Auch die beiden extrabreiten, niedrigen Falttore, welche zusammen mit einer durchgehenden Mauer den Verkehrshof von der Straße trennen, werden für die Ausfahrt der Omnibusse geöffnet. Zwischen den lärmenden Geräuschen hört man die Rufe der Fahrer, Beifahrer und Schaffner. Über dem Ganzen ertönt unüberhörbar die Stimme des kleinen, aber wortgewaltigen Hofmeisters Bellmann, welcher fortwährend Anweisungen gibt. Mitunter geht es einfach darum, daß der Wasserschlauch von den Fahrern nach der Fahrzeugwäsche nicht wieder ordentlich zusammengelegt wurde. Wegen seines verwachsenen Rückens und auch wegen seines Mundwerks trägt der rastlose Hofmeister den Spitznamen „Doktor Buckelei". Rufen darf man ihn aber nicht so, denn das verträgt er nicht und droht dem Frechling mit seinen großen Händen.
Die Fahrer und Schaffner der Omnibusse und auch die LKW-Fahrer sind im Fahrdienst uniformiert. Diese Dienstuniform besteht aus Jacke, Stiefelhose und Schirmmütze. Zur Stiefelhose werden entweder Schaftstiefel oder  Schnürschuhe und Stiefelgamaschen getragen. Alle Uniformstücke sind schwarz. Eine Ausnahme machen die dunkelgrünen Epauletten und die metallischen Knöpfe an der Uniformjacke. Bei Werkstattarbeiten und Arbeiten an den Fahrzeugen sind blaue Overalls vorherrschend. Personen, die „etwas zu sagen haben", tragen meist einen blauen Arbeitsmantel. Hofmeister "Doktor Buckelei" macht da eine Ausnahme: Man erkennt ihn an seiner blauen Arbeitsschürze.
 
Kenner werden fragen, ob unser einzelstehendes großes Wohnhaus nicht noch zwei weitere Seiten hat mit Fenstern, die zum Beobachten geeignet sind. Das stimmt, aber von diesen Seiten des Hauses soll an anderer Stelle die Rede sein.


 

Wohnhaus (späteres Bürohaus) des Kraftverkehrs
in Freiberg, Eherne Schlange 1
Aufnahme April 2007, kurz vor dem Abriss
 
 

Gesamtansicht des Kraftverkehrsgeländes kurz vor dem Abriss (Garagenkomplex rechts verdeckt)
Aufnahme April 2007
   
Wohnhaus des Kraftverkehrs
Maifeiertag
Aufnahme nach 1945
 
 

IVAG-Ladestelle Freiberg
Maifeiertag
Aufnahme nach 1945
 
 
 
 
 
 
 
 
 



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