Dr. phil. Maximilian Pflücke  (1889 –1965)

Mitbegründer und Stellvertretender Vorsitzender
der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation im NS-Deutschland

Biographische Skizzenblätter 1- 4

Autor: Dr. Eberhardt Gering, Berlin
Stand vom 16. November 2007

   
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Verzeichnis der Skizzenblätter
   
Skizzenblatt 1
Übersicht der beruflichen und politischen Tätigkeiten
Skizzenblatt 2
Erste Jahre
Skizzenblatt 3
Politische Orientierungen
Skizzenblatt 4
Partei- und Organisationszugehörigkeiten bis Kriegsende 1945
Skizzenblatt 5
Leiter des Chemischen Zentralblatts bis Kriegsende 1945
Skizzenblatt 6
Beauftragter im Reichsforschungsrat unter Hermann Göring
Skizzenblatt 7
Leiter des Zentralnachweises für ausländische Literatur 
Skizzenblatt 8
Amtierender Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft
Skizzenblatt 9
Teilnahme an Internationalen Tagungen zur Dokumentation
Skizzenblatt 10
Mitarbeit im Fachnormenausschuß Bibliotheks-, Buch- und Zeitschriftenwesen
Skizzenblatt 11
Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation
Skizzenblatt 12
Rolle bei der Salzburger Tagung 1942
Skizzenblatt 13
Politische Entlastungen nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 14
Auseinandersetzung mit politischen Vorwürfen nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 15
Politische Orientierung nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 16
Weiterführung des Chemischen Zentralblatts nach Kriegsende 1945
Skizzenblatt 17
Rolle in der Nachkriegsphase der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation
Skizzenblatt 18
Aktivitäten zur Schaffung eines Instituts für Dokumentation
Skizzenblatt 19
Ehrungen und Auszeichnungen
Skizzenblatt 20
Letzte Jahre 
Skizzenblatt 21
Publikationen von Maximilian Pflücke
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Biographischen Skizzen
 
 
 
 

   
Skizzenblatt 1

   .Übersicht der beruflichen und politischen Tätigkeiten Pflückes.

      
Hauptsächliche berufliche Tätigkeiten
   
Redakteur, Chefredakteur, Herausgeber des Chemischen Zentralblatts und weiterer  Informationsmittel zur Chemie. Beginn 1913, Chefredakteur und  Herausgeber ab 1923.
Verantwortlicher Redakteur der "Zeitschrift der deutschen Öl- und Fettindustrie". 1920-1923 /1/
Mitglied der Deutschen Kommission zur Schaffung einheitlicher Untersuchungsmethoden für die Fettindustrie. vor 1931 -    /1/
Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation; Obmann des Ausschusses für Beschaffung ausländischer Literatur. 1941-1945
Beauftragter für die Organisation der wissenschaftliche Berichterstattung im NS-Reichsforschungsrat unter Göring. 1943/44 - 1945
Leiter des Zentralnachweises ausländischer Literatur  (sogenannte Feindliteratur).  1943 –1945
Amtierender Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft.  1943 -1945
Direktor des Instituts für Dokumentation (DDR).  1956 - 1959
Professor mit Lehrauftrag für Dokumentation an der Berliner Humboldt-Universität (DDR). 1949 –1958
 
Zugehörigkeit zu Parteien und Mitgliedschaft in anderen Organisationen
   
NSDAP Antrag 1933, Aufnahme 1936.
DAF, NSBDT, NSV Aufnahme automatisch mit NSDAP-Eintritt.
Loge Teutonia "Zu den 3 Weltkugeln" Eintritt vor 1933, genaues Datum unbekannt.
Gesellschaft für Erdkunde Eintritt 1926. Dauer der Mitgliedschaft unbekannt.
Deutsche Gesellschaft für Dokumentation Gründungsmitglied 
Deutsche Chemische Gesellschaft  Mitgliedschaft beruflich bedingt.
Verein Deutscher Chemiker Beitritt vor 1931 /2/
Allgemeiner Deutscher Automobil Club Beitritt vor 1931   /2/

Einem 1947 gestellten Antrag zur Aufnahme in die SED wurde wegen früherer NSDAP-Mitgliedschaft nicht stattgegeben.
Detaillierte Angaben zu den einzelnen Tätigkeiten und Funktionen siehe die nachfolgenden Skizzenblätter.
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Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 1
   
1
Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Bd. 2, 1931 (S. 398).- In: Deutscher Biographischer Index Bd. 6. – Saur 1998. 
2
Pflücke war im Verein Deutscher Chemiker 1. Schriftführer der Fachgruppe für Fettchemie. Zu VDCh und ADAC siehe Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Bd.2 1931, S. 398. – In: Deutscher Biographischer Index, Saur 1998, Bd. 6.
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Skizzenblatt 2

Erste Jahre

   
Im Nachwort zu seiner 1913 vorgelegten Inaugural-Dissertation schrieb der vierundzwanzigjährige Pflücke über sich selbst:
"Am 26. Juli 1889 wurde ich, Clemens Maximilian Pflücke, als Sohn des Betriebsdirigenten Clemens Pflücke und seiner Ehefrau Susanna geb. Richter in Potsdam geboren.  /1/  Ich bin evangelischer Konfession. Nach Erlangung des Maturitätszeugnisses am Kgl. Viktoria-Gymnasium zu Potsdam im Oktober 1907 widmete ich mich zuerst dem Studium des Bauingenieurwesens auf der Kgl.Technischen Hochschule zu Charlottenburg. Ostern 1909 wurde ich an der Universität Berlin immatrikuliert und studierte von da ab Naturwissenschaften, speziell Chemie. Meine praktisch - chemische Ausbildung erhielt ich am 1. chemischen Institut, wo ich im November 1911 das Verbandsexamen ablegte. 
Ich besuchte in Berlin die Vorlesungen und Übungen folgender Herren Dozenten: Exzellenz E. Fischer, Franz Fischer, Rubens, Struve, Hettner, Gabriel, Nernst, van- t´Hoff, Riehl, Neuberg, Kurlbaum, Wichelhaus, Eberstadt. Ihnen allen meinen aufrichtigen Dank.
Am 4. Dezember 1913 bestand ich die Promotionsprüfung." /2/  /3/ 
In einem späteren Lebenslauf schrieb Pflücke, daß er in Charlottenburg auch Nationalökonomie und an der Berliner Universität außerdem noch Philosophie belegt hatte. Sein 1909 erfolgter Wechsel an die Berliner Universität geschah auf Anregung des Eiweißforschers Emil Fischer. /4/ 

Datum der Promotion Pflückes zum Dr. phil. war der 11. Februar 1914. Das Thema der 1913 vorgelegten Dissertation lautete:  "Synthese aromatischer Quecksilberdikarbonsäuren durch Reduktion der Oxymerkurikarbonsäureanhydride und einige Doppelsalze der letzteren". /5/  Die Dissertation umfaßt 52 Seiten und enthält 18 Literaturhinweise.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Pflücke, nach einer kurzen Betriebsassistententätigkeit im Gaswerk Potsdam, als  Militärbeamter im Offiziersrang zum Landsturm (Wehrmachtteil Heer) einberufen.  Er erhielt vom Kriegsministerium ein Kommando als Sprengstoff-Chemiker am königlichen Militärversuchsamt in Berlin-Tegel.  /6/   /7/  Dort arbeitete Pflücke zusammen mit Prof. Dr. H.Kast, einer Kapazität auf dem Gebiet der Sprengstoffchemie. Beide Forscher suchten intensiv vor allem nach Ersatzsubstanzen für Fette und Mineralöle, da der Krieg Deutschlands Rohstoffbasis zusehends schmaler werden ließ. /8/ 
Pflücke schrieb dazu viele Jahre später:

"Hier [in Berlin-Tegel] hatte ich ..... mich im besonderen mit Ersatzstoffen auf dem Fett- und Mineralölgebiet zu beschäftigen, eine Tätigkeit, die auch Aufträge und Aufgaben seitens des Rohstoffamtes der Kriegsschmierölgesellschaft  ...  und der Seifenherstellungs- und Vertriebsgesellschaft nach sich zog. Meine eingehende Beschäftigung mit den letztgenannten Problemen hatte zur Folge, dass mir ... die Redaktion der ´Zeitschrift der deutschen Öl- und Fettindustrie´ , Verlag Julius Springer, im Jahr 1920 angeboten wurde, die ich dann auch jahrelang als verantwortlicher Redakteur geführt habe..... Ende 1923 war ich nach 4-jähriger Tätigkeit an dieser Zeitschrift durch anderweitige Verpflichtungen gezwungen, aus der Redaktion auszutreten ..."  /9/ 
Pflücke, der über eine ausgesprochene Organisationsbegabung verfügte, hatte bereits in den Jahren des ersten Weltkrieges eine starke Neigung zu den Problemen auf dem Gebiet der Dokumentation. Durch 1913 entstandene Kontakte mit der "Deutschen Chemischen Gesellschaft" kam es zu seiner Mitarbeit als Redakteur in der Redaktion des "Chemischen Zentralblatts". Diese wissenschaftsjournalistische Tätigkeit bestimmte fortan Pflückes Leben. /10/ 

Im Oktober 1918 heiratete Pflücke.die Gewerbeoberlehrerin Elisabeth Schröter.  Pflückes Schwiegervater war der Potsdamer Sanitätsrat Dr. Ernst Schröter, ein Logenmitglied. /11/  Seit 1926  /12/  bis zu seinem Lebensende wohnte Pflücke zusammen mit seiner Ehefrau in Potsdam-Wildpark, Kastanienallee 35 (2.Etage). /13/  Das Ehepaar hatte keine Kinder. /14/  /15/ 
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Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 2
   
1 Pflückes Eltern stammten beide aus Sachsen; Vater (1865-1926) aus Rebesgrün, Mutter aus Döbeln (1871-1915). Sein Vater war Direktor der Gaswerke Potsdam, Nowawes und Bornim (s. Reichshandbuch der Dt. Gesellschaft Bd.2, 1931, S.398).
2
Inaugural-Dissertation von Maximilian Pflücke. – Imberg & Lefson, Berlin 1914, S.51. Staatsbibliothek Berlin, Signatur Ah 7856-1914, Buchstabe P.
3
Deutscher Biographischer Index Bd. 6. – Saur 1998. Dort angegebene Primärquelle: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Bd. 2, 1931 (398). Siehe auch Jahrbuch der Deutschen Bibliotheken, Jg. 30, 1939.
4
Inaugural-Dissertation von Maximilian Pflücke ... a.a.O., Titelseite.
5
Curriculum Vitae des Clemens Maximilian Pflücke ...,  ohne Datum, verfaßt nach Kriegsende 1945. – Archiv BBAW  NL  M. Pflücke Ordner 32.
6
Uk-Karte Pflücke  vom 27.10.1943. - Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 32
7
Deutscher Biographischer Index ... a.a.O.
8
Günter Nagel: Das "Chemische Zentralblatt" wurde zu seiner Lebensaufgabe. – In: Potsdamer Neueste Nachrichten vom 28.August 1998.
9
Curriculum Vitae ... a.a.O. Siehe auch Günter Nagel: Das Chemische  Zentralblatt ..a.a.O. 
10
Günter Nagel: ... a.a.O.
11
Dr.med.Ernst Schröter verstarb 1940.
12
Beantwortung der Fragen des Personalfragebogens für Dr. Maximilian Pflücke. – Ausgefertigt nach Kriegsende 1945. Ohne Datum. – Archiv BBAW NL 1 M.Pflücke,  Ordner 32. Zu den  Wohnadressen Pflückes vor 1926 liegen keine Angaben vor
13
Nach dem 2. Weltkrieg bis Anfang der neunziger Jahre trug diese Straße den Namen "Professor - Ludschuweit - Allee", benannt nach dem von der sowjetischen Besatzungsmacht 1945 als  "Kommandant von Sanssouci" eingesetzten Kunstwissenschaftler Oberstleutnant Ludschuweit.
14
Beantwortung der Fragen des Personalfragebogens ... a.a.O.
15
Verband der Deutschen Presse, Fragebogen zur Mitgliedsaufnahme vom 23.10.1947. – Archiv BBAW  NL  M. 
Pflücke, Ordner 47.
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Skizzenblatt 3

Politische Orientierungen

   
In seinem fachlichen Wirken auf dem Gebiet der Dokumentation erlebte Pflücke vier gesellschaftliche Systeme: das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik, den NS-Staat und die ostdeutsche Nachkriegsgesellschaft (Sowjetische Besatzungszone; Deutsche Demokratische Republik).
Bei verschiedenen öffentlichen Äußerungen nach Kriegsende 1945 legte Pflücke immer Wert auf die Feststellung, sich im Dritten Reich ausschließlich der "reinen Wissenschaft" bzw. der "reinen chemischen Forschung" gewidmet und nie politische Reden geführt zu haben. Seinen frühzeitigen Beitritt zur NSDAP begründete er mit einer entsprechenden Aufforderung, die führende Wissenschaftler der Deutschen Chemischen Gesellschaft an ihn gerichtet hätten, damit er im Interesse der Chemischen Gesellschaft der Gleichschaltungspolitik der Nationalsozialisten besser entgegenwirken könne. "Von Natur aus schauspielerisch begabt, glaubte er, die Zeit des Nationalsozialismus mit diplomatischem Geschick zu überstehen." /1/  Pflücke hatte sich mit seinem Beitritt zur NSDAP anstelle einer Ablehnung des Mitmachens für ein "diplomatische Eingehen" auf die Politik der neuen Machthaber entschieden.
Wie wenig er, bei voller Anerkennung seines wiederholten humanistischen Eintretens für rassistisch Verfolgte, der Nazidiktatur entgegenwirkte,  zeigen vor allem seine Aktivitäten bei der vom Reichssicherheitshauptamt der SS beeinflußten Schaffung der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation, beim Ausüben der Funktion eines "Beauftragten für die Organisation der wissenschaftlichen Berichterstattung im Reichsforschungsrat" Hermann Görings und bei der Leitung des Zentralnachweises für ausländische Literatur. Aktivitäten, mit denen Pflücke objektiv das NS-System und den von Deutschland geführten Weltkrieg unterstützte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges paßte sich Pflücke sehr schnell den neuen politischen Bedingungen in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands an. Auf den ersten Blick erstaunt die scheinbare Problemlosigkeit, mit der Pflücke für sich den Übergang von der Nazidiktatur zum Aufbau einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung unter der sowjetischen Besatzungsmacht vollzog. Wie Dokumente belegen, liegt der Grund hierfür in dem großen Interesse, welches zuständige sowjetische Stellen unmittelbar nach der militärischen Besetzung Berlins und Potsdams an dem von Pflücke geleiteten Chemischen Zentralblatt zeigten. Sie waren bestrebt, Pflücke und seine Redaktion nach Moskau zu übernehmen, um dort eine russische Ausgabe des Zentralblatts zur Belieferung der sowjetischen Forschungsinstitute mit Chemie-Informationen zu organisieren. Dank der Kooperationsbereitschaft beider  Seiten war es jedoch möglich, eine vom alten Standort der Redaktion aus erfolgende Versorgung der sowjetischen Institute und Universitäten mit dem Chemischen Zentralblatt zu planen. Pflücke und seine Zentralblatt-Redaktion waren zu einem wichtigen Partner des Chemie-Ministeriums der UdSSR und dessen Berliner Behörden geworden.

Gleichzeitig hatte Pflücke, zumindest in der Anfangszeit nach dem Kriege, Kontakte mit Vertretern der amerikanischen Besatzungsmacht, denen es um eine Weiterführung des Chemischen Zentralblatts in Westdeutschland bzw. Westberlin ging. Nach seinem späteren Bekunden ist Pflücke auf diese Angebote nicht eingegangen, obwohl ihm offensichtlich das Interesse der westlichen Seite keineswegs gleichgültig war. /2/ 

Aus Pflückes mehrfach geäußerter politischer Entscheidung für die Sowjetunion und für eine sozialistische Gesellschaftsordnung erklärt sich auch die Bereitschaft maßgeblicher deutscher Stellen in Berlin und Potsdam, ihm noch im Jahre 1945 eine politische Unbedenklichkeitsbescheinigung auszufertigen und, in Abstimmung mit den sowjetischen Behörden, die Weiterführung der Redaktion des Chemischen Zentralblatts zu erlauben. Dadurch und durch eine entsprechende Empfehlung politischer Stellen ermutigt, beantragte Pflücke schließich 1947 die Aufnahme in die aus der Vereinigung von KPD und SPD hervorgegangene Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED). Wegen seiner früheren Zugehörigkeit zur NSDAP wurde dieser Antrag jedoch zurückgestellt und von Pflücke vermutlich auch nicht wieder erneuert. 

Sein politisches Bekenntnis zum Osten blieb unverändert bestehen, obwohl durch die Zurückstellung seines SED - Aufnahmeantrages das Mißtrauen doktrinärer Instanzen gegenüber dem ehemaligen NSDAP-Mann Pflücke vermutlich eher gefestigt wurde. Der weitere berufliche Aufstieg Pflückes wurde nicht behindert. Er wurde zum Professor berufen und erhielt an der Berliner Humboldt-Universität einen Lehrstuhl für Dokumentation. Für seine Leistungen auf dem Gebiet der naturwissenschaftlichen Dokumentation und beim wirtschaftlichen Aufbau wurde ihm ein Nationalpreis für Wissenschaft und Technik sowie der Vaterländische Verdienstorden verliehen.

Pflückes fachlicher und politischer Weg mündete 1956 in der Ernennung zum Direktor des auf seine langjährige Initiative hin in der DDR geschaffenen Instituts für Dokumentation. Zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 1964 erhielt Pflücke eine vom DDR-Staatsratsvorsitzenden Ulbricht unterzeichnete Glückwunschadresse.
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Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 3
   
1
Walter Ruske: 100 Jahre Deutsche Chemische Gesellschaft. – Verlag Chemie GmbH 1967, S. 191.
2
siehe Skizzenblatt 16: "Weiterführung des Chemischen Zentralblatts nach Kriegsende 1945".
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Skizzenblatt 4

Partei- und Organisationszugehörigkeiten bis Kriegsende 1945

 
Organisationszugehörigkeiten vor 1933
Über eine Parteimitgliedschaft Pflückes in der Weimarer Republik und vorher ist nichts bekannt. Pflücke selbst erklärte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, vor 1933 keiner Partei oder Organisation angehört zu haben. /1/ 
Diese Aussage ist bezüglich der Organisationen nicht korrekt. Wie Pflücke an anderer Stelle schrieb, war er Mitglied der "Loge Teutonia zu den drei Weltkugeln" in Potsdam. Außerdem war Pflücke seit  April 1926 „Ordentliches Ansäßiges Mitglied“ der Berliner Gesellschaft für Erdkunde (GfE). /2/ 
Die GfE hatte 1928, als sie ihre 100-Jahrfeier beging, 1281 Mitglieder, davon 790 ansässige, 399 auswärtige sowie 92 Ehren- und Korrespondierende Mitglieder. /3/  Die Gründe, welche Pflücke zum Eintritt in die GfE  veranlaßten, sind nicht ohne weiteres erkennbar. Einen Hinweis gibt seine nach Kriegsende erfolgte Aussage:
"Meine  intensive Beschäftigung mit dem geopolitischen Ostproblem hat mich schon früh zu der Ansicht geführt, dass ein inniges Zusammenarbeiten mit der Sowjetunion für Deutschland existenzbedingend ist ...". /4/ 
Die Geopolitik versucht die geographischen Gegebenheiten mit politischen Zusammenhängen zu verknüpfen und analysiert die Verbindung zwischen beiden Gegebenheiten (z. B. bei Grenzstreitigkeiten). Die von Karl Haushofer 1924  gegründete „Zeitschrift für Geopolitik“, die weltweit Ansehen und Beachtung fand, wurde zu einem Propagandaorgan der Nationalsozialistischen Ideologien. Die Geopolitik, die sich in Verbindung mit Rassismus und Chauvinismus besonders in der "Lebensraumtheorie" ausdrückte, wurde zur ideologischen Vorbereitung des zweiten Weltkrieges benutzt. Geopolitische Gedankengänge flossen seit den Zwanziger Jahren bis heute in die Handlungsweise eigenständige Welt- und Machtpolitik betreibender Staaten ein. /5/ 

Daß Pflücke mit dem "geopolitischen Ostproblem" vor allem die Beziehung zwischen Deutschland und der Sowjetunion meinte, geht aus seiner oben zitierten Aussage deutlich hervor. Es ist allerdings unwahrscheinlich, daß er unter dieser Beziehung schon vor und während der Nazidiktatur "ein inniges Zusammenarbeiten" verstand. Zu jener Zeit dürfte auch für Pflücke und das von ihm geleitete ChZbl unter geopolitischem Aspekt eher die Ausdehnung der Deutschen Chemie-Industrie auf die Länder des Ostens und die Ausbeutung der Ressourcen dieser Länder im Vordergrund gestanden haben.

   
Anpassung an das NS-System
Sowohl im NS-Staat als auch im nachfolgenden, völlig entgegengesetzten Gesellschaftssystem Ostdeutschlands war Pflücke um politische Anpassung bemüht. 

Im NS-Staat kam das Anpassungsstreben Pflückes in seinem fast unmittelbar nach der fachistischen Machtübernahme erfolgten Eintritt in die Nazipartei zum Ausdruck.  Später begründete er diesen Schritt damit, daß er in dem Glauben gehandelt habe, als NSDAP-Mitglied der wissenschaftsfeindlichen Politik der Nazis besser entgegenwirken zu können (siehe Skizzenblatt 8)
Aus Pflückes Tätigkeit als Stellvertreter des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (DGD) und aus anderen systemtragenden Funktionen ist allerdings kein  "Entgegenwirken" bekannt. Pflücke betonte wiederholt die Kriegswichtigkeit der Dokumentationsarbeit  /6/ und engagierte sich in diesem Zusammenhang speziell für die Beschaffung von zu militärischen Forschungszwecken benötigter Fachliteratur aus "Feindländern".  /7/ 

Mitgliedschaft in der NSDAP
Pflückes Eintritt in die Nazipartei datiert lt. NSDAP-Karteikarte vom 1. 5. 1933, seine Mitgliedsnummer war 2280 244. Organisationsmäßig gehörte Pflücke zur NSDAP-Ortsgruppe Potsdam, Gau Brandenburg. /8/ 

Späteren Angaben Pflückes zufolge wurde er nach der NS-Machtübernahme von damaligen Führungspersonen der Deutschen Chemischen Gesellschaft (DChG) zum Eintritt in die NSDAP aufgefordert, um als Pg. (Parteigenosse) besser der vom NS-Staat betriebenen Gleichschaltung der DChG entgegenwirken zu können. In einem vermutlich Ende 1945 ausgefertigten Personalfragebogen äußert sich Pflücke diesbezüglich wie folgt:

„Ich bin seinerzeit auf Veranlassung des damaligen Generalsekretärs der Deutschen Chemischen Gesellschaft, des international bekannten Wissenschaftlers Prof. Dr. Arthur Binz, und des Geschäftsführers des Bezirksverbandes Gross-Berlin und Mark Brandenburg, Dr. August Buss, in die Partei eingetreten, um Abwehrmaßnahmen gegen die überstürzten, voreiligen und unsachgemäßen Eingriffe in die deutsche Forschung treffen zu können ."  /9/ /10/ 
In einem weiteren, nach Kriegsende 1945 verfaßten Text schreibt Pflücke:
"Die Deutsche Chemische Gesellschaft, die sich in ihrem Vorstand vorwiegend aus nichtarischen Mitgliedern zusammensetzte, war gefährdet.  In ihrer Besorgnis baten mich Vorstandsmitglieder sowie der damalige, jetzt verstorbene Generalsekretär, Prof. A. Binz, ein weltbekannter Chemiker, zwecks Abschirmung und Auffangung übereilter Massnahmen und im besonderen zwecks Orientierung der die Gesellschaft führenden Wissenschaftler in die NSDAP einzutreten. Ich wurde daraufhin durch die Geschäftsstelle des Bezirksverbandes Gross-Berlin und Mark Brandenburg bei der Partei angemeldet; meine frühere Logenmitgliedschaft zog jedoch meine endgültige Aufnahme und die Vereidigung  bis zum Jahre 1936 hinaus."/11/ 
Diesen Worten zufolge erhielt Pflücke von seinen damaligen fachlichen Vorgesetzten den Auftrag, in der NSDAP als ein zur Behutsamkeit mahnender Bremser (siehe die obige Formulierung: "gegen die überstürzten, voreiligen und unsachgemäßen Eingriffe in die deutsche Forschung") zu wirken. In einem gleichfalls nach Kriegsende von Pflücke verfaßten Text findet sich eine Bestätigung für diese Annahme:: 
"Der damalige Generalsekretär, der die Führung der Geschäfte der Deutschen Chemischen Gesellschaft in Händen hielt, war ein feinsinniger, weitgereister, international bekannter Wissenschaftler, Prof. Dr. Arthur Binz. Er glaubte bei dem Umbruch durch den Nationalsozialismus in der würdigsten Form das Schicksal der Gesellschaft in die Zukunft steuern zu können. Jedoch seine nichtarische Großmutter, die in Manchester lebte, wurde ihm in seiner Universitätslaufbahn und schließlich als Generalsekretär der Deutschen Chemischen Gesellschaft zum Verhängnis."/12/ 
Pflücke nahm als Wissenschaftler noch nach dem totalen Zusammenbruch des Dritten Reiches mehr die Position eines intellektuellen Kritikers als die  eines grundsätzlichen Gegners des NS-Systems ein, wie auch das folgende Zitat erkennen läßt:
"So betrachtete ich mich nicht nur als das Gewissen der reinen wissenschaftlichen Forschung in Deutschland, sondern auch besonders unserer wissenschaftlichen Arbeiten im Ausland. Dass der Nationalsozialismus, zu seinem eigenen Schaden, kein Verständnis für die wissenschaftlichen Belange gehabt hat, zeigt, dass auch die Arbeiten von Frau Prof. Lisa Meitner und Herrn Prof. Frank, Göttingen, die ja an der Atomzertrümmerung und letzterer auch an dem U-Bootkrieg massgeblichen Einfluß hatten, nicht richtig bewertet wurden. Diese Kurzsichtigkeit erkennt heute auch der Laie ohne weiteres." /13/ 
In logischer Konsequenz bedeutet diese Auffassung: Wären die deutschen Naziführer nicht so kurzsichtig gewesen und hätten die Forschungsergebnisse deutscher und ausländischer Forscher (Lise Meitner war eine österreichische Physikerin) richtig genutzt, dann hätte Deutschland nicht den Krieg verloren.  "Fehlendes Verständnis für die wissenschaftlichen Belange", "Unrichtiges Bewerten von Forschungsergebnissen" und "Kurzsichtigkeit" wirft Pflücke aus der Sicht der "reinen wissenschaftliche Forschung" dem NS-System vor. Aber war nicht gerade diese "Kurzsichtigkeit"  ein Glück für die Menschheit?

Datum des Beitritts zur NSDAP
Das Datum seines in der NSDAP-Kartei bezeugten Partei-Eintritts entspricht nicht dem Datum der Parteiaufnahme. Pflücke gibt nach dem Krieg hierzu an: 

"Wegen Logenmitgliedschaft bei der Loge Teutonia ´Zu den drei Weltkugeln´ wurde ich erst 1936 als Pg. aufgenommen und vereidigt. Ein Amt habe ich in der NSDAP nicht bekleidet.“  /14/ 
Die große zeitliche Differenz zwischen "Eintritt" und "Aufnahme" in die NSDAP war nichts Ungewöhnliches, da  personelle Überprüfungen sowie zeitweilige Aufnahmesperren die eigentliche Aufnahme um mehrere Jahre hinauszögern.konnten. Maßgebend ist das Datum der Anmeldung des Eintritts. Pflücke gibt als Anmeldedatum "Mai 1933" an,  /15/ was mit dem Datum auf der NSDAP-Karteikarte (siehe oben) übereinstmmt. 
   
Mitgliedschaft in Gliederungen der NSDAP
Nach eigenen Angaben war Pflücke Mitglied in folgenden Organisationen:
DAF Deutsche Arbeitsfront
NSBDT Nationalsozialistischer Bund deutscher Techniker
NSV Nationalsozialistische Volkswohlfahrt
In dem oben zitierten Personalfragebogen schreibt Pflücke hierzu:
„Zwangsmässig gehörte ich infolge meiner Mitgliedschaft bei der Deutschen Chemischen Gesellschaft der DAF, dem NSBDT  /16/  und der NSV an. Ein Amt habe ich auch in diesen Gliederungen in keiner Weise bekleidet.“  /17/
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Quellen und Zusatzangaben zum Skizzenblatt 4
    
1 Personalfragebogen Dr. Maximilian Pflücke, Potsdam, Kastanienallee 35.-  o.D., nach Kriegsende 1945. – Archiv BBAW NL M. Pflücke.
2 Mitgliedsurkunde der "Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin" vom 10.4.1926. – Archiv BBAW NL M.Pflücke, Ordner 9.
3 Otto Quelle: 125 Jahre Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin: 1828-1953. - Berlin-LichterfeldeGesellschaft f. Erdkunde 1953.
4 Curriculum Vitae des Clemens Maximilian Pflücke ...,  4. Blatt, ohne Datum, verfaßt nach Kriegsende 1945. – Archiv BBAW NL  M. Pflücke Ordner 32.
5 Artikel "Geopolitik" in Wikipedia (WWW, September 2007) und in BI Universal-Lexikon Bd. 2. S. 257 – Bibliographisches Institut Leipzig 1985.
6 Alfred Karasek: Protokoll der Sitzung der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation am 6.4.1944. RSHA VI G – BA R 58/130, Bl. 243-245 (Stempel "Geheim").
7 Martin Sandberger: Zentralnachweis für ausländische Literatur. Rundbrief RSHA VI A1 vom 20.4.1944. – BA R 58 / 130/1143.
8 BA (ehem. BDC) NSDAP-Zentralkartei.
9 Personalfragebogen ... – a.a.O.
10 Curriculum Vitae des Clemens Maximilian Pflücke ….. a.a.O., Seite 3 (im Dokument als Blatt 2 ausgewiesen).
11 Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben, Seite 7. – Undatierter Text, vermutlich 1945 oder 1946 vgl. Jahreszahl 1947 auf Seite 5). – Archiv BBAW NL M. Pflücke, Ordner 32.
12 Curriculum Vitae des Clemens Maximilian Pflücke ….. a.a.O., Seite 3.
13 Maximilian Pflücke: Persönlichkeit und künftige Aufgaben. – a.a.O.
14 Personalfragebogen ... – a.a.O.
15 Verband d. Deutschen Presse, Fragebogen zur Mitgliedsaufnahme, 23.10.47. – Archiv BBAW  NL M. Pflücke, Ordner 47.
16 Die Deutsche Chemische Gesellschaft wurde als "Arbeitskreis" in den NSBDT vereinnahmt.
17 Personalfragebogen ... – a.a.O.
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